Zeitung Heute : Berlin stellt wieder ein

Der Markt für Spitzenkräfte zieht an. Personalberater erwarten, dass bald auch mehr Fachkräfte für Vertriebsaufgaben gesucht werden

Regina-C. Henkel

Gute Nachrichten für Top-Manager mit Berlin-Faible. Die Chance, einen attraktiven Job in der Hauptstadt angeboten zu bekommen, steigt wieder. Die auf Direktsuche spezialisierten Personalberater sagten dem Tagesspiegel, dass sie von internationalen Konzernen, Verbänden und kleinen wie mittelständischen Betrieben, die ihre Geschäftsführung neu besetzen wollen, wieder verstärkt Suchaufträge erhalten. Ihre Einschätzung des Berliner Jobmarktes reicht von „der Markt belebt sich“ über „hoffnungsvolle Signale auf den Kompetenzfeldern Medien und Tourismus“ bis hin zu „Die Unternehmen fangen wieder an, hochkarätig zu besetzen.“

Dass das Erste-Klasse-Personalkarussell wieder in Schwung kommt, dürfte so manchem Headhunter die Existenz retten. Nachdem diese besondere Spezies der Beraterbranche in den vergangenen zwei Jahren kaum noch Suchaufträge für Berliner Spitzenpositionen akquirieren konnte, mussten etliche ihre Hauptstadt-Büros schließen.

Doch haben sich auch die Chancen für Kandidaten jenseits der Topetagen und des Headhunting-Geschäfts verbessert? Jobofferten für qualifizierte Fachkräfte und Spezialisten wären an der Spree hoch willkommen. Die Arbeitslosenquote beträgt derzeit 17,4 Prozent – rund 294 500 Berliner waren am 31. Oktober arbeitslos gemeldet. Dabei sind seit dem Regierungsumzug allein 95 Verbände nach Berlin gewechselt, von Bundesbehörden und Betrieben ganz abgesehen. Müssten diese Arbeitgeber – nach ihrem kostenmotivierten Personalabbau der vergangenen Jahre – jetzt nicht darangehen, auch die Fachabteilungen neu zu besetzen? Es ist üblich, dass sich neue Cheflenker schnell von den direkten Zuarbeitern ihres Vorgängers trennen und sie durch eigene Vertraute ersetzen.

Der Stellenindex des Fuldaer Personaldienstleisters Adecco, der die Stellenangebote von 40 Tageszeitungen auswertet, beantwortet diese Fragen zunächst einmal negativ. In den ersten neun Monaten dieses Jahres sind für Jobs in Berlin rund 16 Prozent weniger Offerten geschaltet worden als im Vorjahreszeitraum. Die Zahl sackte von 24 943 auf 20 820 ab.

„Der sichtbare Stellenmarkt schrumpft weiter“, bestätigt auch Klaus Pohl, Pressesprecher der Haupstadtvertretung der Bundesanstalt für Arbeit (BA). Dabei macht er jedoch darauf aufmerksam, dass weniger Offerten nicht notwendigerweise auch weniger freie Arbeitsplätze bedeuten müssen: „Viele Anbieter schreiben ihre Stellen nicht mehr aus. Die Unternehmen melden auch längst nicht alle offenen Stellen an die Arbeitsämter.“

Berlin besser als Bundesdurchschnitt

Nach Angaben der Kölner Personalberatung Access AG werden nur 40 Prozent aller freien Stellen bei den Arbeitsämtern gemeldet – und demzufolge unter www.arbeitsamt.de veröffentlicht. So geben die Auswertungen von Print- und Online-Stellenmärkten „nur ein eingeschränkt richtiges Bild der momentanen Lage wieder“, wie Klaus Pohl es formuliert. Gleichwohl liefern die Zahlenwerke für Pohl „wichtige Erkenntnisse“. Etwa , dass der Berliner Arbeitsmarkt im Vergleich mit dem Bundesdurchschnitt gar nicht so schlecht dasteht: Deutschlandweit gingen die Stellenangebote von 313 891 in den ersten drei Quartalen 2002 auf nur noch 187 431 im Vergleichszeitraum des laufenden Jahres zurück – also um rund 40 Prozent und damit etwa zweieinhalb Mal so viel wie in Berlin.

Wesentlich verantwortlich für das – zumindest relativ – hohe Jobangebot in Berlin sind die Bereiche Materialwirtschaft und Logistik. Während die Stellenofferten bundesweit um 40 Prozent zurückgegangen sind, wurden für Jobs in Berlin in den ersten drei Quartalen 2003 sage und schreibe 21,5 Prozent mehrAnzeigen geschaltet als im Vorjahreszeitraum. Logistik-Spezialist Reinhard Pfeiffer aus Bremen führt das unter anderem auf die Expressdienste zurück, die in der mit Werbeagenturen, Regierungsbüros und Verbandsgeschäftsstellen überzogenen Metropole mit zweistelligen Wachstumsraten boomen.

