Zeitung Heute : Berliner Sumpfblüten

GERD APPENZELLER

Blicke hinter einen reißerischen Buchtitel/ "Berlin Hauptstadt von Filz und Korruption" thematisiert die Auswüchse der Berliner Inseljahre.VON GERD APPENZELLEROb ein Buch ein Bestseller wird, entscheidet manchmal auch der Titel."Nieten in Nadelstreifen" zum Beispiel ging vielleicht auch deshalb mehr als 1,6 Millionen mal über den Ladentisch.Diese Auflage wird "Berlin Hauptstadt von Filz und Korruption" kaum erreichen.Aber die Aufregung, die Mathew D.Rose mit seinem Buch alleine durch die Werbung über den reißerischen Titel verursacht hat, beweist dessen Durchschlagskraft.Der Leser wird wenig Neues finden und vor allem feststellen, daß der Verfasser in jenen Zeitungen fleißig geblättert hat, die er zum Großteil für wichtige Komplizen des Berliner Filzes hält.Auch den Tagesspiegel hat er weidlich ausgeschlachtet. Unabhängig vom Buchtitel bleibt die Frage, wie es um Filz und Korruption in der Stadt wirklich steht.Die Wahrscheinlichkeit, daß die Dimension etwa dem entspricht, was an den Stammtischen vermutet wird, ist relativ groß.Die Jahre des Eingemauertseins zwischen 1961 und 1989 haben ihre Spuren hinterlassen.Wenn die große Mehrheit der Bürger von dem Gefühl beherrscht ist, gegen einen übermächtigen Gegner zusammenstehen zu müssen, haben es warnende Stimmen schwer.Für innere Erneuerung und kritische Reflexion bleibt da wenig Raum.Wenn es dann noch innerhalb der politischen Eliten wenig Bewegung gibt und die Lebenswege von der Universität bis ins Abgeordnetenhaus parallel verlaufen, sind ideale Voraussetzungen für Verfilzungen gegeben.Das gilt, natürlich unter anderen gesellschaftspolitischen Vorzeichen, auch für die Zustände in jenem Teil Berlins, der als Hauptstadt der DDR ein vergleichbares Sonderleben führte. Hinzu kommt ein Element, auf dem die vielfältigen Varianten der moralischen und materiellen Korumpierbarkeit wie auf Humus gedeihen: In den Jahren der Teilung wurden im Westteil der Stadt enorme Geldmittel relativ wenig kontrolliert verteilt.Automatisch gezahlte Bundeszuschüsse zum städtischen Etat und steuerliche Spekulationsanreize in Milliardenhöhe verlockten dazu, nicht so genau hinzuschauen.In der Goldgräberstimmung nach dem Fall der Mauer setzte sich das, gepaart mit einer gehörigen Portion Planungswahns, fort. Wer heute das spezifische Berliner Interessengeflecht durchleuchtet, auch wenn er dabei überhaupt nicht an Korruptionsverdacht denkt, wird immer noch der Nestbeschmutzerei geziehen.Die vom Tagesspiegel thematisierte Vergabe von Lottomitteln ist ein gutes Beispiel dafür.Die journalistische Nachfrage, ob es denn richtig sei, wenn im zuständigen Ausschuß nur die Parteifarben der Koalition vertreten seien, wird mit dem Hinweis auf den guten Zweck gekontert, der letztlich entscheidend sei.Aber das ist ein Irrtum, denn in der Demokratie heiligt der Zweck eben nicht die Mittel, wie integer auch immer die unterstützten Projekte sein mögen.Respekt vor der Kontrolle durch den Landesrechnungshof oder Einbeziehung auch der Opposition bei Mittelvergaben sind keine lästigen Petitessen, sondern der politischen Hygiene geschuldete Selbstverständlichkeiten.Und wenn die gleichen Politiker nichts dabei finden, daß Spielbankgelder wie aus einem Bismarckschen Reptilienfonds verteilt werden, ist das, milde beurteilt, ein Indiz für mangelndes Unrechtsbewußtsein. Filz und Schlimmeres zeigt sich vor allem bei der Stellenvergabe.Sie ist, nicht nur in Berlin, ein von den Parteien geschätztes Vehikel, um geneigtes Personal in Entscheidungspositionen zu befördern.In den kommunalen Wohnungsbaugesellschaften und den städtischen Regiebetrieben nutzte die SPD hier traditionell die Chance zur Alimentierung verdienter Genossen.Aber auch die CDU spielt auf diesem Klavier gekonnt.Zwei Beispiele: Was anderes als das richtige Parteibuch (und vielleicht die Sorge, da könne jemand plaudern) prädestiniert den mit der Aufgabe gescheiterten Geschäftsführer der Olympia GmbH zum Chef der S-Bahn, was macht einen vom Parlament gerügten Innensenator und früheren FU-Präsidenten zum potentiellen SFB-Intendanten? Was sich in Berlin ändern muß, ist die Mentalität, die hinter solchem, das Ansehen der Demokratie schädigenden Verhalten steckt.Das dauert sicher lange, aber nur durch die öffentliche Diskussion der Vorgänge, nicht durch ihr Verschweigen, wird das Tempo des Wandels beschleunigt.

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