Zeitung Heute : Berliner Strato AG: Ein negativer Sechser im Lotto

Kurt Sagatz

Deutschlands größter Webhoster, die Berliner Strato AG, hat ihre technischen Probleme auch am vierten Tag nach dem Zusammenbruch des Speichersystems am Dienstag (wie berichtet) noch immer nicht im Griff. Am Sonnabend waren viele Homepages weiterhin unerreichbar, obwohl der Provider in einer Stellungnahme am Freitag bekannt gab, dass "sich die Unterbrechung der Dienste jetzt einem vollständigen und zufriedenstellenden Ende nähert". 90 Prozent der 1,7 Millionen Internet-Präsenzen seien wieder online, hatte eine Strato-Sprecherin gegenüber dem Tagesspiegel erklärt.

Die massive Kritik der Kunden sowohl im Strato-eigenen Internet-Forum als auch in anderen Internet-Diskussionsgruppen hat den Webhoster inzwischen dazu gezwungen, über Konsequenzen aus der technischen Panne nachzudenken. Es werde nun an einer "geografisch verteilten Struktur der Speicherlösung" gearbeitet. Auch ein zusätzlicher Back-Up-Speicher an einem anderen Ort soll dazu laut Strato gehören. Tagesspiegel Online Spezial:
www.tagesspiegel.de/neweconomy Zusätzliche Probleme bei der Wiederherstellung der Internet-Präsenzen ergaben sich am Freitag dadurch, dass die wiederaufgespielten Datensätze auf Fehler und so genannte korrumpierte Daten geprüft werden mussten. Hierdurch sei es zu kurzfrisitigen Ausfällen gekommen.

Von den Serverausfällen sind nach Angaben des zur Teles-Gruppe gehörenden Unternehmens eTrack nicht die Webpräsenzen der Strato-Schwester cyPos betroffen. Von cyPos werden in erster Linie die Netzseiten von mittelständischen Firmenkunden betreut. Deren Daten lägen jedoch nicht auf den Strato-Rechnern, sondern bei dem anderen Schwester-Unternehmen cronon.

Je länger der Ausfall dauert, desto schwieriger wird es für Strato-Pressesprecher Sören Heinze und die Mitarbeiter der Hotline zu erklären, wieso Probleme in dem, nach eigenen Aussagen, gut abgesicherten Cybercenter nicht in einer vertretbaren Zeit in den Griff zu bekommen sind. Allein die Tatsache, dass es überhaupt zu dem Ausfall kam, war für Heinze nur mit einem "negativen Sechser im Lotto" zu vergleichen, denn Auslöser des Desasters war genau jene Sicherheitseinrichtung, die bei einem Stromausfall den Weiterbetrieb hätte sicherstellen sollen. Nimmt man die Strato-Kunden beim Wort, die ihrem Ärger Luft machen, so hat es zumindest die Hotline zeitweise aufgegeben, Fragen zu beantworten.

Der Ausfall der Speichereinheiten und die Verzögerungen bei der Reparatur kommen für Strato zur Unzeit. Gerade erst hatte sich das Unternehmen von der Kritik erholt, Strato würde als Billigprovider seine Rechnerkapazitäten überfordern. Mitte letzten Jahres hatte das Unternehmen mit erheblichen Problemen zu kämpfen gehabt. In der Folge wurden die Ressourcen massiv aufgestockt. Man sei nun in der Lage, fünf Millionen Domains zu verwalten, hieß es erst kürzlich. Dass Strato gerade erst den Preis als "Europäischer Webhoster des Jahres" erhalten hat, hilft angesichts des neuerlichen Fiaskos wenig.

Auf der anderen Seite hilft es den Besitzern von Strato-Homepages wenig, von dem Berliner Provider immer neue Versprechungen über das baldige Beheben des Problems zu lesen. Bei einer privaten Homepage, beispielsweise einer Web-Visitenkarte, ist es zwar nicht weiter problematisch, wenn über Tage der Hinweis zu lesen ist "Dieser Webserver ist zur Zeit aufgrund von technischen Problemen nicht verfügbar". Den Betreibern von kleinere E-Commerce-Seiten entstehen jedoch sehr schnell direkte und indirekte Verluste. Zum einen geht an den Tagen der Nichterreichbarkeit Umsatz verloren. Schlimmer ist jedoch, dass bereits eine zeitweise Nichterreichbarkeit dazu führt, dass Angebote einfach aus der Wahrnehmung der Inernet-Nutzer gestrichen werden. Dass die Seite später wieder funktioniert, hilft nichts, wenn keine Kunden mehr kommen.

Ob Strato für die so entstandenen Schäden aufkommen muss, ist fraglich. Der Internet-Experte und Rechtsanwalt Tobias Strömer sieht in den meisten Fällen wenig Chancen für die betroffenen Anbieter. Zum einen sei es sehr schwer, Strato grobe Fahrlässigkeit nachzuweisen, erklärte er gegebenüber dem Internet-Newsdienst von Ziff-Davis. Zum anderen sei es kaum möglich, in einem Rechtsstreit zu belegen, wie hoch die direkten und indirekten Schäden ausgefallen sind. Zudem fehlten gerade den kleinen Online-Shops die finanziellen Möglichkeiten, sich auf einen Rechtsstreit mit Strato einzulassen. Was nutzt es da den gebeutelten Kunden, dass Strato nun mit seinem technischen Partner KPNQuest Maßnahmen vertraglich vereinbaren will, dass es "im Falle einer Wiederholung zu einem entsprechenden Ausgleich der entstandenen Schäden kommt".

Wahrscheinlicher ist es darum auch, dass es anstatt zu juristischen Auseinandersetzungen zu einer Abstimmung mit den Füßen kommen wird. Strato droht somit nun, dass ihnen die Kunden weglaufen - entweder zu anderen Anbietern im Billigsegment oder zu jenen Providern, denen Strato durch die Dumpingangebote einst das Wasser abgegraben hat.

Der Widerstand im Netz beginnt sich jedenfalls bereits zu formieren: Unter der Adresse http://groups.yahoo.com/group/stratogau befindet sich ein inoffizielles Strato-Kundenforum. Dort kann sich jeder Geschädigte mit Domian, Datum und Uhrzeit seiner "Downtime" eintragen. "Wir wollen ein gemeinsames Vorgehen gegen Strato organisieren und evtl. gemeinsame Umzüge zu anderen Hostern vornehmen", schreibt dort Dionys Klein, einer der Gründer des Forums.

Ob die jetzt einsetzenden Versuche von Wettbewerbern, Strato Kunden streitig zu machen, am Ende erfolgreich sein werden, wird sich zeigen. Jedenfalls trifft der Name des Forums die Sache auf den Punkt. An den Strato-GAU werden sich die Besitzer der derzeit 1,7 Millionen Web-Präsenzen, aber auch die übrigen Internet-Nutzer sicherlich noch lange erinnern.

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