Zeitung Heute : „Berlin ist international schlecht aufgestellt“

Die Hauptstadt braucht mehr Besucher aus dem Ausland, meint Jean K. van Daalen

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Herr van Daalen, im Wettbewerb um den Kunden, werden die Ideen der Hotels immer spektakulärer. Das SAS Radisson etwa baut in Mitte ein riesiges Aquarium in sein neues Foyer. Lässt sich Kundschaft nur noch durch solche Attraktionen gewinnen?

Ich glaube schon, dass das für eine bestimmte Zielgruppe nötig ist. Schließlich gibt es Hotels für verschiedene Kundengruppen. Und manche Gäste sehen gern etwas Neues, Aufregendes, Attraktives.

Doch gleichzeitig wächst die Zahl der Berliner Hotels kontinuierlich. Allein bei den VierSterne-Häusern gibt es bereits ein Angebot von mehr als 13 000 Zimmern. Wie viele Hotels verträgt der Berliner Markt noch?

Das kann wohl niemand beantworten. Im Moment ist das Angebot jedenfalls größer als die Nachfrage. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass das bald anders wird.

Was wird sich denn ändern?

Wir haben in Berlin eine sehr moderne Hotellandschaft und werden in Europa künftig eine wichtige Rolle spielen. Mit Paris oder London können wir uns nicht auf eine Stufe stellen. Diese Städte sind deutlich größer als Berlin. Aber ich denke mal, dass wir schon bald auf Position drei in Europa wachsen werden.

Wie wirkt sich die derzeitige Situation auf die Übernachtungspreise aus?

Viele Hoteliers sind zurzeit ,sehr kreativ’ in der Preisgestaltung. Teilweise sind die Preise in einem ziemlich starken Verfall. Doch man darf nicht alle über einen Kamm scheren. Im Adlon beispielsweise können wir uns ein Preisdumping nicht leisten, und unsere Kundschaft akzeptiert das auch.

Die Auslastung der Berliner Hotels war im Jahr 2002 gegenüber dem Vorjahr leicht rückläufig. Was erwarten Sie für das Jahr 2003?

Wir werden auch in diesem Jahr keine grundlegende Trendwende erleben. Die Zahlen sind rückläufig und werden sich jetzt noch nicht erholen. Allerdings gibt es erste Anzeichen, die uns optimistisch stimmen. Ruhig schlafen können wir aber noch lange nicht.

Welchen Stellenwert hat das Tagungs- und Kongressgeschäft für die Berliner Hotels?

Berlin ist ja eigentlich in einer glücklichen Lage. Am Wochenende kommen die Touristen, und in der Woche sind die Tagungsgäste hier. Das sind die beiden grundlegenden Standbeine der Hotellerie in der Hauptstadt. Doch gerade im Tagungsbereich gibt es noch einen ordentlichen Nachholbedarf. Denn aufgrund der gesamtwirtschaftlich schlechten Lage sparen viele Unternehmen natürlich auch im Tagungs- und Kongressbudget. In diesem Bereich verzeichnen wir große Einbußen. Wenn ein Unternehmen früher mit 80 oder 100 Personen anreiste, tut es das heute oft nur noch mit 20 oder 30 Mitarbeitern. Und das ist dann für uns deutlich zu spüren. Hoteliers und Wirtschaft müssen in diesem Bereich deutlich mehr tun, um dieses Standbein zu fördern.

In welchen Bereichen gibt es denn in Berlin noch Entwicklungspotenzial für das Tagungsgeschäft?

Berlin ist international schlecht aufgestellt. Aus dem Ausland brauchen wir dringend Wachstum, das heißt, mehr Besucher. Aber das geht nicht im Alleingang einiger Hoteliers. Hier müssen alle an einem Strang ziehen – und zwar auch die Einzelhändler, die Kulturanbieter, die Wirtschaft. Nur wenn alle gemeinsam handeln, können wir aus der Talsohle herauskommen und letztendlich davon profitieren.

Das Gespräch führte Roland Koch.

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