Zeitung Heute : Berliner Tagesspiegel

HARTMUT WEWETZER

Über Mir zum MarsVON HARTMUT WEWETZERIm Weltraum ist es ein bißchen wie auf der Erde.Es geht manches schief.Der Computer gibt seinen Geist auf, jemand zieht den falscher Stecker, es ist furchtbar heiß, der Chef bekommt Herzflattern, und gelegentlich brennt oder rummst es.Dann sind Löcher in der Raumstation Mir zu flicken.Seit Monaten lehrt uns die Odyssee des elf Jahre alten Orbit-Insekts, daß das Leben und Überleben im Weltall nichts mit einem steril-besinnlichen Schweben in sphärischen Höhen zu tun hat, sondern harte Arbeit ist. Nun haben sich die Amerikaner ein wenig geziert, den tollkühnen Männern in ihrer verwohnten fliegenden Kiste weiter Gesellschaft zu leisten.Erst Stunden vor dem Start gaben sie bekannt, wieder einen Astronauten zur Mir zu entsenden.Hätte die US-Weltraumbehörde NASA tatsächlich beschlossen, keine Astronauten mehr in die Raumstation zu schicken, wäre das ein Eklat gewesen.Die Russen wären düpiert worden, und die amerikanischen Raumfahrtexperten hätten sich fragen lassen müssen, ob sie mit ihrer Unterstützung der Mir-Mission nicht zu lange aufs falsche Pferd gesetzt und dabei Hunderte von Millionen Dollar verloren hätten.Aber das zur Schau getragene Mißtrauen der NASA hat auch dazu gedient, die amerikanischen Medien und einige grantelnde Politiker zu beruhigen.Niemand auf der Welt weiß vermutlich besser als die NASA, wie man die öffentliche Meinung für sich einnimmt. Die amerikanisch-russische Koalition im All wird also fortgesetzt.Es steht einfach zu viel auf dem Spiel.Rostiger Lada meets nagelneuen Cadillac: Nachfolger der maroden Mir soll die internationale Sternenstadt "Alpha" werden, rund 130 Milliarden Mark teuer und das größte Unternehmen seit Bestehen der Raumfahrt.Alle werden sie dabei sein, die Amerikaner, die Russen, die Europäer und die Japaner.Wer solche Pläne hat, wird sich dreimal überlegen, ob er einen erfahrenen Partner von Bord gehen läßt.Die Russen mögen eine Pechsträhne im All haben.Was Raumstationen angeht, übertrifft sie niemand an Erfahrung. Wer Raumfahrt treibt, braucht eine Vision, gleichsam Treibstoff für die Seele.Die Wunschvorstellung hat einen Namen.Es ist der Mars, der durch die Träume und Planspiele der All-Strategen geistert.Dieser Tage blickte das britische Wissenschaftsmagazin "New Scientist" in die Zukunft und ließ nach sechsmonatiger Passage im Jahr 2012 eine bemannte Raumsonde auf dem Mars landen.Gleichzeitig beschreibt das Magazin die titanischen Schwierigkeiten, die bis zu einer glücklichen Landung auf dem roten Planeten zu überwinden sind.Muskel- und Knochenschwund, aggressive Weltraumstrahlung, Zusammenleben in äußerster Enge, unerwartete technische Havarien.All das auf einer Reise zu einem viele Millionen Kilometer entfernten, unwirtlichen und vermutlich unbelebten Planeten. Ob die bemannte Mars-Mission Utopie bleibt, wird sich erweisen müssen.Vernünftige andere Gründe, immense Summen in Raumstationen zu stecken, werden sich schwerlich finden lassen.Mir und Alpha sind in erster Linie die Trainingsplätze für Mars-Astronauten, auch wenn dieser Aspekt in der öffentlichen Diskussion selten hervortritt und eher vom völkerverbindenden Charakter der Raumfahrt in der Ära nach dem Kalten Krieg gesprochen wird.Auch der so oft beschworene wissenschaftliche Nutzen von Raumstationen hält sich in Grenzen, wenn man davon absieht, daß sich studieren läßt, wie der menschliche Körper auf monatelange Fast-Schwerelosigkeit reagiert.Der Traum von der Mars-Passage und dem Errichten eines ersten Außenpostens im Kosmos ist nicht verwerflich.Er kann am Ende aber teuer werden.Teurer als Mir und Alpha, aber deren logische Konsequenz.

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