Zeitung Heute : Berlin profitiert von der Krise

Das Immobiliengeschäft boomt: Die Einnahmen aus der Grunderwerbsteuer steigen um 20 Prozent.

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Berlin - Die Krise des Euro, die Angst vor der Geldentwertung und die Flucht in Sachwerte beschert deutschen Ballungsgebieten einen Immobilienboom, und davon profitieren die Staatskassen. Die Einnahmen aus Grunderwerbsteuern sprudeln wie lange nicht mehr. In die Berliner Landeskassen flossen von Januar bis Oktober dieses Jahres nach Angaben der Senatsverwaltung für Finanzen mehr als 477 Millionen Euro, fast 20 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Bis zum Rekordjahr 2007, vor Beginn der Finanzkrise, muss man in Berlin zurückgehen, um ein höheres Grunderwerbsteueraufkommen zu finden. Zwar wurde diese Steuer im April dieses Jahres um einen halben Prozentpunkt angehoben, doch das allein erklärt den Anstieg nicht. Berliner Immobilien stehen auf der Einkaufsliste der Anleger.

Noch höher in der Gunst steht München. „Bezogen auf die Größe der Stadt und das Angebot an Immobilien, ist die Nachfrage dort noch höher“, sagt der Chefanalyst der Online-Plattform Immobilienscout24, Michael Kiefer. München führe die Top Ten der von Käufern am meisten nachgefragten Regionen an. Berlin ist unter den zehn meistgesuchten Regionen von Mietern platziert, nicht dagegen bei den Käufern – in dieser Liste rangiert die Hauptstadt auf Platz 13.

„Kapital sucht Beton“, sagt Arnt von Bodelschwingh vom Marktforschungsinstitut Regiokontext. Die Staaten in Europa hätten sich in der Krise stark verschuldet. Deshalb steige die Angst der Bürger vor einer Entwertung ihres Ersparten. Nun suchten sie sichere Anlagemöglichkeiten. Immobilien gelten in Krisenzeiten seit jeher als sicher. „Deutsche Innenstädte sind besonders interessant.“ Zumal es an Alternativen in den von Erwerbslosigkeit gezeichneten Regionen Südeuropas fehlt. Dabei achteten die Käufer nicht mehr genau auf die Rentabilität der Objekte. „Die Vermögenssicherung steht im Vordergrund.“

Angetrieben wird die Immobiliennachfrage in Berlin von „heimischen Käufern“, sagt der Vizepräsident des Immobilienverbands Deutschland, Michael Schick. Während vor der Krise internationale Finanzinvestoren ganze Wohnungspakete erwarben, seien heute Eigentumswohnungen und Mietzinshäuser von Berliner Mittelständlern gefragt.

Auf der Online-Plattform Immobilienscout stammen 95 Prozent der Nachfrage von deutschen Kunden. Unter den ausländischen Interessenten führten Schweizer und US-Bürger die Liste an, vor Engländern, Holländern und Franzosen. Deutlich gestiegen sei die Nachfrage aus den Krisenstaaten Spanien und Italien, und auch aus Polen. Fast verdoppelt habe sich die Nachfrage aus China.

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