Zeitung Heute : Berliner Tagesspiegel

ANETTE KOCH

Unvergeßlich
VON ANETTE KOCHPancho guckt uns tief in die Augen."Hier habt ihr jeder einen Stein aus meinem Indianerbeutel.Er soll Glück auf euren Wegen bringen." Die bunten Steine, die uns der Zeltplatznachbar aus Mexiko am Anfang der Globetrottertour überreichte, hüten wir wie Schätze.Sie haben ihren Auftrag mehr als erfüllt.Hinter uns liegen Urlaubstage von einem guten Dutzend Arbeitsjahren am Stück.In 365 Tagen um die Welt: die Traumreise gleicht einem fantastischen Film voller unvergeßlicher Szenen. Das millionenfache Leuchten der Glühwürmchen in den Höhlen Neuseelands.Die unfaßbare Weite der Wüsten Nordamerikas.Siebzig Grad Hitze in den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo Scheichs auf dem Kamelmarkt mit Handys telefonieren.Gigantisch die Walfontänen nahe Maui, beeindruckend das Schwimmen mit Seelöwen in Kiwi-Country.Als wir den Sonnenaufgang auf dem Auslegerboot eines balinesischen Tuna-Fischers erlebten, fühlten wir uns in längst vergangene Zeiten zurückversetzt.Die Inselwelt der Malediven: Das ist man mittendrin im Urlaubskatalog - und doch wird die Fremde ganz schnell vertraut.Im urwüchsigen Dschungel von Sumatra hörte ich es pochen, das Herz der Welt.Ein Bambusblatt aus dem Orang-Utan-Rehabilitationszentrum klebt seitdem im Südostasien-Tagebuch - einem von fünf dicken Wälzern voll Kino-Eintrittskarten aus Singapur, Reiskörnern aus Indonesien, Hibiskusblüten von den Malediven - und Adressen lieber Weltreisebekanntschaften. Soll niemand sagen, als Traveller hätte man nichts zu tun: Tagebuch schreiben, Reisetips austauschen, Filme abgeben, Bustickets organisieren, Geld wechseln, Post abholen, Unterkunft suchen - die Zeit vergeht wie im Fluge.Monate werden zu Wochen, Tage vergehen so rasch wie Stunden.Frage: "Wieviel Zeit habt ihr denn noch?" Antwort: "Nur noch sechs Monate." Globetrotter-Latein.Da wird der Pauschaltourist scherzhaft zum "Pauschalterrorist", der Backpacker zum "Backpenner". Weltenbummler trifft man überall.Auf Flughäfen, beim Geldwechsler, in Globetrotter-Unterkünften.Man kennt sich: der schwedische Student, den wir beim Südseeschnorcheln trafen, lief uns zwischen Pinguinen in Neuseeland über den Weg.Den Traum einer Weltreise erfüllen sich mehr Menschen, als man denkt - Deutsche zuallererst.Da gibt es Banker, die kurzerhand kündigten.Computerfachleute, die sich unbezahlten Extra-Urlaub erbaten.Manch einer hatte großzügige Chefs.Die dänische Familie mit fünfjährigem Sohn, die wir in der Südsee trafen, hatte sogar ihr Haus verkauft, um sich den Trip leisten zu können.Sie alle machten wie wir die Erfahrung, daß Land und Leute oft anders sind, als man denkt. Der amerikanische Philosoph Samuel Johnson drückt das in einem Reisebüchlein so aus: "Der Sinn des Reisen besteht darin, eigene Vorstellungen durch die Realität zurechtzurücken.Anstatt sich vorzustellen, wie etwas seien könnte, sieht man, wie es ist." Recht hat er.Von wegen hawaiianische Hula-Träume! Statt Palmen wachsen Nadelbäume am Strand.Auch Südsee-Fantasien gibt es zumeist nur in Prospekten: Armut und Arbeitslosigkeit trüben die Idylle.Auch in Südostasien wissen die Menschen, daß jeder noch so abgerissene Rucksacktourist reicher ist, als sie es je sein werden.Wir fühlten uns mitunter wie moderne Kolonialisten: Die ersten Eroberer kamen mit Schwert und Kreuz - wir mit der Kreditkarte.Uneigennützige Gastfreundschaft erlebte ich in Südostasien selten.Mitmenschlichkeit bekamen wir eher in Amerika zu spüren. Da waren die vielen Autofahrer, die uns in Los Angeles auf dem Highway mitnehmen wollten, nachdem unser Wagen stehengelieben war und wir schnurstracks Richtung Southeast-LA marschierten.Was wir nicht wußten: In dem Ghetto-Viertel waren gerade Urlauber erschossen worden.Bei dem Polizisten stiegen wir schließlich ein: "In dieser gefährlichen Gegend solltet ihr Touristen euch nicht herumtreiben." Die Cops trugen noch in der Wache kugelsichere Westen.Thanks again, folks.So ging es auf dem Motorrad weiter zur Indianersiedlung Taos Pueblo und zum Cowboy-Tanz im Old Museums Club an der Route 66.Herrlich die amerikanischen Karaoke-Bars, spannend die Fernsehnächte mit Monday-Night-Football auf Maui.Klinsmann und Kollegen sahen wir auf Sumatra via Satellit in der Glotze.In Thailand wuchs dann bei Kassler mit Sauerkraut in Eugens "Kata-Barbeque" die Vorfreude auf Good old Germany.Zum Schluß randvoll mit Erlebnissen und Eindrücken.Sehnsucht nach Freunden und Familie, der eigenen Wohnung, endlich wieder neuen Klamotten.Die Geschichten wieder am Computer schreiben und nicht mehr per Kuli in den Block auf den Knien. Als wir in die kleine Hauptstadt dieses winzigen Landes in dem Europa genannten Fleck auf der nördlichen Halbkugel zurückkehren, ist uns, als wäre die Zeit dort stehengeblieben.Auffällig nur die neuen Baustellen, Autotypen, Straßenbahnlinien.Erst bin ich Fremde in der eigenen Heimat, dann schneller wieder zu Hause, als gedacht.Ich vermisse das Gefühl, ständig im Aufbruch zu sein, etwas neues vor sich zu haben.Vielleicht weist Panchos Stein ja noch den Weg zu Reisen in weitere Welten.

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