Zeitung Heute : „Berliner Spezifikum“

Die Humboldt-Universität plant ein Institut für integrative Lebenswissenschaften

Im Zentrum des Antrags „Translating Humboldt into the 21st Century“, mit dem sich die Universität im Rahmen der Exzellenzinitiative bewirbt, steht ein Institut für Lebenswissenschaften. Warum sind Lebenswissenschaften so wichtig?

Praktisch alle großen wissenschaftlichen Fragen – wie beispielsweise die Frage, aus welchen Motiven der Mensch wie handelt – können heute nur von Geistes- und Naturwissenschaften gemeinsam behandelt werden. Eine an solchen Problemen orientierte Lebenswissenschaft braucht beispielsweise die Zusammenarbeit von Biologen, Medizinern und Philosophen. Einzigartige Bedeutung haben die Lebenswissenschaften schon deswegen gewonnen, weil es praktisch keine wissenschaftliche Frage gibt, die nicht auch aus neurologischer und genetischer Sicht beantwortet werden muss – aber eben auch nicht ausschließlich vor diesen Hintergründen beantwortet werden darf.

Was kann man zur Ausgestaltung sagen? Was macht die Universität anders?

Wir errichten ein „Institut für integrative Lebenswissenschaften“, in dem wie an einem „Institute for Advanced Study“ Fellows aus der ganzen Welt ebenso wie aus der eigenen Universität arbeiten, die für eine gewisse Zeit von ihren normalen Professuren beurlaubt sind. Trotzdem erwarten wir gerade durch die Mitglieder aus der eigenen Universität eine deutliche Rückwirkung auf das Lehr- und Forschungsprofil unserer Fakultäten – und damit letztlich für sehr viele Studierende. Exzellente lebenswissenschaftliche Institute gibt es auch an anderen Orten, die enge Verbindung von Geistes- und Naturwissenschaften ist ein Berliner Spezifikum.

Warum eignet sich gerade die Humboldt-Universität als Standort für dieses Institut?

Wir haben exzellente fachliche Voraussetzungen – ich erwähne nur die Neurologie der Charité oder unsere theoretische Evolutionsforschung, eine seit langem entwickelte und sehr fruchtbare Kultur des gemeinsamen Forschens von Natur- und Geisteswissenschaftlern, beispielsweise im Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik. Und wir haben mit dem Campus Nord vorzügliche räumliche Bedingungen.

Der Antrag bildet zugleich auch das „Zukunftskonzept“ der Humboldt-Universität für die nächsten Jahre. An was denken Sie, wenn Sie an Lebenswissenschaften und Zukunft denken?

Wir dürfen nicht den Fehler vieler deutscher Universitäten wiederholen, einfach fortzusetzen, was in den letzten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts in „Strukturplänen“ betoniert wurde oder ohne viel Überlegung einführen, was vor zwanzig Jahren in Amerika modern war. Eine Universität in der Tradition der Universitätsreformer von 1810 konzentriert sich auf einige zentrale Problemkreise der großen Überlebensfragen von Mensch und Gesellschaft – beispielsweise die Risikofolgenabschätzung – und baut um diese Frage ihre Disziplinen und Institutionen. So haben wir das in unserem Zukunftskonzept auch gemacht.

Welche Erkenntnisse erhoffen Sie sich?

Sehr kleinteilige, praktische – beispielsweise in der Alzheimer- oder Parkinsonforschung –, aber auch große theoretische. So steht meines Erachtens die Neuformulierung des Bildes vom Homo oeconomicus an, die Diskussion unseres Menschenbildes angesichts der enormen Fortschritte auf neurologischem und gentechnischem Gebiet.

Das Gespräch führte Carmen Müller.

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