Zeitung Heute : Berlinale: Und Deutschland spielt mit

Wie hoch kann man fliegen?, fragt der Held. Er sitzt in einem Flugsimulator und testet die Höhensteuerung. Tom Tykwers neuer Film "Heaven", der heute Abend die Berlinale eröffnet, beginnt mit einem Hoffnungsbild, das die Abenteuerlust mit leisem Bangen intoniert. Ein verheißungsvoller Auftakt, der die Nervosität gleichwohl nicht unterschlägt. Wie hoch kann man fliegen?

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Durch die Reform der Berliner Festspiele ist die Berlinale mittlerweile fest in der Hand des Bundes. Der Kanzler wird das Premierenpublikum begrüßen, so viel Politikprominenz wollte noch nie zur Eröffnungsgala. Eine liaison dangereuse? Nicht unbedingt: Das Bekenntnis des Festivals zum unabhängigen, deutschen Film verleiht den Reformbestrebungen von Kulturstaatsminister Nida-Rümelin in Sachen Filmförderung womöglich mehr Rückenwind als die fleißigste Gremienarbeit.

Ja, es ist eine neue Berlinale. Mit neuer Leitung, neuen Programmreihen - und 400 neuen Filmen. Wenn ein Filmfestival ein großes Versprechen ist, dann ist die 52. Berlinale ein besonders großes. Geht es auf zu anderen Ufern oder droht der Himmelssturz? Vier deutsche Filme nehmen am Wettbewerb um den Goldenen Bären teil, das gab es seit 25 Jahren nicht mehr: Filme von Tykwer, Dominik Graf, Andreas Dresen - und der Newcomer Christopher Roth zeigt "Baader", eine wilde, freche RAF-Geschichte, die gewiss für Diskussionen sorgen wird.

Keine Frage: Die hiesige Branche hat sich mit der Berlinale versöhnt, nach Jahrzehnten der Skepsis, des Streits und teilweise offener Feindschaft. Das liegt nicht zuletzt an Moritz de Hadelns Nachfolger Dieter Kosslick und seinem Motto: Wo eine Villa ist, ist auch ein Weg. Das Haus ist bereitet, der Hausherr lädt ein mit großzügiger Geste. Kommt und zeigt, was ihr könnt! Dabei ist die Hervorhebung des deutschen Films vor allem eine Willensbekundung: eine Mutprobe, ein Experiment. Hat die viel gescholtene einheimische Filmszene das Format für den Wettstreit mit dem Weltkino?

Es herrscht Aufbruchstimmung in der Festivalzentrale am Potsdamer Platz. Und gute Laune: Die bislang eher konkurrierenden Sektionen - Wettbewerb, Panorama und das Forum unter ebenfalls neuer Leitung von Christoph Terhechte - haben sich zur Zusammenarbeit verschworen: Kooperation im Dienst eines risikofreudigen, streitbaren Programms.

Und doch: Die neue Berlinale, das sind zugleich die guten, alten Filmfestspiele. Sie erleben eine Verjüngung, keine Entschlackungskur und schon gar keine Revolution. Die ist auch nicht nötig: Das Publikumsfestival unter den Filmschauen der Welt verträgt mehr als Cannes und Venedig eine Vielfalt des Angebots. Neben der Qualität setzte die Berlinale schon immer auf Quantität. Das Festivalteam hat sortiert und akzentuiert, gleichzeitig bekennt es sich zur Tradition des produktiven Chaos: Hollywood-Stars und chinesische Nachwuchsregisseure, Glamour und politisches Kino. Das erste große internationale Filmfest nach dem Realitätsschock vom 11. September lädt auch zur Diskussion über die neue Weltordnung der Bilder. Wo, wenn nicht auf der Baustelle Berlin, hätte diese unreine Mischung eine bessere Heimstatt.

Wie hoch kann man fliegen? Filme sind Weltreisen und Weltflucht zugleich. Alle Macht der Fantasie, der Schaulust, dem Möglichkeitssinn. Nicht, dass das Kino die Welt verändert. Aber den Blick auf sie verändert es allemal und versetzt sie in den Ausnahmezustand. Der viel beschworene Dialog der Kulturen: auch das ein Experiment mit offenem Ausgang - 12 Tage lang auf den 52. Internationalen Filmfestspielen Berlin.

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