Berlinerin am Bosporus : Von Kreuzberg nach Istanbul

Für die Linke war sie Bürgermeisterin – dort, wo Berlin am türkischsten ist. Dann zog Cornelia Reinauer in die Türkei. Wie sie ihre neue Heimat erlebt.

von und Fotos: Andrea Künzig
Das Viertel Fatih bei Nacht
Das Viertel Fatih bei NachtFoto: Andrea Künzig

Die Vögel leuchten. Jedenfalls sieht es so aus in dem gelben Licht, das den Galata-Turm anstrahlt. Möwen kreisen um seine Spitze. Auf der zweigeschossigen Galata-Brücke überquert Cornelia Reinauer das Goldene Horn, eine Seitenbucht des Bosporus, es ist nicht mehr weit bis zu ihrem Zuhause im Viertel Beyoglu. Obwohl es weit nach Mitternacht ist, stehen auf der Brücke noch Angler, ein älterer Mann verkauft Köder und Haken. Am Ende der Brücke biegt Reinauer in eine schmale, unbeleuchtete Gasse, die bergauf führt, sie kennt den Weg genau. Seit Mitte 2007 lebt die ehemalige Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg in Istanbul.

Cornelia Reinauer ist 58 und wirkt mit ihrer modischen Tunika und den großen Ohrringen mal wie ein junges Mädchen, mal wie eine freundliche ältere Lehrerin. In Wirklichkeit hat sie Bibliothekarin gelernt und in diesem Beruf auch gearbeitet, bevor sie Bürgermeisterin jenes Berliner Bezirks wurde, in dem fast 30 000 Menschen türkischer Herkunft leben.

In Istanbul war Reinauer 1981 zum ersten Mal, für drei Monate – um Türkisch zu lernen. „80 Prozent der Kinder bei uns in der Bücherei stammten aus der Türkei, mit denen wollte ich mich besser verständigen.“ Außerdem wollte sie in Istanbul Bücher kaufen, um in Kreuzberg eine türkische Bibliothek aufzubauen. Damals, sagt sie, habe sie einen Entschluss gefasst: „Eines Tages, wenn ich Zeit habe, will ich einmal länger hier leben, in dieser Stadt, die wie ein sich selbst verwaltendes Chaos funktioniert.“

Die Gelegenheit zum Umzug kam 2006, nach den Berlin-Wahlen. Die Linken-Politikerin verlor ihren Bezirk an den Grünen Franz Schultz. So zog sie, die ursprünglich aus einem Dorf in Schwaben stammt, in Berlins Partnerstadt an der Grenze zwischen Europa und Asien. Hier lebt sie nun von der Pension, die sie als vorzeitig verrentete Landesbeamtin bezieht, als eine von Istanbuls 13 Millionen Einwohnern, darunter Einwanderer aus der ganzen Welt. „Ich wollte etwas Neues beginnen und selbst einmal so eine Art Migrationserfahrung machen, meinen interkulturellen Horizont erweitern und das Land richtig kennenlernen, aus dem meine kurdischen und türkischen Freunde stammen.“

Zufrieden in Beyoglu. Cornelia Reinauer
Zufrieden in Beyoglu. Cornelia ReinauerFoto: Daniela Martens

Gemeinsam mit zweien von ihnen, einer Schauspielerin und einem Filmproduzenten, die in Deutschland keine Arbeit fanden, kam sie nach Istanbul, teilte sich mit ihnen die ersten zwei Jahre eine Wohnung. Die beiden Freunde zogen später um, es kamen neue Mitbewohner, oft ebenfalls türkischstämmige Schauspieler aus Deutschland. Im Moment übernachtet eine Sozialpädagogin bei Reinauer, die Frau betreut Kreuzberger Jugendliche, die in Istanbul ein Praktikum machen. 2008 hat Reinauer den Verein „Forum Berlin Istanbul“ mitgegründet, der sich um Austauschprojekte im Bereich Kunst, Kultur und gesellschaftliches Engagement kümmert

Es hat sich herumgesprochen in Berlin, dass es in Istanbul eine Ansprechpartnerin gibt. An diesem Abend, auf dem Weg Richtung Galata-Turm, führt Reinauer alte Bekannte und Kollegen aus Kreuzberger Behörden zurück in ihr Hotel. Einige von ihnen kennen sie so gut aus ihrer Zeit als Bürgermeisterin, dass sie sie freundschaftlich Conny nennen. Sie sind auf Dienstreise in Istanbul. Und natürlich ist Reinauer dabei, wenn sie in einem Restaurant auf der anderen Seite des Goldenen Horns, im Stadtteil Fatih, Fleisch von zwei Meter langen Spießen essen.

