Berliner Abgeordnetenhaus : Rote Welle

Einst organisierten sie an ihrem WG-Tisch die linksalternative Opposition. Seit Dienstag sind Harald und Udo Wolf das politisch mächtigste Brüderpaar Berlins.

Lars von Törne
Wolf
Führt die Linke im Abgeordnetenhaus. Udo Wolf wurde am Dienstag mit 17 Ja-Stimmen, vier Nein-Stimmen und einer Enthaltung zum...

West-Berlin war im Ausnahmezustand. „Die Frontstadt steht im Schein des kapitalistischen Imperialismus“, war in einem Protestaufruf linksautonomer Gruppen zu lesen. „Die Verantwortlichen für Hunger, Ausbeutung, Terror und Kriege auf der ganzen Welt kommen in diese ,Hauptstadt der Freien Welt’. Dagegen wehren wir uns.“ Abend für Abend demonstrierten Zehntausende, vor der Deutschen Oper gab’s Krawall, auf dem Breitscheidplatz flogen Steine. Ein Bündnis von mehr als 150 Gruppen „bereitete den versammelten Bankern und Finanzmagnaten dieser Welt einen aufregenden Empfang“, meldete die „taz“. Dazu gab es einen Kongress, den besonders optimistische Linke als Auftakt für einen „Neuen Internationalismus“ priesen.

21 Jahre ist es her, dass der Internationale Währungsfonds und die Weltbank in Berlin ihre Jahrestagung abhielten. Seit gestern bekleiden zwei, die damals den Protest organisierten, zwei der höchsten politischen Ämter Berlins.

Die Fäden im September 1988 liefen in einer Kreuzberger Wohngemeinschaft zusammen, für deren Bewohner das Politische privat und das Private politisch war. Über der Spüle hing ein Schild: „Auch Du, Genosse, hältst die Küche sauber!“ Die WG in dem grauen Mietshaus in der Gneisenaustraße 111 war ein Zentrum für jene, die vom Sozialismus träumten, von einer dauerhaften linken Kraft jenseits der SPD und sich dafür in der Alternativen Liste engagierten, der Berliner Vorgängerpartei der Grünen.

Die Gneisenau 111 war die WG von Udo und Harald Wolf, zwei studierten Politikwissenschaftlern von Ende 20 und Anfang 30, die sich mit Jobs über Wasser hielten und deren ganze Leidenschaft der angewandten Politik galt. Hochbegabte Organisatoren, die mit Mitstreitern wie Volker Ratzmann Demonstrationen wie jene gegen die Weltbank samt Kongress veranstalteten. „Unser Ziel war, ein breites Bündnis von Linksautonomen bis hin zu Gewerkschaftern und Sozialdemokraten zu schmieden“, erinnert sich Volker Ratzmann, heute 49 Jahre, Rechtsanwalt und Fraktionschef der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus.

Er selbst sowie die damals über linksradikale Splittergruppen zur AL gekommenen Brüder Udo und Harald Wolf seien in jenen Jahren die Strippenzieher gewesen. Die politische Arbeitsteilung am WG-Tisch war klar: „Wir haben immer diskutiert, und Harald hat es dann aufgeschrieben“, erinnert sich Ratzmann. „Politik war unser Lebensmittelpunkt.“ Die Rollenverteilung zwischen den Wolfs habe damals so ausgesehen: „Udo war aktivistischer und organisierte die Demos, Harald schrieb die Konzepte.“

Seit Dienstag sind die einstigen linksalternativen Rebellen das politisch mächtigste Brüderpaar der Stadt, wenn nicht gar des Landes. Harald Wolf, heute 53, ist seit 2002 Wirtschaftssenator und Bürgermeister Berlins, Udo Wolf, 47, wurde am Dienstagnachmittag nach vielen Jahren Politik in der zweiten Reihe zum Vorsitzenden der Abgeordnetenhausfraktion der Regierungspartei Die Linke gewählt – zwei Jahrzehnte nach ihren ersten politischen Schritten sind die Wolfs nach einem langen Marsch durch die Institutionen an der Spitze gelandet.

„Ich freue mich, habe aber auch Respekt vor der Aufgabe“, sagt Udo Wolf mit ruhiger Stimme beim Gespräch im Restaurant des Martin-Gropius-Baus, schräg gegenüber vom Abgeordnetenhaus, in das er Ende 2001 für die PDS einzog. In die trat er 1993 ein und hatte seitdem diverse wichtige Vorstandsämter inne, meist mit einem „Vize-“ davor. „Bei der PDS war es anfangs gar nicht vorstellbar, dass ein Wessi in die erste Reihe geht“, sagt Wolf, der in Frankfurt am Main zur Welt kam und in der Region aufwuchs, bevor er 1984 zum Politikstudium ans OSI ging, an das Otto-Suhr-Institut der FU, das bis in die 90er Jahre mehr als Durchlauferhitzer für linke Politaktivisten denn als wissenschaftliche Einrichtung bekannt war. Udo Wolf beendete das Studium ohne Abschluss und wandte sich der Praxis zu, anfangs mit Honorarjobs bei der AL. Während Wolf spricht, mustern seine wachen Augen den Gesprächspartner neugierig, hin und wieder umspielt der Hauch eines ironischen Grinsens das schlanke Gesicht. Aber den politischen Enthusiasmus und den Kampfgeist, für den ihn Weggefährten rühmen, merkt man dem nachdenklich wirkenden Mann auf den ersten Blick nicht an. Der blitzt erst auf, als man sich mit ihm zusammen durch ein zwölfseitiges Grundsatzpapier arbeitet, in dem der zum reformpolitischen Realo-Bündnis „Forum demokratischer Sozialismus“ gehörende Wolf pointiert und auch mit Selbstkritik die bisherige Politik der rot-roten Berliner Regierungskoalition bilanziert und der Fraktion einen Schlachtplan für die nächsten Jahre unter seiner Führung ans Herz legt.

