Berlin : Kleiner Garten, große Welt

Das letzte Bollwerk des deutschen Spießers? Von wegen. Es gibt doch nur zwei Nationen auf der Welt: die Gärtner und die Nichtgärtner. Ein Besuch bei Mehmet Alkan, erster türkischer Vorsitzender eines Berliner Schrebergarten-Vereins.

Kerstin Decker
Alkan
Integrationsgemüse. Mehmet Alkan am Zaun seiner Parzelle in der Weddinger Kolonie "Scherbeneck". -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Manchmal ist es wie Heimat. Wenn die Sonne Nadelstiche durchs Weinlaub macht, der Schornstein der Wäscherei dahinter verschwindet und die Trauben über ihm beginnen, schwer zu werden. Unter solchen Weinlaubdächern saß Mehmet Alkan als Kind. Hier ist er der Einzige mit so einem Terrassendach. „Die sind das nicht gewohnt“, sagt Mehmet Alkan. Nur in Gegenden, wo noch Wein wächst, kann man zu Hause sein, wusste der große Gärtner Hermann Hesse und zählte Berlin daher zu den unbewohnbaren Weltgegenden. Er kannte Mehmet Alkan nicht, den Weinpionier des Nordens, und die Weddinger Kleingartenkolonie „Scherbeneck“.

Andere Berliner Kolonien tragen zuversichtlichere Namen: „Frohsinn I“, „Frohsinn II“, „Glück im Winkel“, „Heimaterde“, „Sorgenfrei“ und immer so weiter. „Scherbeneck“ grenzt schon beinahe an Defätismus. Alkan weiß auch nicht, woher der Name kommt. Dabei müsste er das wissen. Denn er ist der 1. Vorsitzende hier. Ein Türke als Chef im Schrebergarten! So etwas gibt es nicht noch mal in Berlin. Und woanders wohl auch nicht.

Es ist noch gar nicht lange her, da hat kein Berliner Schrebergärtner damit gerechnet, vor seiner Gartentür einem Mitbürger mit Migrationshintergrund zu begegnen. Erstens, weil der Garten eine Gegenwelt zur Stadtwelt draußen ist. So entstanden die kleinen Gärten vor über 100 Jahren in der dicht besiedelten Mietskasernenstadt. Und zweitens, weil es im Grunde nichts gibt, was typischer deutsch ist als diese Kleinstparadiese, wo alles in Reih und Glied steht, Gurken, Erdbeeren, oft auch Lauben, bewacht von einer ganzen Armee Zwerge, dirigiert von einem Brauchtum, das niemand sonst auf der Welt versteht. Kenner des Metiers sagen: Bis zum ersten Zaun einer Kolonie gelte das Grundgesetz, dahinter das deutsche Kleingartengesetz. Bis heute. Nichtgärtnernde Freunde des vermutlich bekanntesten Berliner Kleingärtners mit Migrationshintergrund, Schriftsteller Wladimir Kaminer, hatten auch ihm anfangs keine Chance gegeben, in das „letzte Bollwerk des deutschen Spießers“ einzudringen.

Und jetzt ist ein Türke Wächter dieses Reichs, das sich nicht halb so schnell verändert wie alles drumherum. Wozu auch? Gärten unterliegen nicht dem Mobilitätszwang. Hier ist Wurzelnschlagen noch eine Tugend und zwar die höchste. Grünkohl bleibt Grünkohl. Eine Tomate ist immer noch rot, ein Blumenkohl ist …

„Moment mal!“, sagt Mehmet Alkan und zeigt in die äußerste linke Ecke seines schönen Gartens. Es leuchtet lila. „Das ist mein Blumenkohl!“, spricht der 1. Vorsitzende. „Und dort“, er zeigt in Richtung Gartentor, „das sind meine Tomaten. Die sind grün, und die bleiben grün, und innen sind sie hohl, und Beulen haben sie auch.“

Ein Mann betritt ohne zu klopfen und grußlos den Garten des Vorsitzenden. Der Vereinsweg davor gehört seit letztem Jahr einer amerikanischen Kosmetikfirma. Die Kolonie „Scherbeneck“ liegt nämlich dort, wo ein Pharmakonzern, die Kosmetikfirma, ein Zerspanungsbetrieb und andere Repräsentanten der industriellen Daseinsform zusammenstoßen. Aber eben nicht richtig. Manchmal sind noch ein paar Meter zwischen ihnen frei, und darum haben schon 1902 unbeugsame Weddinger beschlossen: Hier wollen wir unser Paradies auf Erden errichten!

Der schweigende Besucher legt drei Gurken auf den Tisch unterm Weinlaubdach. Immerhin sind sie nicht lila, sondern beruhigend gurkengrün. Alkan nickt dem sprachlosen Gurkenmann zu, der bleibt eine Weile stehen, als wolle er noch etwas sagen, nickt schließlich auch. Und geht. „Das war Manfred“, sagt der Vorsitzende. Und plötzlich begreift man vieles.

