Zeitung Heute : Berlin, Bostelmannund die Banken

MARTINA OHM

Der Fall des zurückgetretenen Chefs der Grundkreditbank ist mehr als nur eine Personalie.Er wirft ein Schlaglicht auf Entwicklungen in der deutschen HauptstadtVON MARTINA OHMAuf den ersten Blick hat der Vorgang nichts Ungewöhnliches: Ein Mann an der Spitze einer Bank verläßt vorzeitig sein Amt.Unerwartete Risiken im Geschäft fordern personelle Konsequenzen.Der Wachwechsel erfolgt.Was war, spielt keine Rolle mehr.Die neuen Manager schauen nicht zurück.Sie vermitteln die Gewißheit: Alles wird gut.Krisen sind auch Chancen. Der Fall Jürgen Bostelmann besitzt eine Vielzahl von Facetten.Vor allem aber ist er mehr als nur eine Personalie, von der die Berliner Cliquenwirtschaft je nach Standort eher hämisch oder eher empört Kenntnis nimmt.Der Vorgang um den zurückgetretenen Chef der genossenschaftlichen Grundkreditbank wirft ein Schlaglicht auf Entwicklungen in Berlin, die auch an anderer Stelle längst spürbar sind.Hinter den ausgesprochen unterhaltsamen Fragestellungen, die sich dem geneigten Zuschauer aufdrängen, etwa: wer hier wem und warum übel mitgespielt haben dürfte, und wieso ein Aufsichtsrat weniger Konsequenz zur Schau stellen muß als ein Vorstand, steht die entscheidende Frage nach der Wandlungsfähigkeit Berlins aus eigener Kraft. Genau hier liegt nämlich eines der grundlegenden, strukturellen Defizite der Haupstadt.Egal, wohin man den Blick wendet - ob in die Verwaltung, in die Firmenzentralen oder auch in die Führungsetagen der Berliner Banken - allerorten werden Führungs- und Managementdefizite beklagt, die als Ursache einer lähmenden Selbstbeschaulichkeit ausgemacht werden.Erst ganz allmählich wird deutlich, daß man mit Hilfe von auswärts oftmals besser fährt, aber auch, daß von außen immer größere Ansprüche an den Standort Berlin gestellt werden.Berlin wird - was immer prophezeit und gewollt, aber lange Zeit kaum spürbar wurde - immer wichtiger.Je näher der Regierungsumzug nun tatsächlich rückt, desto mehr Entscheidungsträger von außerhalb interessieren sich für die Hauptstadt und ihr filigranes Netzwerk aus Politik und Wirtschaft.Das gilt auch und besonders für die Verbände, ob sie in Bonn, Hannover oder andernorts ansässig sind.Die Zeit arbeitet dafür: An Berlin kommt keiner vorbei.Dies mag erklären, daß auch die Lobbyisten von draußen mehr Selbstbewußtsein in die Waagschale werfen. Dabei wird deutlich: Mit der Bedeutung, die Berlin gewinnt, wächst unweigerlich auch der Anspruch an die Qualität des Bankenplatzes Berlin.Welche Maßstäbe die Kreditwirtschaft dabei anlegt, hat eben erst die Deutsche Bank unter Beweis gestellt.Und der Branchenprimus befindet sich in guter Gesellschaft.Mit neuen Adressen in Berlins Mitte können eine ganze Reihe namhafter Institute aufwarten: von der Rheinischen Hypo/Commerzbank bis zur Deutschen Handelsbank, von der bundeseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau zur BHF-Bank, von der niederländischen ABN Amro Bank bis zur amerikanischen Chase Manhattan Bank, von der Dresdner Bank bis hin zur Bankgesellschaft. Die anschaulichen Visitenkarten beweisen: Berlins Zukunft - auch die als Bankenplatz - hat schon begonnen.Natürlich wird man Versäumtes nicht nachholen können.Der deutsche Finanzplatz Nummer eins bleibt unwiderruflich Frankfurt (Main).Dafür sind die Weichen mit uneingeschränkter Zustimmung der alten Bundesrepublik unmittelbar vor dem 3.Oktober 1990 gestellt worden, als es um den Sitz der Deutschen Bundesbank und später, als es um den der Europäischen Zentralbank ging.Als Finanzkompetenzzentrum wird Berlin also kaum so bald im Konkurrenzkampf der Regionen mit wetteifern können.Bemerkenswert aber bleibt immerhin der enorme Wandel in der Berliner Bankenszene: der Zuzug ausländischer Repräsentanzen und Niederlassungen, die Bauten in Mitte und nicht zuletzt der Umbau, dem sich die einzelnen Häuser verschrieben haben.Nicht ohne Grund suchen die Landesbank mit ihren Sparkassen, die Berliner Bank und die BerlinHyp ihr Heil unter einem gemeinsamen Dach.Und auch die drei derzeit gehandikapten Berliner Genossenschaftsbanken versuchen den Schulterschluß in Form einer Fusion.Auch Banken sind Unternehmen, für die das betriebliche Wirtschaftlichkeitsprinzip gilt: Kosten runter, Rentabilität rauf.Nur in der Form gestärkt sind sie für Berlin ein Aushängeschild.Dieser Gesetzmäßigkeit mußte sich auch Jürgen Bostelmann beugen.

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