Zeitung Heute : Berlin rückt in die Mitte Europas

CHRISTOPH V.MARSCHALL

Die Osterweiterung der EU eröffnet der Stadt eine Zukunftsperspektive als unbestrittenes Zentrum des neu entstehenden Mitteleuropa.VON CHRISTOPH V.MARSCHALLIn Berlin hätten gestern die Champagnerkorken knallen müssen.Was die EU-Kommission vor dem Europaparlament verkündete, gibt der Stadt eine Zukunftsperspektive als unbestrittenes Zentrum des neu entstehenden Mitteleuropa.Die nun absehbare Osterweiterung der EU eröffnet Chancen, die um Dimensionen weitreichender sind als jene, die, zum Beispiel, eine positive Olympia-Entscheidung mit sich gebracht hätte.Aber ist sich Berlin dessen bewußt? Die Stadt steht immer noch viel zu sehr mit dem Rücken nach Osten, erhofft sich ihre Zukunft von bettelnden Blicken nach Westen.Mit Polen etwa verbinden viele Einwohner Ängste: vor Billiglohnkonkurrenz und vor Autoklau.Für die Osteuropäer dagegen ist Berlin längst erste Anlaufstelle auf dem Weg nach Westen.Der Regierungsumzug wird diesen Sog noch verstärken.Und in dem Maß, in dem die Integration der Polen, Tschechen, Ungarn, Esten und Slowenen zunimmt, wird die Stadt von dem enormen Wirtschaftsboom dort ganz unmittelbar profitieren. Diese historische Chance ist freilich mit Anforderungen verbunden.Berlin muß Köpfe und Herzen öffnen, muß lernen, es als Zugewinn zu begrüßen, wenn sich der Handlungsspielraum nach Osten erweitert, statt dies als Zumutung mürrisch möglichst lange von sich fernzuhalten.Die großen Worte von der Drehscheibe, vom Scharnier, von der Brücke zwischen Ost und West müssen mit Substanz gefüllt werden.Da es Berlin an Exportindustrie mangelt, wird der Gewinn in Zloty und Krone noch etwas auf sich warten lassen.Aber jetzt werden die Grundlagen gelegt für die Arbeitsplatzchancen der heranwachsenden Berliner.Wer heute Polnisch, Tschechisch oder Ungarisch lernt, wer Wissen über die Partner erwirbt, die in sechs bis acht Jahren Mitglieder der EU sein werden, qualifiziert sich für die mit dem gemeinsamen Markt entstehenden hochbezahlten Jobs in Brüssel, Prag und Warschau - und gerade in Berlin, wenn die Stadt zu dem Kompetenzzentrum wird, von dem in Hochglanzbroschüren so oft die Rede ist. Eine Chance, die zunächst einmal eine Herausforderung bedeutet - was für Berlin gilt, betrifft Deutschland, betrifft den Kontinent insgesamt."Die künstliche Teilung Europas muß jetzt ein Ende haben", hat Kommissionspräsident Santer bei der Präsentation der "Agenda 2000" ausgerufen.Zunächst stehen die Defizite der Beitrittskandidaten im Vordergrund, die bis zur Aufnahme behoben werden müssen.Die Slowakei hat mit dem harten Verdikt, daß sie als einziges Land die demokratischen Anforderungen nicht erfülle, einen schweren Schuß vor den Bug erhalten, der hoffentlich dazu beiträgt, den autoritären Kurs des Premiers Meciar zu beenden.Aber Bratislava ist ebensowenig endgültig zurückgewiesen worden wie Lettland, Litauen, Bulgarien und Rumänien.Mit der Abkehr vom Startlinienkonzept - danach sollten Verhandlungen mit allen elf Kandidaten gleichzeitig begonnen und erst später differenziert werden, mit wem man schnell und wem langsam verhandelt - kann die EU flexibler auf die Möglichkeiten der einzelnen Länder eingehen. Die EU muß aber vor allem selbst ihre Hausaufgaben machen.Nach dem enttäuschenden Abschluß der Maastricht II-Konferenz muß eine weitere Regierungskonferenz die versäumten inneren Reformen nachholen, um die Union fit zu machen für die Erweiterung.Andernfalls wird immer deutlicher zu Tage treten, daß die Hindernisse weniger bei den Osteuropäern liegen, die sich dynamisch wandeln, als vielmehr bei den Westeuropäern, die es nicht schaffen, sich von alteingefahrenen Mechanismen wie Agrarmarkt und Strukturfonds zu befreien.Die allmähliche Integration des Kontinents ist aber nicht nur eine moralische Aufgabe, sondern sie gehört zur Zukunftssicherung.Wer sich heute weigert, Stabilität nach Osten zu exportieren, läuft Gefahr, irgendwann unfreiwillig Instabilität von dort zu importieren.Und in einer Welt mit immer potenteren Wirtschaftsblöcken in Asien und im Pazifischen Raum wird Europa sein politisches und ökonomisches Gewicht, das Grundlage unseres Wohlstands ist, nur halten können, wenn es sich gleichfalls zusammenschließt.Der 16.Juli 1997 war eine wichtige Etappe auf diesem Weg.Nun liegt es an uns, die Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen.

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