Der Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V. hat kürzlich eine Studie veröffentlicht. Die Studie heißt „Miteinander leben. Integration im Kleingarten. Ein Leitfaden“. Darin steht etwa, dass die Schrebergärten bisher mehr als 75 000 Migrantenfamilien die Eingliederung in ihre neue Heimat erleichtert haben. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt 8,9 Prozent, ihr Kleingärtneranteil immerhin schon 7,5 Prozent. In einigen alten Bundesländern liegt das Verhältnis gar bei zehn zu 20! Bloß in Berlin ist das anders. Nicht mal fünf Prozent Kleingärtner mit Migrationshintergrund bei fast 15 Prozent Bevölkerungsanteil. Dagegen ist Brandenburg ein Vorbild.

Und dann liest man die überraschenden Sätze: „Es gibt kaum eine gesellschaftliche Institution, die so viel für die praktische, unmittelbare Integration ausländischer und deutschstämmiger Migranten tut wie das organisierte Kleingartenwesen.“ Der stumme Gurkentausch vorhin war also ein Sinnbild gelungener Integration! In wortlosem Einverständnis legt der Gartenfreund ohne Migrationshintergrund sein Gemüse auf den Tisch des Gartenfreundes mit Migrationshintergrund. Viel sagen muss nur, wer sich nicht kennt.

Und dabei hätte Mehmet Alkan diesen Garten vor bald zehn Jahren fast nicht bekommen.

„Die wollten hier keine Ausländer“, sagt er, wirft einen tiefen Blick in seine Auberginentöpfe und prüft die eigenen Gurken. Sie sind noch immer kleiner als Manfreds. Es sind türkische Gurken. „Und Türken wollten sie hier schon gar nicht“, ergänzt Alkan, riecht am Thymian, den er vom türkischen Heimatberg gepflückt und im Schatten der Tanne des Nachbarn eingepflanzt hat, damit der Thymian sich zu Hause fühlt, denn auf dem türkischen Berg stand er auch unter einem Nadelbaum. Allerdings sind Nadelbäume kleingartengesetzwidrig, da ohne erkennbaren Ernährungswert. Und er, der Vorsitzende, wäre für die Beseitigung des Nadelbaums des Nachbarn zuständig. Alkan hat jetzt einen Blick wie: Aber doch nicht so lange mein Thymian unter seiner Tanne wächst. Ist die Tanne halt eine indirekte Nutzpflanze.

Vor zwei Monaten hat ein Hamburger Kleingartenverein den Antrag eines Türken abgelehnt, der seit 38 Jahren in Deutschland lebt. Ausländerfeindlich sei man nicht, im Gegenteil, sprach der Vorsitzende: Portugiesen erwünscht! Aber bitte keine Polen, Russen, Türken. Zu laut. Und: Wenn man an einen Türken vermiete, „sitzen drei Tage später 20 Türkenmütter auf dem Rasen und grillen.“ Die Hamburger sind nicht Mitglied im Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V.

Laut? Mehmet Alkan ist gewiss der leiseste aller Scherbenecker. Das liegt am Typus. Der wahre Gärtner weiß, er ist ein Gast auf Erden, auch in seinem Garten. Wenn er jedes Jahr Saftpresse und Marmeladenkochgeräte in Betrieb nimmt, macht er bestimmt noch die Tür zu, um die Vögel nicht zu erschrecken. Genaugenommen könnte er auch dahin gehen, wo ihn gar niemand mehr hört, in seinen Bunker. „Da ist der Eingang“ – Alkan zeigt mit leichtem Schauder hinter den Aprikosenbaum. „Ich war noch nie drin. Es soll ein großer Bunker sein“, sagt er mit unmerklich schwankender Stimme. – Aber da könnte er doch das ganze Gemüse drin bunkern! Auch den lila Blumenkohl. „Und den orangenen“, ergänzt Alkan, „aber ich will nicht.“

Bunker in Kleingärten sind verboten. Aber für Weltkriegsbunker kann keiner.

Bis auf den Bunker und ein paar Pflastersteine zu viel (Zubetonieren des Gartens verboten!) ist die Parzelle des „Scherbeneck“-Vorsitzenden absolut vorbildlich. Allerdings ändert sich gerade, was vorbildlich ist im Sinne des Deutschen Kleingartengesetzes. Unlängst hat das Gesetz §1 Abs. 1 Ziffer 1 sogar die „Erholung“ in die kleingärtnerische Nutzung integriert. Wahrscheinlich reine Resignation.

Eine Wanderung durch die kleinen Gärten Berlins offenbart oft nur noch Grillwiesen mit Blumeneinfassung. Ein paar Obstbäume stehen verunsichert herum und wissen nicht, dass man heute das Gegenteil von ihnen verlangt wie früher: Bloß nicht so viele Äpfel! Wer soll die alle pflücken? Wer soll die alle essen? Und im Supermarkt sind sie sowieso billiger. Das Gemüse hat es noch schwerer. Gemüseanbaugebiete sind vom Gartenzaun aus oft mit bloßem Auge nicht sichtbar.