Fatih ist der Stadtteil, in dem besonders viele religiöse Istanbuler leben. Im Restaurant sitzen an mehreren Nachbartischen Frauen im schwarzen Nikab, der nur ihre Augen frei lässt. Ihr Essen schieben sie unter den kurzen Schleier, der ihren Mund verdeckt. Für Cornelia Reinauer nichts Ungewöhnliches. „Man kann dieses Land nicht nach europäischen Maßstäben bewerten“, sagt sie, „in Berlin könnte man von Istanbul lernen, etwas gelassener mit dem Thema Kopftuch umzugehen.“ Die Frauen im Nikab seien auch in Istanbul in der Minderheit, oft seien es Touristinnen aus arabischen Ländern.

Auf ihrem Weg ist die kleine Gruppe jetzt wieder in einem helleren Viertel angekommen, in dem es belebter ist und besser riecht. Gleich ist Reinauer zu Hause. Sie wohnt nicht in Kreuzbergs Partnerbezirk Kadiköy auf der asiatischen Seite des Bosporus. „Ich wollte lieber im Zentrum leben.“ Deshalb suchte sie sich eine Wohnung in Beyoglu, das mit Berlin-Mitte verbandelt ist und im europäischen Teil der Stadt liegt. Kreuzberg und Beyoglu ähneln sich etwas, findet Reinauer. In beiden Vierteln gebe es „eine multikulturelle Gesellschaft, viele Künstler und Menschen mit alternativen Lebensvorstellungen, Migranten aus verschiedenen Ländern und Menschen, die vom Land in die Großstadt gezogen sind.“ Ähnlich wie in Kreuzberg spricht man auch hier viel über Gentrifizierung: „Der Prozess verläuft in Istanbul viel schneller und brutaler als in Berlin.“

Vor allem Zuwanderer in den illegal gebauten Siedlungen, den sogenannten Gecekondular, verlieren oft ihre Wohnungen durch einen Abriss, obwohl die meisten der Siedlungen inzwischen legalisiert wurden. „Meist werden Enteignungen mit Erdbebengefahr begründet“, sagt Reinauer. Istanbul sei eben nicht nur eine „tolle, sondern auch eine sehr harte Stadt“. Besonders brutal sei das Vorgehen gegen Sinti und Roma. Reinauer nimmt an Demonstrationen gegen Abrisse teil, und sie unterstützt ein Projekt von Architekturstudenten und Stadtplanern, die alternative, behutsame Sanierungsformen und Bürgerbeteiligung einführen wollen.

Reinauer ist es wichtig, sich „aktiv zu beteiligen am gesellschaftlichen Leben in meinem Umfeld“. Ist sie also gut integriert? „Eigentlich mag ich den Begriff Integration nicht. Ich würde sagen, ich bin eine akzeptierte Bewohnerin meines Kiezes. Die Nachbarschaft kennt mich gut, ich habe mich zurechtgefunden, und ich lebe nicht in einem Getto.“ Die deutsche Community der Stadt meidet sie eher.

Ihr Kiez in Beyoglu besteht aus schmalen, an den Hang geschmiegten Straßen. Blütenzweige wachsen zwischen den niedrigen Altbauten, es gibt viele kleine Läden, Katzen sonnen sich auf Motorhauben und in Hauseingängen. Die Atmosphäre ist entspannt – anders als auf der nur ein paar Schritte entfernten Haupteinkaufsstraße Istiklal, durch die sich täglich 1,5 Millionen Menschen wälzen.

Wenn Cornelia Reinauer die Besitzerin eines kleinen Designerladens gegenüber ihrer Wohnung trifft, begrüßt sie sie mit Wangenküsschen und unterhält sich fließend auf Türkisch. Hier in Beyoglu scheint die Welt in Ordnung. Auch Cornelia Reinauers Wohnung im vierten Stock fühlt sich an wie ein Idyll – obwohl der Balkon mit Blick auf den Bosporus einsturzgefährdet ist. Durch die offenen Balkontüren dringt der Lärm der Stadt herein: Rufe, Motorengeräusch, Kirchenglocken.

Der Comic „Persepolis“ über die Kindheit und Jugend einer Iranerin steht im Bücherregal, am Kühlschrank klebt ein Magnet gegen Stuttgart 21. Auch in Istanbul interessiert sich Reinauer für das, was in Deutschland vorgeht. Im September war sie zur Wahl in Berlin, wo sie noch ihre Wohnung am Chamisso-Platz hat. Irgendwann will sie dorthin zurückkehren, denn sie vermisst in Istanbul manchmal „das Grüne, die Beschaulichkeit, das Fahrradfahren“. Und trotz aller Liebe zu Istanbul sagt sie: „Berlin ist meine wirkliche Heimatstadt.“

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