Zeitung Heute : Berliner Literaturszene: Sorge dich nicht, lese

Kerstin Decker

Kein Platz mehr im Pavillon am Weinbergsweg. Ein paar Scheinwerfer schlagen grüne, rote und blaue Lichtschneisen durch den Rauch. Erhitzte Gesichter fallen für Momente aus der Dunkelheit. So sehen Diskotheken aus, wenn es schon sehr spät, oder nein, sehr früh ist. Aber das hier ist keine Diskothek. Das ist eine Dichterlesung.

Ein Dichter im schwarzen Pullover tritt vor. Es muss ein sehr junger Dichter sein, denn ältere Dichter könnten in dieser grün-rot-blauen Dämmerung bestimmt keine einzige Manuskriptzeile erkennen. Außerdem hat er keinen Tisch vor sich. Richtige Dichter haben immer Tische. Man muss sein Manuskript doch irgendwo ablegen können, bedächtig, wie eine überschwere Bürde, an der man schon viel zu lange trägt, um dann langsam von ihm aufzuschauen und es nach einem resignierten Blick ins Publikum noch einmal ganz neu zu sortieren. Der nächste Schritt dann ist grundsätzlich offen. Gleich anfangen oder noch einen Schluck Wasser trinken, so, wie nur Dichter das können?

Der Poet dort vorn hat keine Wahl. Kein Tisch, kein Licht, kein Wasser. Ja, nicht mal ein Manuskript. Statt eines effektvoll aufzuschlagenden Buches holt er jetzt unter schweigender Anteilnahme des Publikums einen Zettel hervor. Darauf steht etwas von einer irischen Jugendherberge und den Gefährdungen, denen herbergsväterliche Unachtsamkeit junge deutsche, unter Pheromoneinfluss stehende Dichter aussetzt, wenn sie zum Erreichen ihres Bettes jedesmal durch den Mädchenschlafsaal müssen. Das Publikum ist freudig erregt. Spider heißt der Dichter. Früher hatten Poeten andere Namen. Danach trägt Tube die Geschichte "Wie ich mal in der Kastanienallee in irgendwas reingetreten bin" vor. Was würde Botho Strauß darüber denken?

Auffällig ist, dass fast alle Zimmerpflanzen hier, wöchentliche Zeugen der Leseabende, nur noch über ein allerletztes, zäh verteidigtes Blatt verfügen. Entweder es handelt sich um kompromisslose Botho-Strauß-Sympathisanten oder sie legen lebendiges Zeugnis ab von der Weltanschauung der Dichter. Es sind die "Surfpoeten" von der "Liga für Kampf und Freizeit". Jeden Mittwoch sind sie hier. Es gilt, an ihrem Beispiel die neue Berliner Literatenszene zu begreifen.

Kampf und Freizeit. Jede Zimmerpflanze weiß aus Erfahrung, was wir erst langsam begreifen: Leben ist immerwährende Freizeit. Darin besteht seine Drohung. Und es ist harter Überlebenskampf zugleich. Woran wir erkennen, dass die Existenzform der zeitgenössischen Spaßgesellschaft sich zunehmend der der Topfpflanzen annähert. Die moderne Großstadtdichtung ist der literarische Ausdruck dieser Erkenntnis.

Außerdem spielen fast alle Geschichten der neuen Berliner Dichter in Berlin. Nur Spider ist schon über irische Jugendherbergen hinaus bis in norwegische Jugendherbergen vorgedrungen. Tubes Bericht aus der Kastanienallee dagegen muss als absolut beispielhaft gelten. Die Kastanienallee beginnt unmittelbar neben dem Tagungsort der "Liga für Kampf und Freizeit". Diese außerordentliche Sesshaftigkeit lässt einen sofort an die durchschnittliche Mobilität der Zimmerpflanzen denken. Und sogar ihren Erlebnishorizont teilen die Dichter: Alltag, immer wieder Alltag. Erstaunlich ist nur, wie viel Alltag es in Berlin gibt. Er reicht für die ganze Woche, jede Woche neu. Wenn man am Sonntagmittag zu "Dr. Seltsams Frühschoppen" geht und keinen Tag auslässt, kommt man am Mittwoch bei den "Surfpoeten" an und erreicht am Sonnabend schließlich das "Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen". Wer nicht zu lange bleibt, schafft am nächsten Morgen wieder den "Frühschoppen".

