Zeitung Heute : Berlin braucht die Zirkulation des Geistes

Pluralität als Programm: Der Präsident der Berliner Akademie der Künste, György Konrád, plädiert für eine stärkere Vernetzung von Kunst und Kultur mit anderen Bereichen der Gesellschaft TAGESSPIEGEL:Herr Konrád, heute abend werden Sie Berlin wieder verlassen.Wohin geht die Reise? TAGESSPIEGEL: Was hat Sie bewogen, die Zeit Ihrer Zurückgezogenheit noch weiter zu beschneiden und das Amt des Akademiepräsidenten zu übernehmen? KONRÁD: Die Lust an einem Experiment.Ich mag Berlin, ich war neugierig zu sehen, wie zwei Hauptstädte miteinander leben können.Ich finde, daß dieses Leben zwischen literarischer Einsamkeit, deutscher Öffentlichkeit und ungarischer Offenheit sehr spannend ist.Außerdem bekomme ich auch etwas Geld dafür. TAGESSPIEGEL: Ein bewußt gewähltes Kontrastprogramm zur Einsamkeit des Schriftstellers?  KONRÁD: Ich würde sagen, eine Ergänzung.Literatur ist einerseits das genaue Gegenteil von Präsenz.Andererseits kann auch ein Schriftsteller nicht in der Einsamkeit allein leben, er kann auch nicht aus der Einsamkeit alleine leben. TAGESSPIEGEL: Sie kennen Berlin von zwei längeren Aufenthalten in der Vergangenheit.Sehen Sie die Stadt heute mit anderen Augen?  KONRÁD: Zunächst glaube ich nicht, daß es so viele Vorurteile zwischen den Menschen aus Ost und West gab und gibt, wie das viele dachten.Es gibt Identifikationen, und diese erkenne ich ausdrücklich an.Worauf es jetzt ankommt, das ist die gesamteuropäische Integration, und ich denke, daß Berlin als die deutsche Hauptstadt auch sehr gute Möglichkeiten hat, diese kulturelle Integration voranzutreiben. TAGESSPIEGEL: Fast scheint es, daß die europäische Vernetzung gerade auf dem Gebiet der Kommunikation schon von der sogenannten Globalisierung abgelöst wurde.  KONRÁD: Eigentlich gibt es sie schon, die Globalisierung der Kultur.Die Weltkultur stellt sich immer mehr dar als ein Netzwerk von Inseln.Dazu tragen Dinge wie das Internet und andere Kommunikationsformen natürlich bei.Auch ich erhalte, seit ich einen Internetanschluß habe, viel Resonanz von Menschen, die meine Bücher im Netz lesen. TAGESSPIEGEL: Schreiben Sie Ihre Texte am Computer?  KONRÁD: Das ist unterschiedlich.Wörter, die von Hand geschrieben sind, gehen durch den Körper hindurch und sind daher auf eine unvergleichbare Weise sinnlich. TAGESSPIEGEL: Zurück zu Berlin.Unsere Erfahrung nach 1989 war ja, daß es viele Mentalitätsunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen gegeben hat.Diese Linie trennt Berlin noch immer, sie trennt auch die Kulturbürger der Stadt.Kann eine Europäisierung, eine Globalisierung zum besseren Verständnis der Menschen beitragen?  KONRÁD: Ich wäre nicht glücklich als gutwilliger Beobachter, wenn die Ostdeutschen und die Westdeutschen einander vollkommen ähnlich würden.Das würde bedeuten, daß wir nichts bewahren können von dem, was wir gelernt haben.Ich denke, daß alle ehemaligen DDR-Bürger sehr ambivalente Persönlichkeiten in sich tragen.Das, was sie damals gelernt und in sich aufgenommen haben, war eine Art Amalgam, eine Mischung aus vielen Informationsströmungen - eine Mischung aus staatlichen Einflüssen, aus Westfernsehen, aus persönlichem Austausch, auch aus Gerüchten, die durch Freunde übermittelt wurden.Es gab eine orale Kultur, die anders war als die gedruckte oder öffentlich erscheinende.Es gab diese Pluralität auch innerhalb der DDR.Und plötzlich strömten die neuen Einflüsse hinein, aus der Bundesrepublik, aus der Welt. TAGESSPIEGEL: Welche Konsequenzen hat dies für das Zusammenleben in einer Großstadt wie Berlin?  