Zeitung Heute : Berliner Bastelgesellschaft

Hutmacherinnen, Kostümbildnerinnen, Grafikerinnen und Schauspielerinnen – alle machen Accessoires

Dagny Lüdemann

Man könnte schnell auf den Gedanken kommen, Accessoires hätten irgendetwas mit dem französischen „À ce soir!“ zu tun, was so viel wie „Bis heute Abend!“ heißt. Vielleicht, weil man glitzernde Handtäschchen, wallende Tücher und, böse gesagt, aufwändigen Tüdelkram hauptsächlich abends trägt? Alles Quatsch. Accessoire bedeutet Beiwerk oder Zubehör und kommt vom Lateinischen „accedere“ – also „hinzukommen“. Und da liegt das Problem.

Accessoires sind schon dem Namen nach nichts Eigenständiges – sie kommen nur hinzu. Häufig entstehen sie als Nebenprodukte von Kleiderkollektionen. Manche dienen auch als Verbreitungsplattform für große Namen. Ein Dior- Schlüsselanhänger ist schnell verkauft, ein Dior-Abendkleid nicht. Einige Labels von Weltruhm, wie Prada oder Aigner, haben zwar mit Lederwaren als reine Accessoire-Hersteller angefangen, aber der Durchbruch kam erst mit der Mode. Der Münchener Aigner-Konzern brachte 1978 seine erste Kleiderkollektion heraus, Prada aus Italien erst 1989. Wer als Designer nur Accessoires macht, scheint Gefahr zu laufen, selbst zum Anhängsel der Branche zu werden, abhängig von Couturiers, die ihren Models hier mal ein Täschchen und dort mal ein Tüchlein mit auf den Laufsteg geben.

In Berlin entwickelt sich das gerade ganz anders: Hier hat sich das Accessoire emanzipiert vom Anhängseldasein und vom Stigma der Zweckmäßigkeit. Die Accessoire-Designerinnen erobern die Modemessen – ihre Basis ist Berlin.

Anat Fritz, Helena Barcikowski, Prodotyp und Habgut sind vier Berliner Beispiele dafür, dass man schönes Beiwerk erfolgreich zum Eigenleben erwecken kann – selbst wenn die Funktion der Produkte nicht immer ganz klar ist.

Bei den Automaten-Artikeln von Bettina Saul und Edna Niclas von Habgut kann man sich schon fragen: „Wozu brauche ich das?“ Das ist aber die falsche Frage. Nicht umsonst nennen die beiden ihre Werke Habgüter. „Unsere Sachen, die man im Restaurant „Sarah Wiener“ am Hamburger Bahnhof aus einem Sechzigerjahre-Automaten ziehen kann, sollen „Erleichterung in schwierigen Situationen bringen“, sagt die Grafikerin Niclas. Zum Beispiel gibt es Pflaster mit der Aufschrift „Trost“ oder das karierte Stofftaschentuch „Erinnere dich“ für Abschiedsmomente und zum bewussten Bewahren schöner Augenblicke. Jede Habgut-Kollektion besteht aus zwölf Modellen – eins für jedes Automatentürchen. Sorgfältig eingetütet und jeweils mit der Geschichte dazu beschriftet, sind die selbst gebastelten Habgüter auch in Hamburg, Köln und Düsseldorf zu haben – und in Berliner Geschäften.

„Beim Entwerfen von Accessoires ist man viel flexibler als bei Mode“, sagt Bettina Saul. Sie ist selbst Modedesignerin. Ihr Label „Die Profis“ ist auch bei der Bread & Butter in Berlin vertreten. „Bei Kleidung muss man schon komplette Kollektionen machen, wenn man ernst genommen werden will – und das kostet viel Geld“, sagt Saul. Ihr derzeitiges Lieblingsaccessoire ist von der Konkurrenz: „Das Prodotyp-Monokel mit Kette ist genial“, sagt sie.

Prodotyp ist das Label zweier Modistinnen, die eine berufliche Fernbeziehung führen. Gritt Wollenberg arbeitet in Berlin, Julia Mayntzhusen in Hamburg. Wollenberg entwickelt neben ihrer Arbeit für Prodotyp Innenleben von Helmen. Mayntzhusen leitete die Hutmacherei der Hamburger Staatsoper und arbeitet als Stylistin. Die Tücher, Krägen, Mützen, Stofftaschen, Brillen und Schmuckanhänger sind etwas für Menschen, die ein Faible für Merkwürdiges haben – der Beweis ist das Monokel im Achtzigerjahre-Stil aus der „Kurschatten“-Kollektion, von dem Bettina Saul so schwärmt. Auf der Berliner Bread & Butter werden „Hypnotic Dachshund – Prodotyp im Banne des Dackelblicks“ (Sommer 2006) und „Salto Mortale – Menschen, Mützen, Sensationen“ (Winter 2006/07) vorgestellt.

Einen anderen Ansatz hat die gebürtige Französin Helena Barcikowski. Die Kostümbildnerin fertigt seit 1995 feine Dessous- und Strumpftaschen mit feenhaften, eleganten Details. Die liebevoll gestalteten Säckchen, Taschen und Etuis sind handgefertigte Kunstwerke aus Seide oder Satin. „Um die passenden Knöpfe, Borten oder Schleifen für den Verschluss auszusuchen, stöbere ich manchmal monatelang auf Flohmärkten oder in Antiquitätenläden in Paris, Amsterdam oder Berlin“, sagt sie.

Helena Barcikowski studierte in Hamburg, Madrid und Paris und arbeitete unter anderem am Freiburger Theater. Inzwischen verkauft sie ihre Unikate in Vancouver, Montreal, Paris und Basel. Im Frühjahr zieht sie ins „Atelier 5“ in der Stendaler Straße. „Ich finde Berlin als Gegenpol zum schönen, aber konservativen Paris spannend – sowohl was Mode angeht als auch Theaterarbeit“, sagt sie.

In der Theaterwelt zu Hause ist auch die Schauspielerin Anat Fritz. Jetzt häkelt sie Mützen. Ihre aktuelle Kollektion zeigt sie gerade auf der Bread & Butter in Barcelona, und auch in Berlin wird sie auf der Modemesse sein. Ursprünglich als Notbehelf für den gefürchteten „Bad- Hair-Day“ gedacht, sind ihre Mützen im Lausbubenstil zum begehrten Styling-Objekt geworden. Schlicht und einzigartig in der Form, passen die Kappen aus Schur- oder Baumwolle, Angora oder Kaschmir auch Menschen, die kein ausgewiesenes „Mützengesicht“ haben.

Anat Fritz hat sich wohl am weitesten von ihrem ursprünglichen Beruf entfernt – doch auch die anderen Frauen der neuen „Berliner Bastelgesellschaft“ haben Patchwork-Karrieren gemacht. Alle sechs sind heute erfolgreich – von Berlin aus verkaufen sie ihre Produkte in alle Welt. Vielleicht liegt es daran, dass die Berliner Gesellschaft auch im übertragenen Sinne zu einer Bastelgesellschaft geworden ist. Hier zimmern sich junge kreative Menschen ihre Berufe einfach selbst. Nicht alle haben damit Erfolg.

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