Verabredung mit Spider zum "Gipfeltreffen". Denn natürlich bleibt noch die alte Frage zu klären: Wie wird ein Dichter ein Dichter? Und vor allem, was macht er den ganzen Tag?

Da fängt das Missverständnis schon an. Wieso Tag? Nur gänzlich unpoetische Naturen verbinden die Vorstellung des Tages mit jener der Tätigkeit. Poesie morgens um sieben ist Humbug. Darum ist es auch so schwer, mit einem Dichter Frühstück essen zu gehen. Oder überhaupt ihn zu besuchen. Spider wohnt in Prenzlauer Berg. Ganz oben, links, sagt er. - Steht denn kein Name dran? - Doch, antwortet der Literat, "Klingel" stehe da, wobei er nicht wisse, ob der eigentliche Mieter, den er nicht kenne, Klingel heiße oder ob es sich hier um einen Fall typisch deutscher Überdefinition handele. Sein Name jedenfalls sei nicht Klingel. In Wirklichkeit heißt Spider Andreas Krenzke und kommt aus Hohenschönhausen.

Hohenschönhausen. Ist das ein kongenialer Herkunftsort für einen Dichter? Seltsam genug ist Spider gar nicht der einzige Prenzlauer-Berg-Dichter der neuen Generation aus Hohenschönhausen. Volker von der "Chaussee der Enthusiasten", auf der sich jeden Donnerstag "die schönsten Schriftsteller" Berlins treffen, kommt auch aus Hohenschönhausen. Anfang der Neunziger traf Spider ihn dort. Und jetzt wohnen sie zusammen bei "Klingel", ganz oben, links. Auch Spiders ursprünglicher Beruf hat einen irgendwie unmusischen Klang. "Ich war Facharbeiter für BMSR-Technik", sagt er und weiß, solche Worte muss man heute erklären. Vielleicht hat ihn ja auch das zum Dichter gemacht. Gerade 30 sein und schon ein ganzes System hinter sich haben. Unverständlich werden. Anderen passiert das erst mit 60. Bestimmt kommen darum die meisten der Vorlese-Dichter aus dem Osten. BMSR-Technik heißt Betriebs-, Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik und bedeutete, dass Spider in seinem früheren Leben Heizungen reparieren musste. Bei "Elektrokohle Lichtenberg". Das ist auch so ein Kennzeichen der Dichter. Sie haben grundsätzlich mehrere Leben. Dabei hätte Andreas Krenzke gern immer weiter Heizungen repariert.

In der DDR war das so, erklärt er, im Herbst gingen alle Heizungen kaputt, das sei hart gewesen, aber die Sommer bei "Elektrokohle Lichtenberg" waren dafür wunderbar. Woran jeder ersieht, dass die DDR-Arbeitswelt eine unvermutete poetische Seite hatte, die Andreas Krenzke heute einfach nicht wiederfinden kann. Nicht mal die Sommer- und Winterunterschiede. Manchmal arbeitet er noch auf Baustellen, weil auch ihn die alte Demütigung aller Dichter trifft. Einerseits ist man der reine Geist über allen Dingen, um irgendwann doch die Differenz zu spüren. Reine Geister brauchen nicht zu wohnen, nicht zu essen, vor allem aber zahlen sie keine Rundfunkgebühren. Die Gebühreneinzugszentrale - GEZ - kommt erstaunlich oft vor in den Geschichten der jungen Dichter. Wahrscheinlich ist sie ihr meist bedichtetes Sujet. Daran mag jeder den Unterschied zu älteren Poetenschulen ermessen.

