Zeitung Heute : Berlin.de im Kreuzverhör

GUNTER BECKER

Wenn berlin.de, der lange annoncierte regionale Online-Dienst der Metropole, nun am 8.Dezember ins Netz geht, dann wird sein Start nicht nur von guten Wünschen begleitet sein.Diesen Eindruck hinterließ zumindest die Diskussionsveranstaltung "Netz.Statt.Berlin", zu der die Medieninitiative Mikro e.V.am Mittwoch abend ins WMF nach Mitte eingeladen hatte.

Der kritische Blick auf das Thema wurde bereits zum Start der Diskussion von Mikro-Vertreter Thorsten Schilling heraufbeschworen.Es sollte über öffentliche städtische und virtuelle Orte debattiert werden, deren Gestaltung der Berliner Senat in die Hände großer Wirtschaftsunternehmen gelegt hat.Auch die Public Private Partnership von Senat und Primus Online (einem Joint Venture von debis, der Metro-Gruppe und der Berliner Volksbank) soll schließlich ein öffentlicher virtueller Ort werden, in der die Stadt möglichst vollständig unter www.berlin.de abgebildet wird.

Um das verschwommene Bild der virtuellen Stadt schärfer zu zeichnen, lieferte Szenekenner Hilmar Schmundt eine kurze Bestandsaufnahme existenter oder eingestellter Berliner Online-Communities.Mit der Internationalen Stadt, der Kulturbox, Cy-berlin, Cyber-City und anderen Projekten ist Berlin reicher an digitalen Ausgaben als andere Städte.Warum als noch berlin.de? Ein Informationssystem habe man schaffen wollen, "in dem der Bürger zuverlässige Informationen, aber auch sich selbst wiederfindet", konterte Horst Ulrich von der Senatskanzlei, die für die Vorgaben und das Ausschreibungsverfahren zuständig ist.Sascha Korp von debis schloß sich mit seiner Darstellung des Konzeptes an.

Daß die anschließende Diskussion dann zunehmend den Charakter eines Kreuzverhörs annahm, hatte diverse Gründe: Unter den Zuhörern waren Berliner Netzaktivisten, die bereits mit berlin.de über eine Teilnahme an der kommunalen Online-Plattform verhandelt hatten, sich dann aber gegen die kostenlose Zulieferung ihrer Inhalte entschieden.Die Logik der Betreibergesellschaft, eine kostenfreie Einstellung von Inhalten mit einer Beteiligung an (eventuellen) Werbeeinnahmen zu vergüten, erschien einigen Diskutanten als Ausverkauf ihrer aufwendig produzierten Info-Angebote.Der wiederholte Hinweis von Korp und Ulrich, man wolle lediglich eine offene Plattform zur Verfügung stellen, auf der allen möglichen Anbietern Platz für ihre Aktivitäten zur Verfügung stehe, um ein "lebendiges System" zu schaffen, wurde eher mißtrauisch aufgenommen.Die Befürchtungen, daß die Geldgeber eine stromlinienförmige Ausrichtung der Inhalte aus Gründen der kommerziellen Verwertbarkeit einer authentischen Abbildung der heterogenen Berliner Landschaft vorziehen, waren deutlich spürbar.

Auch die Ankündigung, daß kommunale Verwaltungsdienste, wie etwa die Ummeldung eines PKW, gegen eine geringe Gebühr online im Stadtinformationssystem angeboten werden solle, fand wenig Gegenliebe, wie Horst Ulrich feststellen mußte.Umgekehrt zeigten aber die beharrlichen Fragen nach Datenschutz und der Möglichkeit politischer Mitbestimmungsverfahren, wie mißtrauisch viele Berliner Online-Projekte die virtuelle Community beobachten.Anfang Dezember wird Berlin hoffentlich schlauer sein.

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