Berlin damals : Der wilde Westen

Mauerstadt Berlin: David Bowie bewacht ein kaputtes Fenster, Wolfgang Müller gründet die Kultband „Die tödliche Doris“. Ein Spaziergang zu den Schauplätzen von einst.

Kaspar Heinrich
Tanz den West-Berliner. Wolfgang Müller im Café M.
Tanz den West-Berliner. Wolfgang Müller im Café M.Foto: Christian Mang

Kiffen darf man hier also nicht mehr“, stellt Wolfgang Müller fest. Er klingt fast ein wenig enttäuscht, als er an diesem Winternachmittag das Café M in der Schöneberger Goltzstraße betritt. Ein Schild am Eingang weist auf das Hasch-Verbot hin. Auch sonst hat sich hier vieles verändert seit den frühen 80er Jahren, als Müller das Café noch häufiger besuchte und auch Ben Becker und Blixa Bargeld zu den Gästen zählten. Der Milchkaffee heißt inzwischen Latte, auch der Name des Cafés ist nicht mehr derselbe.

„Café Mitropa“ hieß es bis Mitte der 80er Jahre, benannt nach der Speisewagengesellschaft der DDR. Dann klagte die Deutsche Reichsbahn gegen den Namen, weil sie eine Verwechslung fürchtete – und bekam Recht. „Mitropa“ schnurrte zur Abkürzung zusammen, das Café blieb. Studenten sitzen heute an kleinen Bistrotischen, ein Mittzwanziger mit Dreitagebart und Strickmütze brüht Kaffee auf. „So hätte man sich vor 30 Jahren nicht gekleidet“, sagt Wolfgang Müller. „Da trug keiner eine Mütze in beheizten Räumen. Dafür aber gerne mal eine Sonnenbrille nachts in der dunklen Kneipe.“

Das Café Mitropa war einst ein „New-Wave-Treff mit fröhlich-coolem, zuweilen recht launigem Service-Personal“. So beschreibt es Müller in seinem jüngst erschienenen Buch über die West-Berliner Subkultur der 80er Jahre. „Ich mache mein Ding, ihr macht euer Ding – und wir versuchen, gut miteinander auszukommen. Das war immer das Motto der Barleute“, erinnert er sich, während stil- und zeitecht ein früher Depeche-Mode-Song aus den Boxen schallt.

Mit Anfang 20 kam Müller nach Berlin, um an der Hochschule der Künste zu studieren. Für die DDR hieß die halbe Stadt damals „Selbständige politische Einheit Westberlin“, für die Bundesrepublik in offizieller Schreibweise „Berlin (West)“. Müller begriff sie 1979 als Exil, als Zufluchtsort vor der Provinzialität seiner niedersächsischen Heimat. Als einen Ort, an dem man sich ausprobieren konnte, ohne an ökonomische Verwertbarkeit denken zu müssen. Nach West-Berlin zogen junge Männer auf der Flucht vor der Wehrpflicht, aber auch Künstler, auf die die Frontstadt des Kalten Krieges eine bizarre Faszination ausübte. Nicht zuletzt kamen sie auch wegen der niedrigen Mieten. Es versammelten sich Menschen, die der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen angesichts der Maikrawalle von 1987 als „Anti-Berliner“ bezeichnete, als Leute, „die gegen alles sind“: Hausbesetzer, Anarchisten, Punks. Das Inseldasein befeuerte die Narrenfreiheit – und somit auch die Subkultur.

Wolfgang Müller wurde zu einer ihrer prägenden Figuren. Er organisierte das „Festival Genialer Dilletanten“, zu dem 1981 rund 1400 Zuschauer ins Tempodrom kamen. Der Rechtschreibfehler im Wort „Dilletanten“ war zuerst ein Versehen, wurde aber bald zum Markenzeichen der Gruppe. Es traten unter anderem die Einstürzenden Neubauten, Gudrun Gut und Westbam auf. Im Folgejahr gab Müller im Merve-Verlag den Band „Geniale Dilletanten“ heraus, mit Interviews, literarischen Texten, Briefen, Fotos, Zeichnungen und der Bastelanleitung für einen militärischen Papierflieger. Die Autoren: junge Künstler und Musiker. Das Buch wurde zum Manifest der West-Berliner Subkultur.

Avantgarde und Subkultur zu sein, gleichzeitig aber auch Teil der großen Kunstmaschinerie – das funktionierte in den 80er Jahren. Zwei verschiedene Biografien hätte man zu dieser Zeit über ihn schreiben können, sagt Müller: einerseits die des Kunststudenten, der mit seiner Post-Punk-Band „Die Tödliche Doris“ an der Documenta in Kassel teilnahm, in Japan spielte, nach New York flog und im Museum of Modern Art auftrat. Und auf der anderen Seite die Biografie von einem, der im sozial schwachen Kreuzberg lebte, mit Kohleheizung und Außentoilette, ohne Dusche, am Rand der Gesellschaft. An einem Tag Luxus, an den meisten anderen soziales Prekariat – das war für Müller der Normalzustand.

