Zeitung Heute : Berliner Tagesspiegel

DIETLIND CASTOR

Kleine Antillen: Wandern, Tauchen und viel Geschichte auf dem Archipel Guadeloupe VON DIETLIND CASTORAuf dem Archipel Guadeloupe bestimmen noch immer Zuckerrohr- und Bananenplantagen das Bild.Doch auch mit dem Faktor Fischfang reicht das als wirtschaftliche Basis nicht aus.Tourismus muß her. "Viens, ma cherie!", rufen die schwarzen Gewürzverkäuferinnen in Point-a-Pitre.Hier wie auch an anderen Orten auf dem Archipel Guadeloupe wird regelmäßig Markt abgehalten.Neben Curry, Nelken, Muskat, Safran, Zimt, Vanille- und Kakaostangen preisen die Marktfrauen mit einem Augenzwinkern in Richtung "monsieur" potenzstärkende Mittelchen an.Und manche der zum Teil gewichtigen Damen trägt einen originellen Kopfputz.Die Zahl der Zipfel ihrer kunstvoll geknoteten Tücher aus Madras hatten zumindest früher eine bestimmte Bedeutung.Ein Zipfel bedeutete: ­ mein Herz ist noch frei, zwei - schon vergeben, drei - glücklich verheiratet und vier - verheiratet, aber mein Herz ist groß! Das bunte Treiben am Marche Saint-Antoine animiert zum Fotografieren.Die augenzwinkernden Marktfrauen werden aber ausgesprochen unangenehm, wenn man das ungefragt tut.Da heißt es erst einmal, einige von den preiswerten, oft originell bedruckten T-Shirts kaufen. Der Archipel Guadeloupe befindet sich auf dem Scheitel der Bogenlinie der Kleinen Antillen zwischen dem Karibischen Meer und dem Atlantik.Der Hauptteil ist eine Doppelinsel, deren Gestalt an die ausgebreiteten Flügel eines Schmetterlings erinnern.Basse-Terre im Westen mit seiner gleichnamigen Hauptstadt erstreckt sich über 848 Quadratkilometer und hat mit dem Vulkan La Soufriere auch die höchste Erhebung (1467 m).Der Steigungsregen bewirkt hier einen dichten tropischen Pflanzenwuchs mit seltenen Bäumen, Sträuchern und Farmen.Bis zu 80 verschiedene Grüntöne soll es in dem Bereich geben.Das 400 Kilometer lange Wanderwegenetz überrascht mit Wasserfällen, warmen Quellen und Kratern. Grande-Terre im Osten bildet mit seinen 588 Quadratkilometern flacherem Kalkgestein ein Dreieck, dessen Nordküste vom Atlantik wild zerklüftet wurde und dadurch an die Bretagne erinnert.Auf dieser Insel befindet sich auch Point-a-Pitre, Mittelpunkt der Wirtschaft und des Tourismus. Fünf weitere kleine Inseln gehören noch zum Departement dazu; sie sind für Touristen per Schiff oder mit kleinen Flugzeugen erreichbar.Die Landschaften sind so vielversprechend wie die Namen, die ihnen Christoph Kolumbus gab: Marie-Galante, Les Saintes, L Desirade und Petite Terre.Weiter nördlich liegen die Inseln Saint-Martin, die zwischen Frankreich und Holland aufgeteilt ist, und Saint-Barthelemy. Die Bevölkerung ist bunt gemischt.Ursprünglich lebten hier die Arawaks; sie kamen aus dem Orenok-Bassin in Venezuela.Die aus Südamerika eingewanderten Karibischen Indianer setzten sich rücksichtslos gegen sie durch, wurden aber wiederum von den Einwandern aus Europa verdrängt, sogar großenteils ausgemerzt.Arbeitskräfte besorgten sich die aus Afrika und Asien.Alle Hautschattierungen sind aus diesem Schmelztigel der Rassen hervorgegangen.Die Geburtenrate auf Guadeloupe ist hoch.Man vermutet, daß sich die Zahl von 400.000 Einwohnern bis zum Jahr 2000 um weitere 100.000 erhöht. Zuckerrohr und