KONRÁD: Wir werden überrascht sein, daß diese Ambivalenz aus Gelerntem und den extremen äußeren Einflüssen den Menschen eine besondere Energie gibt.Eine Energie, erzeugt durch die Spannungen in der Seele.Das Innenleben eines westdeutschen Bürgers ist in sich weniger paradox als das eines ostdeutschen Bürgers, der beides in sich trägt: eine offiziell gescheiterte Weltanschauung und ein neues Modell, das Besserung versprach. TAGESSPIEGEL: Sie sprechen von Spannungen in der Seele der Menschen.Kann die Akademie der Künste ein zentraler Austragungsort dieser Spannungen sein?  KONRÁD: Im Idealfall soll eine Akademie, also auch die Berliner Akademie der Künste, ausdrücken, was in der Seele der Menschen ist.Die Akademie hat sich immer dafür interessiert, wie Künstler in sich selbst diese Spannungen und Paradoxien lösen.Dies ist eine Aufgabe, losgelöst von moralischem Triumphalismus und Überlegenheitsgefühlen. TAGESSPIEGEL: Genau von diesen Gefühlen war die Auseinandersetzung über die Zusammenführung der beiden Akademien hauptsächlich geprägt.Allerdings ging es dabei in erster Linie nicht um einen Ost-West-Konflikt, sondern um die Frage: War jemand als Systemgegner ein Dissident ist er als Angepaßter im Land geblieben?  KONRÁD: Ich kann nur sagen, daß in Ungarn die Dissidenten nicht in der Mehrzahl waren.Die große Mehrheit der Intelligenz waren keine Dissidenten.Wir waren eine Minderheit.Und es war für uns völlig abwegig, daraus ein Überlegenheits-Bewußtsein zu entwickeln. TAGESSPIEGEL: Aber wenn jemand sagt, ich habe jahrelange Erfahrungen gemacht mit Menschen, die dem alten System verbunden waren, und ich fühlte mich verfolgt von diesen Menschen, mit denen ich nun plötzlich wieder in einem Gremium sitzen soll - was sagen Sie dann diesem Kollegen?  KONRÁD: Wie ich gehört habe, sind die Leute, von denen man sich verfolgt fühlen konnte, nicht mehr Mitglieder der Akademie.Vielleicht gibt es noch ein, zwei Menschen, über deren Rolle im System man diskutieren könnte.Wenn aber jemand ein wirklicher Liberaler ist und nicht nur ein ehemaliger, jetzt gewendeter Kommunist, dann interessiert ihn weniger, was irgendwelche Personen getan haben.Wer schuldig geworden ist, muß dies mit sich selbst ausmachen.Das ist Strafe genug.Wenn man mich fragt, ob ich mich darum kümmere, was der eine oder andere angeblich getan hat in der Vergangenheit, dann sage ich: Nein.Ich habe selber in einer Atmosphäre der Säuberung gelebt, als ein jüdisches Kind war ich Objekt einer Säuberung; dann war ich als Bourgeois wieder Objekt einer Säuberung.Dreimal wurde ich aus der Universität ausgeschlossen.Später kamen dann auch die Diskriminierung und die politische Säuberung in den verschiedenen Institutionen.Ich kenne die Gesichter der Säuberer.Diese Gesichter gleichen sich, unabhängig davon, für oder gegen wen sie sich einsetzen.Sie haben manchmal sehr gute Absichten, doch die Tätigkeit einer Säuberung zerstört ihren Charakter.Der Säuberer wird so selbst ein Opfer seiner eigenen Tätigkeit sein.Deshalb lehne ich aus purem Egoismus Forderungen ab, mich in diesem Sinne zu betätigen. TAGESSPIEGEL: Der Neubau der Akademie entsteht am Pariser Platz, unweit des Brandenburger Tores, wo neben der Kultur im engeren Sinne auch Wirtschaft, Politik, nicht zuletzt Gastronomie ihren Platz haben.Wie kann, wie will sich die Akademie der Künste dort behaupten, wie will sie sich präsentieren und profilieren?  