Zeitung Heute : Berliner Schaufenster für Independent-Verlage

REGINA KÖTHE

Der elektronische Buchhandel gilt gemeinhin als Wachstumsbranche.Als rechteckiger Monolith schwebt das Buch durch den Cyberspace - und will gekauft werden.Auch Erich Maas und seine Kollegen von TXT - dahinter verbirgt sich der Name eines Dateiformats für Texte - wollen Bücher verkaufen, doch sie haben nicht die Bestseller, sondern vielmehr die besonderen Titel im Auge.Exklusiv mit Sitz in Berlin versteht sich "TXT.de" als Informationssystem mit angeschlossenen Online-Buchladen für kleinere Verlage.35 Verlage präsentieren hier ihr aktuelles Programm."TXT.de" ist gemeinsam mit dem Kohlibri-Versand der etwas andere Bookshop für "special interests".

Doch ganz so viel Understatement brauchen die Organisatoren von TXT nicht zu zeigen, schließlich präsentieren sich auf ihrer Plattform Verlage wie der Christoph Links Verlag, die Europäische Verlagsanstalt, Wunderhorn und Tiamat.Ein kleines, feines Angebot mit Belletristik, wissenschaftlichen Texten aus Philosophie, Medientheorie und Kulturwissenschaft.Der Bollmann Verlag zum Beispiel präsentiert seine medientheoretischen Texte auf der Frontpage, die weibliche Seite des Expressionismus gehört zu den Neuheiten bei AviVa.Hinzu kommen Terminkalender, Rezensionen und Newsletter als Service, der sich allerdings erst im Aufbau befindet.Wer nicht durch die großen Online-Bookshops gleiten will, die mit Superlativen an verfügbaren Titeln und Bestsellern werben, der wird sich bei TXT wohlfühlen.

Anlaß für die Gründung war die Notlage kleinerer Verlage, die nach neuen Distributionswegen suchten.TXT entsteht fast vollständig in Eigen- und Zuarbeit der Organisatoren und der kooperierenden Verlage.Erich Maas, einer der Organisatoren und selbst Verleger, redet nicht so gerne von "Kleinverlagen", sondern findet den Begriff "Independent-Verlag" passender.Das Internet sieht er als ein neues Forum an, um nicht in den Riesenkatalogen der großen Bookshops unterzugehen, sondern die anvisierte Zielgruppe direkter zu erreichen.An der Konzeption von TXT war Ulf Schledt wesentlich beteiligt; der Profi für den Vertrieb ist René Kohl.Große finanzielle Spielräume sind in diesem Projekt nicht vorhanden, die meisten Mitarbeiter widmen sich dem Projekt neben der normalen Arbeitszeit.

Dem Internet-Verbund können sich Verlage anschließen, indem sie entweder ihre Seiten selbst ins Netz stellen oder mit Unterstützung des Teams eigene Seiten aufbauen.Für eine professionelle Internetpräsenz fehlt es den kleineren Verlagen oft an Knowhow und finanziellen Mitteln.Kein Kraut- und Rübensortiment, sondern ein klar strukturiertes Angebot für Neue Deutsche Literatur, Medientheorie, Frauenliteratur und Kunstbücher soll hier entstehen.Die Verlage stellen zweimal im Jahr ihre neuen Titel vor, bieten Leseproben an und füttern die Datenbank mit Informationen über Autoren und Verlag.Erich Maas ist davon überzeugt, daß die Zukunft der Online-Shops in ausdifferenzierten Angeboten liegt, und daß kleinere Verlage hier die Chance haben, sich am Markt zu behaupten."Das Pool an potentiellen Kunden muß eingegrenzt werden.Das Angebot von TXT interessiert gewiß nicht jeden, aber jeder ist willkommen." Diese salomonische Formel zeigt die Ausrichtung: Klein und fein das Angebot, überschaubar und interessiert der Kundenkreis.Auf die Frage, welchen Zusatznutzen er dem Nutzer anbieten will, damit er länger auf seinen Seiten verweilt und schließlich bestellt, antwortet der Verleger ausweichend.Links und Diskussionsforen sind die gängigen Mittel, sagt er.Ihm schweben dagegen eher Life-Übertragungen von Lesungen und Kontakte zu Institutionen vor, einiges davon sei bereits in der Erprobungsphase.Doch die Verlage sind vorrangig am Verkauf interessiert, weniger an den Leckerbissen für die Besucher im Netz."Dafür reichen die Werbeetats nicht," sagt Maas.Die Zugriffe stiegen trotzdem.Da die Programme der kleinen Verlage nicht in jedem Buchladen zu finden seien, gingen Buchliebhaber inzwischen im Internet auf die Suche.Für sie kann "TXT.de" zur Fundgrube werden.

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