Zeitung Heute : Berliner Tagesspiegel

JOST MÜLLER-NEUHOF

Übersetzungsprogramme kämpfen mit den Tücken der SpracheVON JOST MÜLLER-NEUHOF

Das hat das "Global Village" nun davon.Die Dorfsprache ist Englisch, und wessen Eloquenz unter diesem Aspekt betrüblich nachläßt, der kann von der Restgemeinde ohne Rücksicht ausgezählt werden.Ein paar Windows-Floskeln würden sich vielleicht noch zusammenkratzen lassen.Spätestens aber, wenn die E-Mails an den Geschäftspartner in Übersee nicht mehr klingen dürfen wie das Satzgestückel von Zweitklässlern, werden die Lücken schmerzhaft offenbar.Hier setzen die Deutsch-Englischen Übersetzungsprogramme an, von denen es mittlerweile verschiedenste Leistungsstufen zum Preis von bis zu 700 Mark zu kaufen gibt.Zwei CD-ROMs spielen in derselben Klasse: Der Power Translator von Globalink und der in Kooperation mit IBM und Pons herausgegebene Personal Translator plus (von Rheinbaben&Busch). Darf ich mich Ihnen vorstellen - may I imagine you? (Globalink).Die so höflich wie greulich falsche Eingangsfrage gibt einen Vorgeschmack auf das Problem solcher Programme.Ansonsten ist der Power Translator wie sein Konkurrent ohne Schwierigkeiten unter Windows 3.x und Windows 95 zu installieren und bietet eine übersichtliche Oberfläche.Beide Programme untersuchen den ganzen Satz, bevor sie ihn übersetzen.Von ihren Benutzern verlangen sie allerdings einiges an Vorbereitung.Der Text sollte in leicht verständlichem Deutsch eingegeben werden, und auf Pronomina oder umständliche Relativ-Konstruktionen verzichtet man lieber.Ebenso verschluckt sich der Rechner an stilistisch vielleicht geglückten, aber zu komplizierten Tempi-Wechseln.Hinzu kommt die Eingabe von Eigennamen und die Ergänzung von Ausdrücken oder bestimmten Redewendungen in den jeweiligen Wörterbüchern der Programme. Der Personal Translator präsentiert sich dabei etwas professioneller.Bei ihm läßt sich bespielsweise noch der fachliche Hintergrund des Textes wählen, der übersetzt werden soll (etwa Recht, Wirtschaft oder Sport), und er signalisiert dem Anwender, worüber er sich gerade den Kopf zerbricht ("Lexikonsuche"...."Satzanalyse"...."Strukturelle Analyse).Zwar nur eine Art Rechtfertigung, denn der Personal Translator könnte unduldsame Anwender durch sein zögerliches Übersetzen überfordern.Geschwindigkeit sollte aber bei diesen Programmen kein Maßstab sein, und so zahlt es sich für den Personal Translator letztlich aus, daß er sich ein wenig mehr Zeit nimmt: er verkraftet komplexe Sätze eher, trifft häufiger die in einem Satzzusammenhang richtige Wortbedeutung und kommt mit dem Satzbau besser klar.Wo beim Power Translator die "Stunden, die hinweg vor einer potentiell (unübersetzt) Steigerung der Schlacht ticken" (with the hours ticking away before a potentially horrific escalation of the battle...ein Beispiel aus der Tschetschenien-Berichterstattung des Guardian), stehen beim Personal Translator immerhin die "Stunden, die vor einer potentiell entsetzlichen Eskalation des Kampfes vergingen".Zudem verfügt er unbestritten über das umfangreichere Lexikon, auch im colloquial English; mag schließlich sein, daß Straßen-Verbarium im sprachfaulen Online-Diskurs an Bedeutung gewinnt. Nur, was hilft das alles? Mit dem Computer zu übersetzen wäre so herrlich einfach, wenn Worte, entgegen ihrem Sinn, ohne Bedeutung auskämen - die Crux der Programmierer, für die so vieles leichter wäre, würde Sprache nicht mehr sein als ein abgeschlossenes Zeichensystem zur analogen Darstellung der Realität.Wo Sprache aber eigene Wirklichkeit schafft und Verständnis mehr verlangt, als daß bloß zugehört wird, müssen alle Übersetzungsprogramme scheitern.Sie kennen keine Bedeutung.Wird ihnen mehr zugemutet als das bloße Aneinanderreihen bedeutungsarmer Satzbausteine, produzieren sie oft nicht mehr als Kauderwelsch, das sich im Falle des Personal Translators zwar gelegentlich recht sauber liest, aber bis auf gelegentliches Aufblitzen von Zusammenhängen frei davon ist, dem ursprünglichen Gehalt in irgendeiner Weise zu entsprechen.Je vielfältiger das Programm mit der Sprache umzugehen versteht, desto katastrophaler sogar entstellt es nicht selten den Sinn. "Einfach intelligent übersetzen" steht auf dem Handbuch zum Personal Translator.Intelligent stimmt leider nicht.Blättert man weiter, so werden die Töne bescheidener, auch wenn die Hersteller des "Power Translators" ihr Produkt auch bei der Einschränkung noch loben ("...so erstellt das Programm auch keine durchweg perfekten Übersetzungen..."). Wer in der Fremdsprache gar nichts versteht, versteht und schreibt sicherlich besser mit Übersetzungsprogrammen.Eine Basis liefern sie allemal.Wer aber ein Anliegen hat, das er verstanden wissen möchte, wendet sich wohl besser vertrauensvoll an den Dolmetscher.

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