KONRÁD: Ja, die Akademie wird viele spannende Nachbarn haben, Staatsgäste im Hotel Adlon, Bankiers, Abgeordnete im nahegelegenen Reichstag, Diplomaten in den Botschaften.Berlin, dieser Teil Berlins wird ein Zentrum sein für den Austausch verschiedener Bereiche des gesellschaftlichen Lebens.Es wäre schön, wenn es das Zentrum würde.Ich schätze den deutschen Föderalismus sehr hoch, aber ich frage mich, ob es nicht möglich ist, bei allen unbestrittenen Vorzügen des Föderalismus doch eine Hauptstadt zu schaffen, die eine echte Metropole ist, wie Paris oder London. TAGESSPIEGEL: Welche Rolle soll die Akademie in diesem Zentrum spielen?  KONRÁD: Ich stelle mir vor, daß die eleganten Herrschaften in unseren Glaspalast hineinschauen, neugierig staunen, dann vielleicht eintreten werden.Ich hoffe, daß eine Verbindung entsteht, die gegenseitiges Interesse weckt. TAGESSPIEGEL: Es gibt ja auch noch einen ganz handfesten Grund, warum es sinnvoll wäre, Politik und Wirtschaft für die Arbeit der Akademie zu interessieren ...  KONRÁD: Natürlich, Kultur braucht Geld.Kultur braucht Förderer.Wir bekommen Geld von der Stadt, aber das reicht auf die Dauer nicht, um alle Bedürfnisse zu befriedigen, alle eigenen Ideen umzusetzen. TAGESSPIEGEL: Das heißt, besonders willkommen sind Ihnen diejenigen, deren Neugier sich mit einer gewissen Großzügigkeit verbindet?  KONRÁD: Willkommen sind alle.Aber natürlich braucht die Akademie einen Freundeskreis von Förderern und verschiedenen Exponenten aus dem Wirtschaftsleben.Wir werden schon bald Schritte in diese Richtung einleiten. TAGESSPIEGEL: Wie soll das konkret aussehen?  KONRÁD: Wir wollen Personen und Unternehmen gewinnen, um Stipendien für junge Künstler zu finanzieren.Dieses Stipendium soll dann natürlich auch den Namen des Förderers oder der Firma tragen. TAGESSPIEGEL: Eine derartige Kommerzialisierung der Kultur wird von vielen Ihrer Kollegen heftig kritisiert.  KONRÁD: Kultur soll nicht dem Geld dienen, Kultur soll jedoch, so es möglich ist, auch Geld verdienen.Dies ist in diesen Zeiten ein Gebot der Vernunft.Es geht nicht um Kommerzialisierung.Die Sponsorentätigkeit ist nicht nur für die Kultur sinnvoll, sondern auch für die Menschen, die das Geld geben.Sie demonstrieren damit, daß Kultur nicht zu trennen ist von anderen Segmenten der Gesellschaft wie beispielsweise der Wirtschaft.Es geht um die Verbindung verschiedener Bereiche, von denen wir Menschen alle etwas in uns tragen.Der Mensch als Ganzes birgt in sich ein wirtschaftliches Ich, ein religiöses, ein philosophisches.Wir haben verschiedene Identitäten, die miteinander konkurrieren oder harmonieren.Diese Pluralität innerhalb eines jeden Menschen sollte sich niederschlagen in der Pluralität einer Akademie, einer Stadt wie Berlin.Diese Pluralität verdient die Aufmerksamkeit des ganzen Landes, aller Menschen in dieser Stadt.Es bedarf wechselseitiger Inspirationen.Eine solche Zirkulation des Geistes ist dringend notwendig für das Werden einer Metropole.

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