Zeitung Heute : Berliner Tagesspiegel

ANDREA HENTSCHEL

Thüringer Wald: Urlauber verlangen deutlich mehr Qualität VON ANDREA HENTSCHELIm Thüringer Wald ist die Wintersportsaison voll in Schwung: Halten Flockenwirbel und Minusgrade weiter an, können sich Hotels und Pensionen über einen heftigen Ansturm von Kurzurlaubern freuen.Denn Skifans finden im "Grünen Herz Deutschlands" mit seinen 33 Lifts und 1000 Kilometern Loipen gute Bedingungen vor.An ganzjährigen Freizeitmöglichkeiten im einstmals zweitgrößten DDR-Urlaubsgebiet mangelt es aber vielerorts nach wie vor.Zwar wurde seit der Wende viel um- und neugebaut und die meisten Hotels saniert.Bei der Infrastruktur oder den Freizeitangeboten müssen Urlauber aber noch Abstriche machen.Noch sucht die Tourismusbranche in Thüringen zudem nach einem Profil, das auch Gäste aus dem Westen überzeugt. "Mit dem Schnuppertourismus der Westdeutschen ist es endgültig vorbei", meint Kerstin Dietrich vom Landesfremdenverkehrsverband.Sieben Jahre nach der Wende sei mehr Qualität und Leistung gefragt.Ein Knackpunkt sind die Freizeitmöglichkeiten: Zwar hat die Region mit neuen Spaßbädern und Thermen im Vergleich zu den Vorjahren mehr zu bieten.An Alternativen wie Tennis- und Golfplätzen oder Sporthallen mangelt es aber. Dennoch kamen 1995 rund 1,3 Millionen Gäste in den Thüringer Wald; die Zahl der Übernachtungen stieg damit auf 4,4 Millionen, allein im ersten Halbjahr 1996 verzeichneten die Hotels und Pensionen der Region 2,6 Millionen Übernachtungen.Der durchschnittliche Aufenthalt lag allerdings nur bei 3,4 Tagen."Wir müssen uns damit abfinden, eine Region für den Zweiturlaub zu sein", räumt Gabriele Lippmann vom Fremdenverkehrsverband Thüringer Wald ein.Gerade in der Wintersaison ist der Thüringer Wald aus wichtigen Ballungsgebieten einfacher für ein Ski-Wochenende zu erreichen als Wintersportgebiete in den Alpen. In punkto Hotelstandard gebe es mittlerweile kaum noch Grund zur Klage, meint Günter Wadewitz vom Südthüringer Hotel- und Gaststättenverband: Rund 90 Prozent aller Hotels, Pensionen und Gaststätten wurden demnach umgebaut, das Niveau der Unterkünfte liege nun oftmals über dem der alten Länder.Freilich läßt sich nicht immer aus einem ehemaligen Ferienheim ohne weiteres ein Luxushotel machen.Bei ein "schwarzen Schafen" der Branche herrscht immer noch Vor-Wende-Flair.Das Hotel "Schützenberg" in Oberhof, einst Urlaubszentrum der DDR-Einheitsgewerkschaft FDGB ist für Wadewitz ein Beispiel, wo sich trotz Übernahme durch eine internationale Hotelkette am Standard des 316-Betten-Hauses bislang nichts geändert hat: "Da bekommt sicher so mancher nichtsahnende Gast einen Schock und fährt vielleicht nicht so schnell wieder in den Osten." Qualitätsmängel sind oft auch ein Handicap bei der Vermietung von Privatzimmern."Mancher Pensionsbesitzer lädt immer noch in DDR-typischer Manier überflüssige Möbel im Urlauberzimmer ab", erzählt der Verbandschef. In jüngster Zeit zieht es vor allem wieder mehr Touristen aus den neuen Ländern in den Thüringer Wald."Der Boom in ferne Urlaubsgebiete ist etwas verebbt, jetzt schauen die Ostdeutschen, was aus ihren alten Betriebserholungsheimen geworden ist", freut sich Gabriele Lippmann.Sie hofft allerdings, daß sich die Reize des Thüringer Waldes weiter herumsprechen.

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