Zeitung Heute : Berlin hat Bayer gerettet

Seit seiner Übernahme durch den Pharmakonzern floriert Schering wieder

Kevin Hoffmann
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Es war vor Ausbruch der Finanzkrise, als viele in der Stadt um einen Traditionskonzern und seine Mitarbeiter bangten. Der Pharmahersteller Schering, gegründet 1871, eines der ganz wenigen Unternehmen Berlins, das in fast allen Teilen der Welt bekannt ist, stand vor der Zerschlagung. Der Spuk begann vor drei Jahren, im März 2006. Da setzte der viel kleinere Darmstädter Pharma- und Spezialchemiekonzern Merck zur Übernahme von Schering an. Trotz aller Beteuerungen, den Standort Berlin zu erhalten, kursierten damals Gerüchte über eine Aufspaltung und den Verlust Tausender Arbeitsplätze.

Nach Wochen und Monaten einer nervenaufreibenden Übernahmeschlacht machte dann der Bayer-Konzern aus Leverkusen ein besseres Angebot. Schering verlor zwar seine Unabhängigkeit und Berlin einen Platz auf der Landkarte der 30 größten Aktiengesellschaften, die im Dax zusammengefasst sind, aber immerhin überlebte der Name Schering und die Zentrale. Nun heißt das Unternehmen offiziell Bayer Schering Pharma.

Trotzdem war es schmerzhaft: 950 Mitarbeiter haben ihre Stellen seither verloren, immerhin fand Bayer angeblich für alle „sozialverträgliche Lösungen“, wie es hieß. Sie bekamen Abfindungen oder Angebote, an anderen Standorten zu arbeiten. Trotzdem rumorte es. Im Februar 2007 zogen die Mitarbeiter mit Flaggen der Gewerkschaft zum Admiralspalast an der Friedrichstraße. Da flogen die Fetzen, es gab Pfiffe gegen die neuen Manager aus Leverkusen. Später hieß es immer wieder, dass es mit dem Einzug von Bayer nun etwas schneller, internationaler, aber auch ruppiger als zu Schering-Zeiten zugeht. Aber Bayer hielt das Versprechen: Der Kahlschlag blieb aus.

Die neue Führung des Unternehmens sagte seit spätestens Mitte 2008, dass beide Unternehmen nun zusammengewachsen seien. Bei Bayer weiß man, dass man sich mit Schering eine echte Perle ins Haus geholt hat. Denn heute ist es der wichtigste Teil der Gesundheitssparte, also Bayer Schering Pharma, beim Weltkonzern.

„Berlin rettet Bayer“, konnte der Tagesspiegel vor wenigen Wochen melden, nachdem der Gesamtkonzern seine Jahresbilanz 2008 vorlegte. Aus den Zahlen ging nämlich hervor, dass Bayer mit der Produktion von Kunststoffen und Lacken, wie man sie etwa in der Autoindustrie verwendet, in der Krise kaum noch Geld verdient. Medikamente gingen aber gut, auch Ende 2008 noch, als die Krise ihren neuen Höhepunkt erreichte. Im Gesamtjahr machte Bayer Schering Pharma 10,7 Milliarden Euro Umsatz, was fast einem Drittel des Bayer-Konzerngeschäftes entspricht. Und es waren die noch zu Schering-Zeiten entwickelten Produkte, die den Erfolg ausmachten: Die Antibabypillen der Yaz-Familie und das Multiple-Sklerose-Mittel Betaferon. Mit jedem dieser Produkte konnte das Unternehmen mehr als eine Milliarde Euro umsetzen.

Bayer Schering Pharma ist seit neustem auch Marktführer in China, dem bevölkerungsreichsten Land der Welt, in dem langfristig immer mehr Menschen zu Wohlstand kommen und Geld für ihre Gesundheit ausgeben dürften. Der Gerinnungshemmer Xarelto und das Krebsmittel Nexavar, Produkte aus Berlin, versprechen ein Riesengeschäft. 20 neue Medikamente will Bayer Schering Pharma in den nächsten fünf Jahren allein in China auf den Markt bringen.

40 000 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen weltweit, 5000 davon in Berlin. Dort sitzt auch Andreas Fibig. Der ging einmal in Reinickendorf zur Schule und ließ sich nach dem Abitur 1981 bei Schering zum Pharmakaufmann ausbilden. Dann verbrachte er einige Jahre bei verschiedenen Konkurrenten, arbeitete auch in Südostasien, Südamerika und den USA. Vergangenen September kehrte er in die Müllerstraße im Wedding zurück, diesmal als Vorstandschef. Er löste den von Bayer installierten Schotten Arthur Higgins ab, der kaum ein Wort Deutsch sprach. Vor allem diese Personalie macht den Schering-Mitarbeitern neuen Mut.

Ein international erfolgreiches Unternehmen wie Bayer Schering Pharma lebt von vielfältigen Impulsen, die es in Bewegung halten und seine Innovationskraft fördern. Berlin bietet uns dafür ein gutes Umfeld.

Andreas Fibig,

Vorstandsvorsitzender von Bayer Schering Pharma

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