Zeitung Heute : Berlin in der Krise: Das ungewohnte Wir-Gefühl

Ulrich Zawatka-Gerlach

Klaus Wowereit wundert sich über die Christdemokraten. "Wie kann man nur so dusselig sein!" Vor zwei, drei Wochen hat der SPD-Fraktionschef im Berliner Abgeordnetenhaus den CDU-Kollegen Klaus Landowsky in sein Büro eingeladen und ihm freundlich ins Gesicht gesagt: "Sie sind nicht mehr zu halten." Aber die CDU hält Landowsky immer noch. Seitdem gibt es keine guten Gespräche beim guten Essen mehr. Früher trafen sich Wowereit und Landowsky regelmäßig, zum Beispiel bei Borchardt in der Französischen Straße. "Erst ein Bier für den Durst und dann ein Fläschchen Wein", pflegte Landowsky zu sagen.

Jetzt sitzt der CDU-Mann auf dem absteigenden Ast, und Wowereit ist der aufstrebende Mann. In der SPD. Heute, am Sonnabend, wollen die Sozialdemokraten eine denkwürdige Inszenierung zeigen. Man will der Union sagen: Wir sind uns einig. Er rechne mit 80 bis 90 Prozent Zustimmung zu einer bis gestern vertraulich gehaltenen Resolution, sagte der SPD-Fraktionsvorsitzende am Donnerstag in der Lobby des Landesparlaments. Ohne zermürbende Redeschlachten, die sonst zum Ritual von SPD-Landesparteitagen gehören. "Mal sehen, ob es ein oder zwei Redebeiträge gibt", feixte Wowereit. Interessant ist der letzte Satz der Entschließung. Darin wird die CDU aufgefordert, Landowsky zurückzuziehen, sonst werde die SPD Neuwahlen anstreben.

Klaus Wowereit war der Erste in der sozialdemokratischen Führungsriege, der das Wort "Neuwahlen" öffentlich ausgesprochen hat. Zahn um Zahn hat er seit Februar das Rad der Koalitionskrise weiter gedreht, den Druck auf die CDU stetig erhöht und sorgfältig darauf geachtet, dass sich die Fraktion, die Partei und die Senatsmitglieder der SPD im gleichen Takt bewegten. "Nur nicht nervös werden", beschwört er die Genossen. Bisher ging die Rechnung auf. Verschmitzt lächelnd, im dunklen Anzug, beigem Hemd und rötlich changierender Krawatte, mit sorgfältig gekämmten Haaren steht er in der Lobby. Diesem Mann machen die Politik und das Leben Spaß. Seinem Vorgänger als Fraktionschef, Klaus Böger, musste die Fraktionsmitarbeiterin vor Fernsehauftritten oft die Ränder unter den Augen wegpudern. Wowereit sieht auch nach zwölf Stunden Arbeit noch aus, als käme er gerade vom Golfplatz.

Ja, das sozialdemokratische Arbeiterkind, dessen Mutter den Lebensunterhalt in einer Wäscherei verdiente, spielt gern Golf. Sogar im Urlaub in Bahrain. Er geht oft ins Theater und in die Oper. "Kunst", der komödiantische Streit von drei Männern um ein Ölgemälde, das nur aus einer weißen Leinwand besteht, ist sein Lieblingsstück. Wowereit besucht teure Restaurants, kocht leidenschaftlich gern und hortet gute französische Weine. In den Lagebesprechungen der SPD-Fraktion versorgt er die Parteifreunde mit frischem Gebäck. Der leichte Bauchansatz macht ihm allmählich Sorgen. Landowsky dagegen ist schmal geworden.

Sonst haben die beiden einiges gemeinsam: Sie kommen aus kleinen Verhältnissen, haben an der Freien Universität Jura studiert und eine klassische Parteikarriere hinter sich. Aber Wowereit gehört mit seinen 47 Jahren zu jener Politikergeneration, die dem alten West-Berliner Milieu nach dem Mauerfall entwachsen ist. Mit 18 Jahren trat er in die SPD hinein. Aus Sympathie für Willy Brandt. Er absolvierte die innerparteiliche Ochsentour: stellvertretender Kreisvorsitzender, Bezirksverordneter und Fraktionschef in der Tempelhofer Kommunalvertretung. Elf Jahre Stadtrat, seit sechs Jahren Mitglied des Abgeordnetenhauses. 1995 wurde er sofort zum Vize-Fraktionschef und haushaltspolitischen Sprecher gewählt. Im Dezember 1999 setzte sich Wowereit gegen den Gewerkschafter Hermann Borghorst durch und führt seitdem die SPD-Fraktion. Die Sozialdemokraten wollten Erneuerung.

Mit 45 Jahren Fraktionschef - das ist keine Blitzkarriere. Doch was Klaus Wowereit anfängt, packt er ordentlich an und lässt sich dafür Zeit. Auch auf dem Golfplatz hat Wowereit nur vor einem Angst: "Gleich beim Abschlag in die Grasnarbe hauen, und daneben stehen die Leute und lachen." Als Haushälter ist der penible Sozialdemokrat gefürchtet. Als Referendar hat er beim Landesrechnungshof gearbeitet. Als Stadtrat hat er gelernt, dass ohne Geld nichts geht. Die Aufräumarbeiten der ehemaligen Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing hat er gegen Widerstand in der eigenen Partei unterstützt.

"Wer soll das bezahlen?", ist Klaus Wowereits Standardfrage. Wie in der Senatssitzung neulich, als der SPD-Fraktionschef mit einer scharfen Zwischenbemerkung das Konzept für den Ausbau des Messegeländes ins Wanken brachte. Im Senat sitzt Wowereit jede Woche dabei. In den Rundfunkrat des Senders Freies Berlin hat er sich wählen lassen und im Beirat der Lottostiftung spielt er den Kultur- und Sportmäzen. Dem Hauptausschuss, der die Finanzen Berlins kontrolliert, gehört Wowereit nach wie vor an. Viele Fäden in der Hand halten - das ist sein Konzept. Und seitdem Wowereit ihr Vorsitzender ist, gehen die Berliner SPD-Abgeordneten nach den Fraktionssitzungen wieder zum Italiener um die Ecke. Das stärkt das Wir-Gefühl.

Mit dem Parteichef Peter Strieder und dem Schulsenator Böger hat er sich in den vergangenen Wochen zusammengerauft. Ein Dreigestirn, das die Linke, die pragmatische sogenannte "Kuschellinke" und den rechten "Britzer Kreis" im SPD-Landesverband repräsentiert. Dass die Berliner SPD nach vielen Jahren der Zerrissenheit wieder kampagnenfähig wird, daran ist Wowereits maßgeblich beteiligt. Sollte es Neuwahlen geben, wird er wohl der SPD-Spitzenkandidat. Mit jetzt schon hohen Beliebtheitswerten, nicht weit hinter dem Regierungschef Eberhard Diepgen. Zurzeit hat die Berliner SPD nur mit Wowereit eine Chance, besseren Zeiten entgegenzusehen. Wobei er bekennt: "Ich schließe auch nach Neuwahlen eine Koalition mit der CDU nicht aus." Mit den "Vernünftigen" in der CDU, wie Wowereit zu sagen pflegt. Zu Ostern wollte er auf Einladung der amerikanischen Botschaft für drei Wochen in die USA fliegen. Die Reise hat er abgesagt. Er will lieber zu Hause die Fäden in der Hand behalten.

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