Bananenplantagen bestimmen auch heute noch das Bild der Inseln.Der Anbau dieser Monokulturen ist genau so wenig rentabel wie der Fischfang.So setzt man immer mehr auf den Tourismus.Große Hotels wurden an die Küsten gesetzt, vor allem auf Grande-Terre.Basse-Terre zeichnet sich durch viele geschützte Naturparks aus. Eine Wanderung auf den Vulkan La Soufriere ist ein schweißtreibendes Abenteuer, zu der gutes Schuhwerk und eine warme, regendichte Jacke zu empfehlen sind, auch wenn man sich unterwegs öfters fragt, warum man nicht nur in Badehose losgezogen ist.Der "Damenweg" (Chemin des Dames) führt zuerst über die getrockneten Schlammschichten der letzten Eruption.Die dadurch zerstörte Vegetation wie Flechten, Farne und Bergananas erscheint weiter oben in großen Spalten in faszinierend unterschiedlichen Grüntönen.Zwischendurch eröffnet sich ein traumhaft schöner Blick auf der Inselgruppe Les Saintes.Oben auf dem 1465 Meter hohen Gipfel erwartet uns eine richtige Mondlandschaft aus Kratern und bizarren Felsnadeln.Es bläst ein kalter Wind.Nebel kommt auf.Damit die Wanderer nicht in Felsspalten auf Nimmerwiedersehen verschwinden oder gar in den unheimlich brodelnden und nach Schwefel stinkenden Südkrater fallen, (was in früheren Zeiten schon vorgekommen ist), sind kleine Signallampen wie Katzenaugen auf dem Weg.Sie erweisen sich als sehr nützlich, als ein fürchterlicher Regenguß uns jede Sicht nimmt. Ein unvergeßliches Erlebnis ist für jeden Urlauber das Schnorcheln und Tauchen, denn in dem klaren warmen Wasser vor den Küsten gibt es prächtige Korallenriffe mit in allen Farben schillernden Fischen.Guadeloupe macht dem alten Namen alle Ehre; sie hieß einst Karukera, die Insel der schönen Gewässer, bevor Kolumbus sie in Santa Maria de Guadalupe de Extremadura umtaufte.An der Plage Malendure entstand ein Tauchzentrum, von wo Glasbodenboote zu den Korallenbänken der Ilets de Pigeon hinausfahren.Hier ist ein 301 Hektar großes Unterwasserreservat, eines der schönsten der Welt; nach dem berühmten Meeresforscher "Jacques Cousteau" wurde es benannt.Eine Zauberwelt von Türmen, Schluchten und Grotten mit filigranen Gebilden eröffnet sich unter Wasser.Dazwischen huschen Korallen-, Papageien- und Schmetterlingsfische.Es gibt auch lokale Tauchclubs.Bei Souvenirläden oder Zimmervermietern kann man nach Tauch- oder Ausflugsmöglichkeiten mit Fischerbooten fragen. Mit einem Ausflug zur Atlantikküste von Basse-Terre läßt sich ein Besuch der Destillerie Bellevue (Damoisseau) im Landesinnern verbinden.Hier sind noch die knatternden, dampfenden Maschinen der Jahrhundertwende in Betrieb.Von Zevalos, einer der allerersten dampfbetriebenen Zuckerzentralen der Insel, die 1845 erbaut wurde, sind nur Ruinen geblieben und ein Backsteinschlot.Das Herrenhaus ist eines der wenigen gut erhaltenen Prunkstücke der Kolonialarchitektur.Die meisten der schönen alten Häuser wurden 1989 durch den schlimmen Hurrikan aller Zeiten zerstört, durch "Hugo".Am Strand wiegen sich bereits neue Kokospalmen im Wind. Es wäre schade, auf Guadeloupe nur das Strandleben zu genießen.Wenn auch bei Autofahrten das tropische Klima ein wenig anstrengt, so gibt es dabei so viele Genüsse © 1996 Verlag DER TAGESSPIEGEL

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