Zeitung Heute : Berliner Veranstalter: Von Tür zu Tür

Wilhelm Hüls

Wer eine Gerber-Reise gebucht hat, braucht weder zum ZOB zu pilgern noch muss er sich ins Getümmel im Bahnhof Zoo stürzen. Lutz Gerber persönlich oder einer seiner Reisefahrer - Chauffeur und Reiseleiter in einem - holen die Kunden zu Hause ab. Es liegt auf der Hand, dass die Damen und Herren, die ein solches Reisepaket buchen, nicht mehr die Jüngsten sind: von 50 Jahren an aufwärts. Mit diesem Abholservice und der anschließenden Fahrt in Hotels innerhalb Deutschlands fing Lutz Gerber 1986 an. Damals war er in Berlin auf dieser Spezialstrecke der einzige Anbieter. Heute, so meint er, habe er zehn Mitbewerber.

In den ersten drei Jahren lief das Geschäft sehr gut. Doch völlig unerwartet kam 1990 eine Flaute. Die Kundschaft aus den westlichen Stadtbezirken blieb damals lieber zu Hause, statt auf überlasteten Autobahnen stundenlang unterwegs zu sein oder gar im Stau zu stehen. Und die reiselustige ältere Generation aus dem Osten hatte damals den Neuköllner Veranstalter noch nicht für sich entdeckt, sondern zog zunächst Billig-Bustouren und "Kaffeefahrten" vor.

Weg vom großen Strom hin zur Individualität. Das wird zum Beispiel an den Tagestouren deutlich, die Gerber alljährlich im Dezember nach Dresden im Programm hat. Da werden die Leute nicht einfach bis zum Striezelmarkt chauffiert und dort abends wieder abgeholt, sondern sie erkunden zunächst das Prominentenviertel Weißer Hirsch, danach geht es zum Mittagessen nach Pillnitz und von dort auf eine Spritztour ins Elbsandsteingebirge. Der vorweihnachtliche Budenzauber auf dem Altmarkt ist stets der letzte Programmpunkt vor der Heimreise.

Im Vergleich zu den Flug-Pauschalreiseanbietern hat Gerber prozentual einen höheren Anteil an Stammgästen. Etwa 3500 Berlinerinnen und Berliner zählen zur so genannten großen Familie, die automatisch mit Katalogen und anderen Informationen versorgt wird. 80 Prozent davon sind Singles. Deshalb achtet Lutz Gerber bei der Hotelauswahl zum Beispiel darauf, dass er genügend Einzelzimmer bekommen kann. Dank der Mundpropaganda kommen immer wieder neue Gäste dazu. So schließen sich jene Lücken, die zwangsläufig durch den Tod von Stammkunden entstehen. Aber Alter und Krankheit sind für die meisten Gäste unterwegs kein Thema. Was zählt, sind neben Land und Leuten, die bequeme Fahrt in ein schönes Hotel, eine gute Küche, die Geselligkeit vor Ort und viel Spaß. Überwiegend werden Hotels in der Drei- und Vier-Sterne-Kategorie gebucht.

Als Lutz Gerber mit seinem Unternehmen begann, betrug die durchschnittliche Verweildauer seiner Gäste in einem Urlaubsort 12,4 Tage. Inzwischen ist das Mittel auf 7,2 Tage gesunken. Hingegen hat sich die Zahl der Tagesfahrt-Gäste seit 1995 verdreifacht.

"Die ältere Generation verreist heute nicht mehr so lange wie noch vor 15 Jahren, dafür aber öfter", sagt der Geschäftsführer. Die Treue seiner mitunter äußerst mobilen Kundschaft hat allerdings zur Folge, dass Lutz Gerber alljährlich mindestens vier bis fünf Neuheiten im Programm bieten muss. Im April geht es zum Beispiel per Bus "auf den Spuren von Agatha Christie" nach Torquay in Südengland und im November startet eine zweiwöchige Flugreise nach Acapulco. Der neue Reisekatalog 2001 kann vom 22. Januar an bestellt werden.

Dass Kreuzfahrten und Flugreisen seit Mitte der neunziger Jahre im Programm zu finden sind, geht auf Kundenwünsche zurück. Zahlungskräftige Senioren wollten mit Lutz Gerber nicht immer nur per VW-Bus unterwegs sein, sondern auch mal mit einem so genannten Traumschiff die Weiten des Ozeans erleben oder eine Flugreise unternehmen.

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