Zeitung Heute : Berlin lernt von Brandenburg – und umgekehrt

Der Tagesspiegel

Von Annette Kögel

Noch sind Berlins und Brandenburgs Schüler in den Osterferien – doch die Bildungsexperten beider Länder brüten derweil über neuen Schul-Aufgaben: Schulsenator Klaus Böger und Bildungsminister Steffen Reiche, beide SPD, wollen noch vor den Sommerferien Eckpfeiler für eine vereinte Bildungsregion stecken. Geprüft wird, wie man die Rahmenpläne der Schulfächer entstauben und die Lehrer praxisorientierter ausbilden kann. Abstimmen will man sich zudem bei Modellen zur Verkürzung der Schulzeit und bei Qualitätskontrollen des Unterrichts – erst recht nach den Ergebnissen der Pisa-Studie.

Künftig müssten sich Berlin und Brandenburg als ein regionaler Bildungsmarkt profilieren, so die Überzeugung von Klaus Böger. Bei der Grundschulzeit sind sich die Länder einig: Beide favorisieren die sechsjährige Grundschule, wollen aber gleichzeitig die Zeit bis zum Abitur verkürzen. „Wir prüfen nun, wie man die 11. Klasse überspringen und deren Stoff verteilen kann“, sagt Martin Gorholt, Pressesprecher von Steffen Reiche. Erste Erkenntnisse zu entsprechenden Modellen sollen bis Mitte Mai vorliegen, so Bögers Sprecherin Rita Hermanns. Die Länder wollen nun in bestimmten Bereichen voneinander lernen: Brandenburg gefällt Berlins Fremdsprachen-Frühbeginn ab der 3. Klasse, den Berlinern wiederum sagt die Grundschul-Qualitätskontrolle mit Standards zu den Fächern Mathe, Deutsch und Englisch namens „Q 6“ zu. Bei der Aktualisierung der Rahmenpläne verdient Brandenburg bessere Noten: Dort hat man gerade die Pläne für die Klassen 7 bis 10 in nur drei Jahren auf den neuesten Stand gebracht. In Berlin sind viele Inhalte veraltet, das Aktualisieren des Lehrstoffes kann bis zu zehn Jahre dauern.

„Nach den Sommerferien wollen wir mit den Grundschul-Plänen beginnen, es wäre schön, wenn Berlin da mit einsteigen könnte. Das wäre ein Test, ob beide Verwaltungen das hinbekommen“, sagt Gorholt. Reiche und Böger wollen einen entsprechenden Fahrplan im Juni unterzeichnen. Bei neuen Konzepten für die Lehreraus- und -weiterbildung sind nun die Landesbildungs-Institute „Lisum“ und „Plib“ gefordert.

„Es kann doch nicht sein, dass Lehrer 20 Jahre lang immer den gleichen Stoff vermitteln“, sagt die Sprecherin der Berliner Schulverwaltung, Rita Hermanns. Der Vorschlag dazu aus Brandenburg: Eine gemeinsame Lehrerbildungskommission ab Herbst 2002. Differenzen könnte es beim Thema Zentralabitur geben: Brandenburgs Minister will es ab 2004/2005 einführen, Berlins Senator kann sich nur in Teilen dafür begeistern. Seit Pisa werden nun Qualität und Inhalte von Schulbildung „erstmals auch über Ländergrenzen hinweg offen diskutiert“, betonte Frau Hermanns – eine Entwicklung, die derzeit jeweils rund 390 000 Schüler in Berlin und Brandenburg sowie die 33 000 Lehrer in Berlin und ihre 26 500 Arbeitskollegen in Brandenburg betrifft.

Die Grenzen verschwimmen langsam: 1384 Brandenburger Kinder gehen in Berliner Kitas, umgekehrt sind es 176. Rund 7920 Schüler aus dem Umland besuchen Berliner Schulen, 1270 Berliner lernen im Nachbarbundesland. Auch Lehrer suchen Jobs über die Grenzen hinweg: In Berlin gibt es weniger Stellen, in Brandenburg weniger Geld. In einem Punkt klappt die Fusion schon – bei den Terminen für die Schulferien.

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