Zeitung Heute : Berlin nutzt die Möglichkeiten des Internet

KURT SAGATZ

Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft bauen Angebote aus / Ungebrochen optimistische GrundhaltungVON KURT SAGATZ

Als die Freizeitforscher des Hamburger BAT-Instituts unlängst ermittelten, daß nur vier Prozent der Deutschen das Internet nutzen, bekamen viele Online-Verantwortliche deutscher Unternehmen kalte Füße.Die Sorge, daß nun Gelder gestrichen werden könnten, lag schließlich nahe.Bei näherer Betrachtung war das BAT-Papier allerdings weniger bedrohlich als zunächst angenommen: Es ist zwar richtig, daß nur ein Bruchteil der Deutschen derzeit im Netz der Netze surft, doch die Pioniere der Online-Kommunikation - überwiegend männlich, gut gebildet und mit einem überdurchschnittlichen Einkommen versehen - gehören für die meisten werbetreibenden Unternehmen dieses Landes zu der bevorzugten Zielgruppe - und ihre Zahl steigt ständig. So ist von Entmutigung nichts zu spüren.Im Gegenteil: Berlins Wirtschaft, die Kultureinrichtungen der Hauptstadt sowie die Universitäten und wissenschaftlichen Institute wollen ihre Präsenz im Internet ausbauen, wenngleich natürlich versucht wird, die Kosten so niedrig wie möglich zu halten.Dies gilt auch für die Wirtschaftsförderung Berlin (WFB), die im Juni im Internet startete.Die ersten Erfahrungen der WFB: "Das Internet ist ein zukunftsweisendes Medium.Berlin ist hier auf dem richtigen Weg", beurteilt Christina Hufeland von der WFB die Chancen des neuen Informationskanals, den die Wirtschaftsförderer als Instrument zum Standort-Marketing nutzen wollen.Angesichts der knappen Kassen sucht die Gesellschaft nach Partnern für das Internet-Engagement.Die Wunschvorstellung ist, daß alle relevanten Wirtschaftsverbände und Marketingorganisationen wie IHK, Handwerkskammer, Landesentwicklungs-Gesellschaft und Partner für Berlin an einem Strang ziehen.Bis es dazu kommt, will die WFB mit ihrem Angebot "mit gutem Beispiel vorangehen", so Frau Hufeland. Zu den Branchen, die die Vorteile der Online-Kommunikation sehr früh erkannt haben, gehört die Finanzwirtschaft.In T-Online, dem Datendienst der Telekom, werden zur Zeit 1,8 Millionen Konten online verwaltet.Nun soll auch das für alle erreichbare Internet dazu genutzt werden.Auch die Bankgesellschaft Berlin mit ihren drei Teilbanken Landesbank, Berliner Bank und Berlin Hyp steht in den Startlöchern, erläutert die für das Internet zuständige Projektleiterin Friederike Hofmeier.Zwei der drei Teilbanken stünden kurz davor, sich ebenfalls im Internet zu präsentieren.Die Bankgesellschaft selbst hegt Pläne, das Investmentbanking internet-fähig zu machen. Der Internet-Auftritt der Bankgesellschaft erfolgt nach einem dreistufigen Plan: Das erste Anliegen des Konzerns, der Ende 1995 ans Netz ging, ist es, die Aktivitäten der Bankgesellschaft darzustellen.Als nächstes soll das Engagement einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht werden.Künftig werden alle Visitenkarten, Broschüren und Werbebotschaften mit der Internet-Adresse der Bankgesellschaft http://www.bankgesellschaft.de geschmückt.In der dritten Stufe, die nicht vor 1997 ansteht, sind Transaktionen geplant. Mit der Nutzung des Internet-Angebots ist die Bankgesellschaft zufrieden, zumal die Zugriffszahlen nach oben weisen.Angenommen wird von der Internet-Gemeinde auch das Konzern-Angebot, mit Mitarbeitern per E-Mail-Kontakt aufzunehmen.Insgesamt zwölf Netzadressen stehen derzeit bereit, wobei die Volkswirte des Hauses besonders häufig kontaktiert werden. Die Möglichkeiten des Internet, mit unterhaltsamen Angeboten auf sich aufmerksam zu machen, nutzt aus den Reihen der Berliner Wirtschaft die Herlitz AG in richtungsweisender Manier: Das Hauptaugenmerk liegt zwar - wie überall - auf der Darstellung des Konzerns und der Produktpalette, doch kann der Internet-Nutzer im Herlitz-Online-Club auch unterhaltsame Angebote finden und derzeit beispielsweise der Fußballbegeisterung frönen, in dem er an einem Borussia-Dortmund-Gewinnspiel teilnimmt.Das Interesse der Onliner gibt dem Konzept recht, Herlitz ist mit der Nutzung der Seiten unter der Netzadresse http://www.herlitz.de zufrieden, zumal nicht nur das Club-Angebot abgefragt wird, sondern gleichermaßen die Informationsseiten, wie die zuständige Herlitz-Mitarbeiterin Marion Anders erläutert.Als Mittel zum direkten Geldverdienen durch Online-Bestellungen will Herlitz das Internet allerdings nicht nutzen.Dies bleibe Sache der Handelspartner. Daß der Handel über das Internet durchaus Zukunft hat, zeigt die Fachbuchhandlung Lehmanns, die in 16 Städten mit rund 30 Läden vertreten ist, wie das Mitglied der Geschäftsleitung, Volker Thurner, erklärt.Mehr als eine halbe Million Mark bei einem Gesamtumsatz von 80 Millionen werden bereits über das Internet - http://www.lob.de - erlöst, so Thurner.Nach seiner Einschätzung kommt der stationäre Buchhandel am Internet in keinem Fall vorbei, will er sich das Geschäft nicht durch die Grossisten, die ebenfalls ins Internet streben, kaputtmachen lassen. Wer im Internet von den Nutzern akzeptiert werden will, benötigt die entsprechende Kompetenz.Diese ist dem Deutschen Historischen Museum in Berlin, Netzadresse http://www.dhm.de, sicher.Mit minimalen Mitteln hat die dortige EDV-Abteilung zusammen mit einer Handvoll studentischer Hilfskräfte ein Web-Angebot aufgebaut, das sich sehen lassen kann und das seit Anfang August 1995 bereits über 65.000 mal aufgerufen wurde.Der Erfolg der Seite hat mittlerweile auch andere Museen ins Boot gelockt.Die Liste der Gäste auf dem Server umfaßt 15 andere Einrichtungen, die sich vom Internet-Referenten des DHM, Wolfgang Röhrig, beraten lassen.Eine geldwerte Anerkennung findet diese Leistung nun auch durch das Deutsche Forschungsnetz, das die Berliner mit einer Hochgeschwindigkeits-Internetleitung ausrüsten will.Und die wird benötigt, wenn das Historische Museum seine hochgesteckten Pläne umsetzt und alle 150.000 inventarisierten Exponate ins Netz stellt.Daß dann die Besucher ausbleiben können, glaubt Röhrig nicht.Die bisherigen Erfahrungen hätten vielmehr gezeigt, daß Internet-Besucher gerade durch die Webseiten dazu ermuntert wurden, sich die Originale vor Ort anzusehen.

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