Parteifreunde aber auch CDU-Politiker wie Peter Trapp, Vorsitzender des Innenausschusses im Abgeordnetenhaus, schätzen Wolf als Vollblutprofi, der sachlich argumentiert, fachlich kompetent ist und über die Gabe des „peripheren Sehens“ verfügt, wie der Konservative Trapp dem Sozialisten respektvoll attestiert. Sprich: Wolf kriegt mit, was rechts und links und um ihn herum passiert. Zugleich gilt der bis heute in Kreuzberg lebende Politiker als ungemein zielstrebig und wird in seiner Partei als „hervorragender strategischer Kopf“ gerühmt, wie der langjährige Berliner PDS-Chef Stefan Liebich sagt, der bis vor fünf Jahren die PDS-Fraktion im Abgeordnetenhaus führte und kürzlich als Kandidat der Linken Wolfgang Thierse (SPD) dessen sicher geglaubten Bundestagswahlkreis in Pankow abnahm.

So ruhig und konzentriert Udo Wolf im Gespräch mit Außenstehenden wirkt, so laut und kämpferisch kann er werden, wenn ihm etwas politisch gegen den Strich geht – auch mal gegen den eigenen Bruder, wie Weggefährten der beiden oft genug miterlebt haben. So ging es bei einer wichtigen Klausurtagung der Fraktion vor ein paar Jahren um die Grundsatzfrage, ob die Linkspartei sich weiter auf ihre Kernkompetenz Sozialpolitik konzentrieren soll, was damals Udo Wolfs Position war, oder ob man sich auch als Wirtschaftspartei profilieren soll, wie Harald es wollte. „Da standen die Brüder sich in heftiger Debatte gegenüber“, erinnert sich Liebich.

Deswegen erwarten Freunde und Genossen der beiden Wolfs jetzt auch alles andere als einen brüderlichen Schmusekurs. „Die nehmen keine größere Rücksicht aufeinander“, sagt Liebich. „Udo scheut sich nicht, Harald auch mal laut zu widersprechen.“ Der Jüngere akzeptiere keinesfalls immer die „natürliche Autorität“, die der Ältere ausstrahlt.

Auch wenn sie ihre Berliner Laufbahn in einer gemeinsamen WG begannen und sich ihre politischen Wege seitdem immer wieder kreuzten, legen die Wolfs viel Wert darauf, nicht als Einheit gesehen zu werden. Das gelang vor allem Udo nicht immer, der sechs Jahre jüngere Bruder wird oft als derjenige dargestellt, der dem Älteren in allem folgt – zu Unrecht, wie Liebich sagt: „Udo war Anfang der 90er mutiger, konsequenter und trat deutlich vor Harald in unsere Partei ein.“ Die war damals in der AL nicht nur wohlgelitten, Stasi-Enthüllungen und alte SED-Kader hielten West-Alternative wie Volker Ratzmann nachhaltig davon ab, sich der neuen linken Kraft vom Westen her zu nähern. Udo Wolf hingegen trat ein, engagierte sich vor allem in der Kreuzberger PDS und setzte sich in den ersten Jahren unter anderem für eine selbstkritische Aufarbeitung der Geschichte der SED ein – auch im Konflikt mit anderen Genossen, die die Vergangenheit ruhen lassen wollten und von denen der eine oder andere später als Stasi-Zuträger überführt wurde.

Auch diesen Kampf führte Udo Wolf meist im Hintergrund, nur hin und wieder taucht sein Name in jenen Jahren in Zeitungsberichten über die Flügelkämpfe in der Berliner PDS auf. „Er ist kein Volksredner, aber in Gruppen, die etwas organisieren, da hat er die Fäden in der Hand“, sagt Liebich, der mit Udo Wolf befreundet ist.

Spricht man den Wirtschaftssenator auf seinen Bruder an – auf seiner Website findet sich ein Bild von ihm und Udo –, macht Harald Wolf deutlich, dass ihn das nervt. Ob ihrer beider langer Marsch, der in den 80ern in der Kreuzberger WG-Küche begann, jetzt am Ziel ist? „Wir sind zwei eigenständige Persönlichkeiten“, sagt Harald Wolf da nur. Die Frage, ob man sich politisch einig sei oder nicht, hänge nicht vom Verwandtschaftsgrad ab: „Die Sippenhaft ist in unseren Breitengraden schon lange abgeschafft.“

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