Genau wie der ständige Wechsel zwischen Hoch- und Subkultur. Denn neben Auftritten auf Kunstmessen und in Museen spielte „Die Tödliche Doris“ auf Punkfestivals und in Uni-Mensen. Heute sind die Super-8-Filme der Band im Besitz des Hamburger Bahnhofs, des Museums für Gegenwartskunst. „Wir wollten damals keinem Stil folgen, uns nicht anpassen“, sagt Müller. „Aber man wird wiedererkennbar, selbst wenn man versucht, es mit allen Mitteln zu verhindern.“

Das Gebiet rund um die Bundesstraße 1, die Hauptstraße und die Potsdamer Straße, bildet die Schnittstelle zwischen Schöneberg im Westen und Kreuzberg im Osten. Heute ist es ein lauter, dreckiger Transitort. „In den 80ern trafen da zwei Szenen aufeinander“, sagt Müller. Einerseits das ökologisch engagierte, sehr politische, aber etwas humorfreie Kreuzberg – und andererseits das eher künstlerische, dem New-Wave-Stil verpflichtete Schöneberg. Die Szenen waren zwar klar voneinander zu unterscheiden, trafen aber an Orten wie dem „Kumpelnest 3000“ in der Lützowstraße aufeinander. Aus einem Billigbordell war am 1. Mai 1987 eine Kneipe geworden, ursprünglich nur als Meisterschülerabschluss des Kunststudenten Mark Ernestus gedacht. An der Einrichtung änderte er nichts und gab dem Club den Namenszusatz „3000“ – weil 2000 im Jahr 1987 schon viel zu nah wirkte. Skandalautor Tom Kummer bezeichnete das Kumpelnest als seine zweite Heimat, der Schriftsteller Bernd Cailloux nannte es den „Albtraum einer einstigen Aufreißkneipe“ und – auf die Jetztzeit bezogen – „ein dankbares Berliner Dinner-Thema für Leute, die sich einmal auf der wilden Seite des Nachtlebens befunden zu haben glauben“.

Gründervater Ernestus spricht von einem Musik-Chaos in seinem „Readymade-Lokal“, von einer Mischung aus Industrial, Schlager, Glamrock, Pop, Klassik, Minimal Music, Disco und Punk. „Das war die Qualität solcher Orte: Es ging nicht um Abschottung“, so Müller. Auch nicht im „Anderen Ufer“, der ersten offenen Schwulenkneipe Deutschlands. Am 1. April 1977 hatte sie am Kleistpark eröffnet, ohne verdunkelte Fenster und Einlasskontrollen, wie es zu dieser Zeit bei Schwulenkneipen üblich war. Im „Anderen Ufer“ lernten sich Gudrun Gut und Blixa Bargeld kennen, die aus der DDR in den Westen übergesiedelte Nina Hagen schaute vorbei, auch David Bowie war häufiger Gast, da er nur wenige Meter entfernt wohnte. Wegen seines androgynen Auftretens war er eine Ikone der homosexuellen Szene. Als kurz nach der Eröffnung des „Anderen Ufers“ die Schaufensterscheibe von Unbekannten eingeworfen wurde, hielt Bowie Wache, bis der Glaser kam. Auch heute noch stattet er der Schwulenkneipe bei jedem Berlin-Aufenthalt einen Besuch ab, heißt es. Wie sehr ihm die Gegend noch immer am Herzen liegt, beweist der Song, den Bowie vor wenigen Tagen zu seinem 66. Geburtstag veröffentlicht hat. In „Where Are We Now?“ singt er vom Potsdamer Platz und der Diskothek „Dschungel“ in der Nürnberger Straße. Im Musikvideo ist die Berliner Mauer zu sehen – und das Haus in der Hauptstraße, in dem Bowie zusammen mit Iggy Pop lebte, nur wenige Meter vom „Anderen Ufer“ entfernt.

Wolfgang Müller arbeitete dort 1980 als Kellner, für fünf Mark die Stunde. Mitglieder der Lesben-, Schwulen und Transszene trafen auf Rockmusiker, und nur wenn sich ein heterosexuelles Pärchen allzu selbstvergessen küsste, mahnte das schwule Personal, „doch bitte Rücksicht auf die anderen Gäste“ zu nehmen. „Um die Gewalt heteronormativer Mehrheitsregime anschaulich und körpernah zu vermitteln“, wie Müller in seinem Buch erklärt. Noch heute existiert die Schwulenkneipe, allerdings unter dem geänderten Namen „Neues Ufer“.

Die Offiziellen der Stadt nahmen das Image des wilden, unkonventionellen Berliner Westens dankbar auf. Die Mauer gehörte der DDR, deshalb durfte sie bemalt und beschmiert werden. „Da wurden alle Outsider und Freaks wie in einem Schaufenster präsentiert“, sagt Müller. Künstler wurden instrumentalisiert, die Mauer zum Propagandainstrument, das empfand er schon damals so. Es galt das Motto: Guckt mal, wie frei man im Westen sein kann, bei euch im Osten geht das nicht. Und nur 50 Meter weiter habe die West-Berliner Polizei dieselben Graffiti-Sprayer verhaftet, wenn sie auf einem Brachgrundstück Wände besprühten.