Das "Gipfeltreffen" in der Kulturbrauerei, Prenzlauer Berg. Spider macht heute nicht mit. Aber am letzten Sonnabend war er dabei. Er trägt einen gestreiften Pullover und dazu eine formvollendete Aufwachfrisur. Die meisten Menschen denken nie darüber nach, wie schwer es ist, noch am späten Abend auszusehen, als wäre man eben erst aufgestanden. Es darf ja auch nicht übertrieben wirken, nicht gestylt. Denn das Gestylte trifft der ganze Hohn der neuen Dichter. Das haben sie mit den alten gemein, dieses Beharren auf dem Authentischen.

Hauptsache authentisch

Auch beim "Gipfeltreffen" ist alles authentisch. Vor allem sind es die Handlungsorte der Geschichten. Die erste spielt im Friedrichshain am Sonnabendabend vor der "Tagung" und handelt in kühner Direktheit von den Tücken des Beischlafes unter Brillenträgern. Als nächster kommt Uli und kündigt an, auch sowas Ähnliches geschrieben zu haben, nur dass es nicht in Friedrichshain spiele, sondern in Neukölln, was Kennern wie Spider sofort einleuchtet, denn Uli wohnt ja in Neukölln und worüber sollte er sonst schreiben? Seine Geschichte, ergänzt Uli noch, erhebe jedoch Anspruch auf Grundsätzlichkeit und heiße "Warum Sauerscharfsuppe immer so komisch aussieht". Niemand, der noch nie eine Geschichte "Warum Sauerscharfsuppe immer so komisch aussieht" geschrieben hat, kann ermessen, wie schwer das ist. Die zu erbringende literarische Leistung verhält sich genau umgekehrt proportional zur Bedeutung ihres Gegenstands. Mach mal einer aus der Farbe einer Sauerscharfsuppe eine Geschichte, die man vor knapp 200 Menschen vorlesen kann! Oder aus dem, wo man in der Kastanienallee reintritt. So dass es für alle 200 eine ganze Lesung lang nichts Wichtigeres gibt als China-Imbisse oder Hindernisse auf der Kastanienallee. Wahrscheinlich könnte das nicht mal Botho Strauß. Jemand hat mal gesagt, eine Hausfrau bei der Arbeit wolle nach der Arbeit eines auf keinen Fall sehen: im Fernsehen eine Hausfrau bei der Arbeit. Die Berliner Vorlesebewegung ist die Widerlegung dieser These, wenn auch im anderen Medium.

Existenzieller Unernst statt existenziellen Ernstes! Vorbei die heilige Unnahbarkeit der Alten. Prenzlauer-Berg-Szene? Lange gewesen. "Einsamer nie" heißt ein Gottfried-Benn-Gedicht; "Lauter niemand" ein zeitgenössisches Literaturlabor. Das ist der zweite Unterschied zu den Alten. Auch hätte Gottfried Benn eben niemals über die Gebühreneinzugszentrale geschrieben.

Frühe Altersweisheit

Ein kühler Beobachter der Szene hat die neuen Dichter-Lese-Kreise schon mal als "Versammlung emeritierter Klassensprecher" beschrieben, rein äußerlich gesehen. Aber genau das ist ihr sagenhafter Vorteil. Sie befinden sich in einem Alter, so um die 30, in dem man gerade noch ohne Lächerlichkeit über seine Nächte in Jugendherbergen berichten kann. Es ist ein freies Spiel mit dem Pubertären, aber immer gebrochen mit überlegenem Charme, der aus einer Art früher Altersweisheit kommen muss.

Nach dem "Gipfeltreffen" gehen die Dichter immer in die Kneipe. Aber in eine, wo noch keiner ist. Und das am Wochenende im Prenzlauer Berg, kurz vor Mitternacht? Natürlich, sagt Spider, der seinen Namen in der Schule aufgrund der Eigentümlichkeiten seiner Fortbewegung bei der militärischen Vorausbildung bekam und nie eine Kneipe besuchen würde, wo jene sind, die jetzt in Prenzlauer Berg wohnen. Denn die neuen Kneipen sind so sagenhaft unauthentisch. Authentischer als die "Schildkröte" dagegen kann man als Kneipe gar nicht sein. Bunter Bleiglasersatz in den Fenstern, an den Wänden Albrecht Dürer neben Bierwerbung. Es ist wirklich keiner da. Die früher herkamen, wohnen ja nicht mehr hier. Was für ein Ort für Dichter, so weltvergessen-zentral. Früher hatte der Wirt nur noch ein einziges Ei, wenn sie eintrafen - und wer weiß, wie lange er es schon besaß -, heute geht er für jeden Sonnabend extra einkaufen.