Besonders verzweifelte Gartenfreunde haben ihre Parzellen schon ganz den Zwergen überlassen. Mehr als 50 Zwerge jeder Altersgruppe, mit und ohne Schubkarren, mit und ohne Windmühlen, aber dafür oft mit Harke und Spaten haben manche Parzelle schon unter sich aufgeteilt. Bloß: Da wächst ja nichts mehr! Die sind alle arbeitslos! Und dabei heben führende Kleingartenfunktionäre immer wieder hervor: „Mehr als anderswo zeigt sich in Berlin, dass die Kleingärten Spiegelbild der gesellschaftspolitischen Verhältnisse sind.“

Wäre Mehmet Alkans Garten das Spiegelbild, so wäre alles in Ordnung. Gärten wie seine mit viel Gemüse und Kräutern und Früchten und Bäumen sind eben doch viel schöner. Sie riechen auch anders. Und kein Zwerg weit und breit. Alkan hat sogar Kohlrabi und Grünkohl, lauter Integrationsgemüse. Aber der Ernst- und Testfall, hört man, sei Rhabarber. Rhabarber baut kein Nichtdeutscher freiwillig an.

„Haben Sie Rhabarber, Herr Alkan?“

„Ich habe ihn umgesetzt, da ist er eingegangen. Aber ich esse Rhabarberkuchen.“ Es klingt, als ahne er etwas.

Wir essen statt Rhabarberkuchen Apfeltaschen, da prallt der Blick hart zurück: ein Zwerg, ein ganz kleiner, direkt neben dem roten Weinstock. Aber vielleicht ist er sogar ein gutes Zeichen. Gewissermaßen eine Reverenz an die kulturellen Eigentümlichkeiten des neuen Heimatlandes.

„Gibt es in der Türkei auch Gartenzwerge?“

„Ich glaube nicht.“

Dieser Garten hat Mehmet Alkan geholfen zu überleben. Er arbeitete als Elektrotechniker in Berliner Großbetrieben, doch als die Industrie nach der Wende endgültig wegging aus der Stadt, war er arbeitslos. Genau in dem Jahr bekam Mehmet Alkan den Garten. Er weiß nicht, was er ohne ihn gemacht hätte.

Manfred steht wieder draußen, und diesmal spricht er sogar: „Ich geh’ mal rüber zu Wolfgang.“

Dass Mehmet Alkan seinen Garten doch bekam, lag vor allem daran, dass er den Vorpächter kannte. Der Vorpächter war der Lehrer seiner Kinder. So geht das heute meistens in Berlin, erst recht bei den zugewanderten Gartenfreunden: Jemand, der eine Parzelle sucht, kennt einen, der seine loswerden will. Und wenn ihm keine lange Warteliste im Wege steht – früher fast immer – hat er sie schon fast.

Die Einwanderung in die Kleingärten ist nicht mehr aufzuhalten, auch wegen der Überalterung der Gartenfreunde. Aber wie wird man vom beargwöhnten Neugärtner zum Chef? „Ganz einfach“, erklärt Alkan, „der alte hörte auf, und keiner wollte es machen. Da habe ich gesagt, ich mach’s!“ Die Kassiererin des „Scherbenecks“, auf ihrer Parzelle schon aufgewachsen und darum eine Autorität, war besonders dafür. Eigentlich waren alle besonders dafür; schon kurz nach Alkans Ankunft hatte keiner mehr verstanden, warum man sich einst vor ihm gefürchtet hatte. Es gibt doch nur zwei Nationen auf der Welt: die Gärtner und die Nichtgärtner. Inzwischen gehören vier Türken und ein Jugoslawe zu den Scherbeneckern.

„Kommen Sie, wir gehen zu Manfred.“

Manfreds Garten erkennt man schon von weitem an den kunstvollen, kleingartengesetzwidrigen Blumenrabatten davor, denn eigentlich muss der Streifen vor der Parzelle ein sauber geharkter Todesstreifen sein. Und die Hecke ist zu hoch! Sie darf nur 1,20 Meter sein, damit der Vorstand in jede Parzelle reingucken kann. Mehmet hebt die Schultern zu höherer Ratlosigkeit: Schau ich eben durch die Tür! – „Was habe ich mit Mehmets Vorgänger für Ärger gehabt wegen der Rabatte“, seufzt Manfred rückblickend und lässt den Vorsitzenden ein. Wir betreten ein Reich, in dem nicht nur lila Blumenkohl wächst, sondern auch der orangene. Nicht nur hohle Tomaten, sondern auch gestreifte. Dazu falschrum wachsende Paprika, Blumen, die nach Schokolade riechen, eine Kreuzung von Johannisbeere und Stachelbeere, die nach Blaubeere schmeckt, und blauer Grünkohl. „Aber beim Kochen“, sagen Manfred und Mehmet gleichzeitig, „wird er wieder grün.“

Dies ist der fünfte Teil unserer Sommerserie über Menschen, die es mit der Fremde und dem Fremdem zu tun bekommen. Die weiteren Teile erscheinen in loser Folge

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