Zeitung Heute : Berliner Firmen haben Nachholbedarf

KURT SAGATZ

Für Frank Schütze, Inhaber des Suzuki-Motorradgeschäfts Schütze im Wedding, haben sich die Investitionen für den Gang ins Internet bereits ausgezahlt.Obwohl seine Seiten erst seit rund einem Jahr im Netz stehen und nach eigener Aussage noch lange nicht perfekt sind, hat Schütze via World Wide Web inzwischen zwei gebrauchte und sieben neue Motorräder an den Zweiradfahrer gebracht.Vor allem die Schnelligkeit des Netzes hat ihm dabei geholfen, gegenüber der Konkurrenz einen Wettbewerbsvorteil zu schaffen."Vor zwei Wochen hat Suzuki für einige Maschinen Aktionspreise ausgeschrieben, die ich sofort auf meine Internet-Seite gestellt habe", erzählt Frank Schütze.Wenig später nahm ein Kunde, der den Preisnachlass auf der Homepage entdeckte, Kontakt mit Schütze auf und kaufte die Maschine für rund 1000 Mark weniger als bei der Konkurrenz.

Der Handel über das Internet beziehungsweise die Geschäftsanbahnung über die neuen Medien ist längst keine Domäne allein der großen Versandhausketten und Warenhäuser.Auch der lokale Handel kann von den Möglichkeiten des schnellen Mediums Internet profitieren, und zwar zu vertretbaren Kosten, meint Walter Schönenbröcher, Geschäftsführer der Berliner Internet-Agentur "Im-Netz".Genutzt wird dieser Vertriebskanal allerdings erst von den wenigsten Firmen - mit ein Grund dafür, daß E-Commerce bislang mehr ein Schlagwort als ein tatsächlicher Trend ist.Nach den jüngsten Erhebungen der Berliner Wirtschaftsverwaltung sind derzeit erst 14 Prozent der 130 000 Berliner Unternehmen im Netz vertreten.Bei den den meisten überwiegt die blanke Selbstdarstellung.

Unter der Schirmherrschaft von Wirtschaftssenator Elmar Pieroth hat nun die Weddinger Agentur "Im-Netz" aus eigenen Mitteln ein Förderprogramm aus der Taufe gehoben, daß kleinen und mittleren Unternehmen und Existenzgründern aus Berlin den Weg in das Netz ebnen will.In den kommenden Monaten werden Schönenbröcher und sein Compagnon Emilio Paolini insgesamt 60 Firmen zu einer kostenlosen WWW-Präsenz - für ein Jahr - verhelfen.Damit umfaßt das Förderprogramm ein Finanzvolumen von immerhin rund 360 000 DM.In einem Losverfahren werden von Juli an jeden Monat zehn Firmen ausgewählt, die dann einen Erstauftritt im Netz, eine Einführung in das Internet und entsprechende Betreuung erhalten.Dies schließt unter anderem eine spezielle Bewerbung der Seite ein, denn nichts ist ärgerlicher, als wenn niemand die eigene Homepage im Internet besucht.

Die Bewerbungsformulare können im Internet unter der Adresse www.im-netz.de oder unter Telefon 451 10 00 angefordert werden.Da eine Mehrfachbewerbung für den kostenlosen Internet-Auftritt nicht vorgesehen ist, kann es übrigens nicht schaden, mit der Bewerbung noch etwas zu warten, denn für die erste Runde liegen nach Schönenbröchers Angaben bereits rund 100 Anträge vor.Bei der Firma "Im-Netz" handelt es sich übrigens um eine Internet-Agentur, die bereits über reichlich Erfahrung darüber verfügt, wie sich Firmen im Netz zeitgemäß präsentieren.Zu den bisherigen Kunden gehört neben Suzuki Deutschland auch der SFB, Senator Film, der Ring Deutscher Makler, und das Berliner Germania-Werk.

Der Gang ins Internet ist mit weniger Zeitaufwand und Kosten verbunden als vielfach befürchtet wird.Wie bei Motorrad Schütze ist auch bei den meisten anderen Unternehmen die benötigte Hardware durch die Büroarbeit bereits vorhanden und die monatlichen Kosten liegen mit etwas Eigenbeteiligung ebenfalls in einem vertretbaren Rahmen.Etwas Zeit wird allerdings schon benötigt.Rund drei Stunden pro Woche berechnet Schütze für die Beantwortung seiner elektronischen Post.Auf standardisierte Antwortschreiben verzichtet der technikbewanderte Motorradhändler dabei bewußt.Er versucht vielmehr, die potentiellen Kunden durch persönliche Ansprache zu gewinnen.Und diese Mühe zahlt sich aus: Rund jeder fünfte E-Mail-Schreiber kommt später einmal in seinen Laden.

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