Zeitung Heute : Berlinern

Wie eine Neu-Berlinerin die Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

Wie dumm ich war, ging mir erst auf, als ich das „Berliner Wörterbuch“ auf dem Tisch eines Kollegen, eines zugereisten, sah. Na sowas. Ich hatte immer gedacht, mit ein bisschen „icke“ und „ooch“ sei die verbale Integration vollendet. Weit gefehlt. Ich lieh mir das Buch und lernte und schrieb meinen erster Aufsatz auf Berlinisch:

Ick quimte (kränkelte), deshalb wollte ich früh zum Lakenball (ins Bett). Ick ging mit der Läuseharke (Kamm) durch meine Sardellen (dünne Haare) und dachte, dass ick bestimmt bald eine Amüsiertablette (Glatze) bekommen würde. Dann nahm ick einen Leitungsheimer (Glas Wasser), goss noch etwas Peter Lehmann (Petroleum) in die Öllampe, stellte meine Rennsemmeln (Hausschuhe) neben die Pforzmolle (Bett), packte das Sardellenetui (BH) in den Schrank, die Kompottgläser (dicke Brillengläser) auf den Nachttisch und legte mir hin. Da lag ick dann pimpelnd (frierend) und meine Scheißständer (Beine) taten weh. Bestimmt wegen gestern. Da war ick beim genormt latschen (tanzen) in der Nahkampfdiele (Kneipe). Es war Putenrennen (Damenwahl) und ick hatte mir einen Dollarbrägen (Draufgänger) ausgesucht. Ick im Bratenrock (Festkleid), er im Bratenstipper (Frack). Wir trankten ordentlich Dividendenjauche (helles Bier), davon musste ick durch die Schnauze pupen (aufstoßen) und dann war die Banane ooch geschält (das Ding gelaufen).

Im Filzlatschenkino (Fernseher) knödelten sie dulli dulli (besonders gut Fußball spielen), ick dachte an morgen und wurde wuchswild (Vorstufe von wuchsteufelswild). Sollte ick doch zum Parteitagssprudel (Brunnen auf dem Strausberger Platz). Da würd’ ick mir ein Gummi (Taxi) rufen müssen. Aber ick bin doch nicht Scheich Ahmed (reicher Mann). Da wollten die Stubenpisser (Beamten) für ihre Runzelzulage (Gehaltserhöhung) streiten. Und wer denkt an meine Kohlenkarte (Gehaltsabrechnung)?

Ick bekam Knast (Hunger). Hatte nur ne Plempe (dünne Suppe) im Magen, ick Ochsenpantoffel (Schimpfwort). Ein Senfschnuller (Bockwurst) mit Beamtenpisse (Senf), das wäre jetzt was! Ick startete meine Muckepicke (Motorrad) und kachelte mir Schafsscheiße mit Speckkrabben ein (aß viel und hastig unschmackhaftes Essen).

Hier endete mein Aufsatz. Ich legte ihn einer eingeborenen Berlinerin vor, in der Hoffnung, sie würde „opodéldok!“ machen (einen Ausruf des Erstaunens, abgeleitet von dem gleichnamigen Hausmittel zur Behandlung rheumatischer Beschwerden). Stattdessen macht sie „iecks!“ (Ausruf des Abscheus): „Du Außerhalbsche! So redet doch keen Mensch“. Und sie holte den gelben Onkel (Rohrstock). Ich griff zur Gewitterflinte (Regenschirm) und rief: „Pass mal uff, mein Emton!“ (wird für Personen gebraucht, die man kritisieren will, denen man etwas androht, die man aber gern hat und nicht weiter verletzen will). „D.b.d.d.h.k.P!“, rief sie (Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen). Ich nickte. Dann gingen wir ’nen Lippentriller pfeifen (betranken uns).

So schön kann Integration sein.

Das vorgebliche „Berliner Wörterbuch“ hat Peter Schlobinski verfasst. Es ist im Arani-Verlag erschienen. Bei Amazon für 12,50 Euro im Angebot

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