Zeitung Heute : Berlinerin macht sich für Seniorennetz stark

HELMUT MERSCHMANN

Die 73jährige Ruth Schliter will das Internet als Kontaktbörse für ältere Menschen nutzenVON HELMUT MERSCHMANN Beim Wandern auf Mallorca traf Ruth Schliter zwei deutsche Jugendliche, mit denen sie sich über Computer unterhielt.Die beiden berichteten ihr begeistert von einer Fernsehsendung, in der eine "achtzigjährige Oma" vorgestellt wurde, die im Internet so selbstverständlich surft wie andere vor der nahegelegenen Küste.Lachend klärte Ruth Schliter die beiden auf.Die Oma sei erst dreiundsiebzig, das wisse sie genau, denn schließlich sei sie mit der Person identisch. Seit Februar 1996, mit dem Kauf eines entsprechenden Computers, ist die Berliner Seniorin online.Als diplomierte Physikerin war sie in der DDR am Institut für Reglungstechnik zwanzig Jahre lang angestellt und hatte schon in den sechziger Jahren mit der Digitaltechnik Kontakt und Vorträge darüber gehalten.Für die damals noch üblichen Analogrechner hat sie selbst Programme geschrieben.Scheu vor der Technik habe sie dementsprechend keine, wie Ruth Schliter erklärt, "schließlich wußte ich auch, wie die ganzen Innereien, Impulse, Bits und Bytes funktionieren". Zurückhaltend ist sie genausowenig, wenn es darum geht, ihr Projekt voranzutreiben und Unterstützung zu suchen.Seit einem Jahr verfolgt sie die Idee, im Internet eine Senioren-Homepage aufzubauen, mit Chatraum und allem drum und dran.Sie will nicht einsehen, warum das neue Medium nicht auch älteren Menschen dienen kann.Einwände, daß womöglich ein Desinteresse oder zu große technische Befangenheit bei Senioren bestünden, läßt sie nicht gelten.Immerhin hält sie selbst gern ein Plauderstündchen in den Chaträumen bei CompuServe, wobei es sie allerdings stört, daß ihr Alter jedesmal erklärungsbedürftig wird.Manchmal vertippt sie sich, verdreht die Zahlen, schwindelt eben ein bißchen.Das sei besser als von vorneherein den wahren Jahrgang preiszugeben, zumal ihr der oft gar nicht geglaubt wird.Auch kann es wohl nicht immer gerade aufregend sein, mit den Jungen und Jüngsten über deren Themen zu palavern. Ein Seniorennetz schwebt Ruth Schliter deshalb vor, "für ältere, erfahrene Menschen ab fünfzig aufwärts", um sich auszutauschen "über Gesundheit, Kochrezepte, Garten, über alles Mögliche".Besonders an den Chat-Möglichkeiten und dem direkten Austausch von Mensch zu Mensch ist ihr gelegen.Zwar gibt es im Internet bereits Homepages für Senioren, wie das Seniorweb.de oder den Verein SeniorNet, doch lassen sich dort wie in den Newsgroups nur Nachrichten auf schwarzen Brettern hinterlegen, nicht aber direkt und in Echtzeit kommunizieren.Ein Manko, dem Abhilfe gebührt.Ruth Schliters Vision zieht allerdings noch größere Bahnen.Sie möchte auch Altersheime, Seniorentagesstätten und Krankenhäuser mit der Technik und einem Internet-Zugang ausstatten lassen und Computerkurse speziell für ältere Leute anbieten.Für diese Ideen, in den USA längst Wirklichkeit, kämpft sie unermüdlich und hat, bisher nicht so recht erfolgreich, an die verschiedensten Türen angeklopft. Zuerst erteilte ihr der Online-Dienst CompuServe eine Absage mit der lapidaren Begründung, ein Senioren-Chatraum sei nicht in Planung.Bei AOL existiert zwar bereits das SeniorNet Online, doch eben auf Englisch und nur für Mitglieder.Als Ruth Schliter dann im Juli beim Bundesforschungsministerium anfragte und ihre Idee per E-Mail unterbreitete, erhielt sie die Aufforderung, das ganze nochmal als formellen Brief zu verfassen.Überhaupt sei es besser, so riet man ihr, einem Verein beizutreten oder zu gründen und nicht als Privatperson aufzutreten.Schließlich versuchte sie noch telefonisch beim Berliner Senat vorstellig zu werden, wo man sie partout zu den Sozialressorts verweisen wollte.Nach einigem Hin und Herr gelangte sie schließlich an Horst Ulrich, dem Leiter des Referates Stadtinformationssystem und Online-Dienste im Presse- und Informationsamt des Landes Berlin.Seitdem zeichnet sich am digitalen Firmament ein kleiner Hoffnungsschimmer für Ruth Schliter ab. Das Stadtinformationssystem Berlin, besser bekannt unter der Web-Adresse berlin.de, ist ein vom Senat anschubfinanziertes Projekt, das die Hauptstadt im Internet repräsentieren soll.Angestrebt wird nun eine sogenannte Public-Private-Partnership mit einem privaten Betreiber.Das Projekt steht demgemäß unter dem zeittypischen Stern der Wirtschaftlichkeit und muß sich selbst einspielen.Dennoch ist Raum für soziale Einrichtungen vorgesehen und das von Frau Schliter verfolgte Seniorennetz wäre dort durchaus denkbar und gut untergebracht.Horst Ulrich kann den Senioren zumindest "günstige Bedingungen" versprechen, allerdings auch nicht zusichern. Ob im nächsten Frühjahr, so ist es angedacht, tatsächlich der langersehnte Chat-raum für Senioren Wirklichkeit wird, steht noch in den Sternen.Aber was spricht eigentlich dagegen, die Vorschläge einer engagierten "Privatperson" ernst zu nehmen und sich auf diesem Gebiet zu profilieren.Schon ist eine Doktorarbeit über "Senioren im Internet" an der Uni Kassel in Arbeit, und es wäre doch ausgesprochen denkwürdig, wenn sie noch vor den zu schaffenden Tatsachen fertig würde.

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