Die „Neuen Wilden“ wurden promotet, junge Maler wie Rainer Fetting, die abstrakt-expressive Bilder schufen und wegen ihrer Nähe zur Galerie am Moritzplatz den Spitznamen „Moritzboys“ trugen. Nach außen hin, so Müller, sei das Bild von einer Stadt mit einer violetten Mauer vermittelt worden, in der überall Punks mit bunten Haaren herumlaufen. Wer aus Westdeutschland wirklich einmal herkam, war schnell ernüchtert: „Die merkten dann: Hier stinkt’s total nach Kohleofen, das ist ja eine graue Scheißstadt.“ Bands wie „Die Tödliche Doris“ wollten West-Berlin deshalb mit ihrer Musik so zeigen, wie es in ihren Augen wirklich war: depressiv, melancholisch, öde und monoton.

Eine Gleichzeitigkeit aus großer Intoleranz und Toleranz habe die westliche Stadthälfte damals ausgezeichnet, sagt Müller. Wilmersdorfer Kriegswitwen mit reaktionärer Gesinnung waren genauso Realität wie Punks mit Nietengürtel und grell gefärbtem Irokesenschnitt.

An der Potsdamer Straße liegt hinter einem Schaufenster im Erdgeschoss heute wie damals der „Penny Lane Frisörsalon“. Seit 1981 ist er in einer ehemaligen Dönerbude untergebracht. Knöterich, wilder Wein und Buschwerk heben den Eingang deutlich von den Nachbarhäusern ab. Eine grüne Holzbank neben der Ladentür ergänzt das Ensemble. „Eine Gartenlaube in Punk“ nennt Wolfgang Müller das Penny Lane. Chefin Lucy Weisshaupt wohnte dort in den 80er Jahren – und sie tut es noch heute. Einst gab es bizarre Themenpartys, bei denen sie den Gästen selbst gemixte Pilzcocktails servierte. Auf einer 20 Quadratmeter großen Bühne fanden Konzerte von Noisebands statt, mit Fön, Rasierer und Elektrogitarre, während ein weiblicher Punk Besuchern die Schamhaare schnitt.

Am Haus neben dem Penny Lane prangt heute ein Schild: „25. März 1981 – 30 Jahre besetzt!“ „Wie spießig“, entfährt es Müller, und seine stahlblauen Augen funkeln. „Jetzt feiern sogar schon die Hausbesetzer Jubiläen.“ Er selbst hält nicht viel von Nostalgie, trotz seines Buchs voller Anekdoten und Erinnerungen. Die Jubiläumsparty der Einstürzenden Neubauten hat er gemieden, seinen eigenen Geburtstag feiert er seit 30 Jahren nicht mehr. Er sei froh, dass die 80er Jahre vorbei sind. Anders als Blixa Bargeld, der die Mauer auch als Schutzwall vor der Langeweile Westdeutschlands sah, wollte Müller sie nie bestehen sehen: „Ich kann Mauern nicht akzeptieren.“

Die Wende war eine dringend nötige Frischekur für West-Berlin, findet Müller. In den Jahren davor sei die Stadt zunehmend dröge und morbid geworden, die kreative Energie drohte zu versiegen. Loveparade und Techno waren es, die in den 90er Jahren den Ton angaben.

Dass er heute junge Menschen aus dem Ausland trifft, die die Musik der „Tödlichen Doris“ kennen, macht Müller ein bisschen stolz. Ohnehin scheint Westalgie angesagt zu sein. Was vor mehr als zehn Jahren mit Sven Regners „Herr Lehmann“ begann, setzte zuletzt die Autorin Ulrike Sterblich fort, die in „Die halbe Stadt, die es nicht mehr gibt“ ihre Kindheitserinnerungen festgehalten hat. Die Neugier auf das absurde West-Berlin, die Insel im Meer des Klassenfeinds, scheint zuzunehmen. „Wenn der Abstand wächst, werden die Sachen zum Mythos“, sagt Müller, „das ist ganz normal.“

So sehr er Sentimentalität ablehnt, eine Konstante gibt es seit 30 Jahren auch im Leben von Wolfgang Müller: seine Wohnung in der Kreuzberger Waldemarstraße. Nur zeitweilig war er ausgezogen, damit sie renoviert werden konnte. Seitdem hat er eine Innentoilette. „Ich musste nie umziehen, um etwas Neues zu sehen: Die Gegend um mich herum hat sich selbst ständig verändert.“ Den wichtigsten Wandel konnte er ganz unmittelbar durch sein Wohnzimmerfenster verfolgen: Die ersten zehn Jahre fiel sein Blick noch Tag für Tag auf die Mauer. Seit sie gefallen ist, zieht es Müller häufiger aus Berlin heraus. Jedes Jahr verbringt er einige Zeit in Island. So ganz ohne Insel, scheint es, kann er nicht leben.

Wolfgang Müllers Buch „Subkultur Westberlin 1979–1989“ ist im Hamburger Verlag Philo Fine Arts erschienen.

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