Zeitung Heute : Berliner Hasardeure

LORENZ MAROLDT

Acht Jahre Besitz der verfassungsverändernden Mehrheit machten CDU und SPD selbstgefällig, wohl auch ein wenig schläfrig.So dämmerte der Koloß der Bundestagswahl entgegen.Doch plötzlich ist es vorbei mit der Langeweile.Bonn ist erschüttert, das Beben berührt Berlin.Auf einmal zeigt sich: Die Koalition ist kein Fels, sie ist ein Trümmerberg - aufgetürmt aus Schutt und Asche, darüber eine Lage Filz.Erst rollte ein Steinchen herunter, und jetzt gerät alles ins Rutschen.Sechs Hände sind nicht genug, das alles, was stürzt, zu halten, wenn Dutzende Füße scharren.

Dem Regierenden Bürgermeister Diepgen sowie den Fraktionsvorsitzenden Landowsky und Böger fällt es schwer zu glauben, was sie da sehen.Kaum jemand aus ihren Reihen sehnt wirklich den großen Knall herbei, doch schlagen sie alle Funken in explosiver Luft: Senatoren, müde, eitel, ambitioniert, streben in schmerzlicher Zahl davon; andere, vom Amt überfordert, spüren die Knüppel der eigenen Leute am Knie; Parteimitglieder zucken, die einen gar lustvoll: Das süße Gefühl der Macht durchströmt sie, und andere fürchten geräuschvoll, von der neuen Zeit vergessen zu werden.Anstand und Stil müssen warten.

Wie Innensenator Schönbohm seinen Regierenden Bürgermeister, den Fraktionsvorsitzenden und überhaupt alle, die an dieser Koaltion festhalten, dreist desavouierte, das ist schon ein starkes Stück Egomanie.Den Vormann der Union in Potsdam spielen, das mag ihm ruhig jeder gönnen.Aber daß beides nicht zeitgleich geht: die Hauptstadt halten und Stolpe angreifen, das muß der General außer Dienst schon wissen.Und überhaupt nicht verträglich ist die kokette, leichtfertige Präsentation.Brüskiert vernahm die Partei in Berlin von Dritten, was Schönbohm vorhat - und stellte erschrocken fest, daß die Folgen gar nicht bedacht sind.Schönbohms Lust erst, bezirzt wie Odysseus auf schmeichelnde Rufe zu hören, löste den Erdrutsch aus.

Was wäre heute ohne Schönbohms Versuchung? Es würden, konkret und entspannt, zwei Köpfe für den Senat gesucht, je einer von CDU und SPD; von Nachwahl wäre die Rede, nicht von Neuwahl; in der zweiten Reihe spielten ein paar Staatssekretäre die Reise nach Jerusalem; bis hinauf zu den hinteren Bänken dösten die Heißsporne wieder vor sich hin, in der gewissen Erwartung, bis zum Sommer nur in feuchtem Pulver zu waten.Aber Schönbohm hat den Nebel der Ungewißheit über das Rote Rathaus gelegt, und davon werden politische Hasardeure angelockt wie die Haie vom Blut.

Die Nebel werden sich lichten, wenn Schönbohm seinen Rückzug vom Amt erklärt.Aber dann sind noch immer drei Senatoren zu suchen; sie am 12.November wählen zu lassen, wird der leichtere Teil der Arbeit sein.Bis dahin kann noch einiges geschehen, zwei weitere Senatoren sind in Gefahr, vom rutschenden Berg verschüttet zu werden.Vielleicht kühlt sich so manches erhitzte Gemüt in den Herbstferien ab; mancher mag sich besinnen, daß im nächsten, verkleinerten Parlament kein Platz für ihn mehr ist; und war nicht der Wahltermin extra im Gleichklang mit Brandenburg gesetzt, auf daß alsbald etwas wichtigeres als die Tagespolitik, nämlich die Länderfusion, in trockene Tücher kommt? Die Koalition ist immer noch groß mit ihren 38 Sitzen Vorsprung, mancher wird dizipliniert werden können, andere ereilt die Vernunft.Aber ob der Regierung Gutes gelingen wird in ihrem letzten, gereizten Wahlkampfjahr, das ist heute noch weniger wahrscheinlich als vor sieben Tagen.

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