Positiv fällt die Berlin-Bilanz auch im Verkauf aus. Stefan Beiten, Vorstandsvorsitzender der internationalen Filmproduktions- und Vertriebsgesellschaft Greenlight Media AG in Berlin, wundert sich „überhaupt nicht“ darüber, dass Berliner Betriebe mehr Stellenangebote für Innen- und Außendienstler ausschreiben als im Vorjahr. Im Bundesdurchschnitt gingen die Offerten dramatisch zurück (siehe Grafik). Stefan Beiten: „In Berlin hat sich ein eigener und sehr junger Dienstleistungssektor aufgebaut. Das fängt bei Anwälten an und hört bei Werbeagenturen nicht auf. In der Internetsoftware ist Berlin führend und genießt international auch das entsprechende Renommee. In den vergangenen Jahren kam es mehr darauf an, strukturell und administrativ aufzubauen und Substanz zu schaffen, jetzt geht es darum, die geschaffene Substanz an den Mann zu bringen und für operative Zahlen zu sorgen.“ Zusätzlich wird das Personalkarussell noch durch ein Phänomen in Schwung gebracht, das Peter Kleimeier, Geschäftsführer der PK Vertriebsberatung in Berlin, so beschreibt: „Wenn Führungspositionen ausgewechselt werden, tauschen die neuen Chefs gerne auch in den Abteilungen aus.“

Chancen nur bei Passgenauigkeit

Sich wahllos auf Stellenangebote mit relativem Zuwachs – oder unterdurchschnittlichem Rückgang – zu stürzen, dürfte allerdings nicht unbedingt die richtige Bewerberstrategie sein. Die Unternehmen haben sehr genaue Vorstellungen davon, wie sie ihre vakanten Stellen besetzen wollen – im Spezialistenbereich wie auf der Vorstandsebene. Wer für einen Job in die engere Wahl kommen will, muss eine vom suchenden Unternehmen erarbeitete Anforderungsschablone abdecken. Silvia Knecht von der DIS Deutsche Industrie Service: „Dem Bewerber wird nicht mehr die Chance gegeben, sich in aller Ruhe in seine Projekte einzuarbeiten. Es wird der passgenaue Mitarbeiter gesucht.“

Was genau unter „passgenau“ zu verstehen ist, steht allerdings nur selten in der Stellenanzeige (siehe Karriere & Beruf vom 2. November). Auch Headhunter äußern sich nur ungerne. Sie fürchten um ihren Ruf als diskrete Dienstleister. Monika Maria-Lehmann, Niederlassungsleiterin Berlin von SKP Dr. Stoebe Kern & Partner, sagt immerhin: „ Der Auftraggeber erwartet besondere Eigenschaften, etwa den berühmten Blick durch die Kundenbrille: Was passiert zurzeit in der Stadt und was wird in fünf Jahren los sein?“

Für Top-Positionen im Bereich der Informationstechnologie beobachtet Jörg Rathke, Partner bei der BGPM Berliner Gesellschaft für Personalmanagement, dass SAP-Know-how in so gut wie in jeder Branche gewürdigt werde. „Allerdings“, sagt Rathke, „werden Leute im Doing gesucht.“ Für Generalisten, die den Bezug zur praktischen Arbeit verloren haben, besteht auch nach Beobachtung von Andreas Paul Stöhr von www.job-chance-berlin.de wenig Bedarf, denn: „Am meisten gesucht wird von mittelständischen Unternehmen, die selten mehr als 100 Mitarbeiter beschäftigen.“

Dass der Mittelstand zwar interessante Positionen zu vergeben hat, gleichzeitig aber im Vorfeld der neuen Eigenkapitalrichtlinien von Basel II als – im Vergleich zu kapitalkräftigen Konzernen – unsicherer Arbeitgeber gilt, erschwert den Headhuntern die Arbeit. „Die Verunsicherung am Arbeitsmarkt lässt die Arbeitnehmer am bisherigen Arbeitsplatz fest halten,“ berichtet etwa Heiko Mühle von HRM Partner. Doch alles Schlechte hat sein Gutes. In der jüngsten Zeit vermittelte Gert Fischer, Geschäftsstellenleiter Berlin vom Büro Führungskräfte der Wirtschaft der BA, meist in die neuen Bundesländer. Jetzt kann Fischer wieder mehr Kandidaten mit Berlin-Faible glücklich machen.

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