Wir warten auf die Bratkartoffeln mit Spiegeleiern, die in ganz Prenzlauer Berg nicht so gut sind wie in der "Schildkröte". Spider berichtet von seiner allerersten Nachwendeerfahrung. Die brauchten plötzlich keine BMSR-Techniker mehr. Ja, eigentlich nicht mal die "Elektrokohle Lichtenberg". Hört sich ja auch kreuzgefährlich an, Elektrokohle. Vielleicht war das Spiders dichterisches Initiationserlebnis, er bekam plötzlich jeden Monat 1000 Westmark dafür, dass für ihn ewiger Monteurssommer war. In solchen Augenblicken begreift man, dass nichts unmöglich ist. Dichter leben von solchem Wissen. Mit den 1000 Westmark fuhr er also in die norwegische Jugendherberge, traf die Kölnerin Eva, seine erste Liebe, welche ihn auf die Idee brachte, das Abitur zu machen mit den Worten "Das schaffen bei uns die größten Trottel!". Spider schrieb über diese Zeit die Kurzgeschichte "Eva". "Da ich das Abitur nun mal hatte", sagt Spider, während der Rest des "Gipfeltreffens" in der "Schildkröte" eintrifft, "beschloss ich, dass sich das auch lohnen sollte, und studierte Physik."

Spider studierte genau zwei Monate Physik. 70 Stunden in der Woche. Er staunt noch immer darüber, dass es Menschen gibt, die pro Woche wirklich 70 Stunden übrig haben. Er hatte nicht so viel und studiert deshalb seitdem Geografie. Spider ist der einzige Geografie-Student unter den jungen Großstadtdichtern. Die anderen studieren was anderes, sind arbeitslos oder Taxifahrer. Man merkt Spiders Spezialisierung daran, dass seine Geschichten nicht nur in irischen und norwegischen Jugendherbergen spielen, sondern auch in österreichischen und indischen, aber niemals in der Kastanienallee. Alle essen ihre Bratkartoffeln mit Spiegeleiern. Sie sind auf dieselbe Art Dichter geworden. Freunde nahmen sie mit zu einer Lesung. Spider wehrte sich lange: "Ich hatte solche Angst, das wäre Kabarett." Im Weltbild der Avantgarde gibt es nichts Bescheuerteres als Kabarett. Diese groben Pointen!

Es ist kurz nach zwölf. Nein, heute wird Spider nicht mehr anfangen zu schreiben. Er hat schon seit einer Woche nichts mehr geschrieben, obwohl er drei feste Auftritte in der Woche hat, manchmal werden es vier. Harter Arbeitsalltag. Aber drei neue Stücke pro Woche? Unmöglich. Schließlich müssen sie zwischendurch auch noch zu solch artverwandten Aktionen wie "Poeten schmieren Stullen", was kürzlich in "Prominente belegen Brote" umbenannt wurde.

Oder Ivo ist schuld an dem Kreativitätsloch. Denn Ivo ist der einzige Nicht-Dichter am Tisch. Er kommt direkt aus der "Performativitätsforschung" und schreibt eine Magisterarbeit über das Thema "Texte als Performance". Die Literatur der Zukunft sei mündlich, Verlage seien deshalb überflüssig. Die Magisterarbeit, davon ist Ivo überzeugt, wird zu einem völligen Umbruch in den Geisteswissenschaften und im Verlagswesen führen. Die anderen glauben das auch, schon weil es ungemein schwer ist, kurz vor ein Uhr das Wort "Performativitätsforschung" noch fehlerfrei auszusprechen.

Nun aber gehen alle auf die Party "Stereo total". Die Frage, warum die neuen Berliner Lese-Bühnen fast frauenfrei sind, konnte nicht mehr geklärt werden. Schon weil jede Szene ihr Geheimnis braucht.

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