Berlinische Galerie : Das Glück im Garten

Manchmal geschehen doch noch Wunder: Galeriedirektor Jörn Merkert über Kunstankäufe, Leihgaben und Schenkungen.

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Foto: © courtesy galerie, Andreas Wendt, 2005

Herr Merkert, die Gasag stellt ihre Sammlung für 20 Jahre als Leihgabe zur Verfügung. Bekommen Sie öfter solche Offerten?



Nein, solche Angebote sind eine Ausnahme. In unserem Aufgabenbereich, der Kunst ausschließlich Berlins, sind bedeutende Sammlungen von Unternehmen oder privater Hand selten. Hier gibt es nun die wunderbare Konstellation, dass die Gasag die aktuelle Szene in Berlin schon länger beobachtet hat und wir auf manche darin vertretene Position neidisch waren. Mit unseren geringen Möglichkeiten der Künstlerförderung konnten wir sie nur noch nicht erwerben. Wir haben bei uns schon zwei Mal den Gasag-Kunstpreis präsentiert. Darüber entstand so viel Vertrauen, dass wir die ersten Gesprächspartner bei der Überlegung waren, was mit der Sammlung geschehen soll, wenn die Gasag das Shell-Haus verlässt. Mir gefällt, dass die Gasag ihre Kunst nicht als Dekoration betrachtet, sondern um ihre Verantwortung weiß. Es geht nicht um die Deponierung von Kunst, sondern den richtigen Ort, durch den die Künstler eine andere Aufmerksamkeit gewinnen.

Ist das nicht ein Danaer-Geschenk? Die Kunst hat nach einer solchen Ehrenrunde im Museum eine Wertsteigerung erfahren. Die Institutionen durften in der Zwischenzeit für die restauratorische und kuratorische Betreuung sorgen.

Mir sind diese Probleme vertraut, aber hier verhält es sich anders. Die Gasag bezahlt Depotmiete, die Versicherung der Werke und übernimmt die Kosten bei restauratorischen Arbeiten. Wir bekommen die Sammlung ohne Auflagen: etwa dass wir sie ständig oder zur Gänze zeigen müssten. Vielmehr haben wir bei der Erstpräsentation nun die Chance, die Sammlung mit unseren vorhandenen Positionen zu kombinieren, so dass – wenn man nicht aufs Schildchen guckt – kaum zu erkennen ist, wem was gehört. Ich habe immer wieder den politischen Verantwortlichen gesagt, dass wir eines Tages dafür geprügelt werden, was uns fehlt. Mit dem Zuwachs der Gasag sehe ich ein Defizit behoben. Wir werden weiter mit der Gasag kooperieren und sie auch bei der Einrichtung ihrer neuen Räume beraten.

Steckt dahinter auch die Hoffnung, am Ende die Sammlung vollständig übernehmen zu können?

Natürlich, aber ich sehe auch, dass die Gasag gegenwärtig eine Schenkung aus unternehmerischen Gesichtspunkten nicht machen kann.

Warum das?

Ebenso wie bei der Anschaffung von Autos und anderer Dinge für ein Unternehmen, gibt es ein Abschreibungsverfahren. Nur wegen der schönen Augen der Berlinischen Galerie kann die Gasag dieses Vermögen nicht verschenken.

Max Hollein, Direktor des Frankfurter Städel, gelang ein solcher Coup mit Werken einer Bank-Sammlung in Millionenhöhe.

Ich gehe nicht davon aus, dass die Gasag ihre Kunst abziehen wird, sondern dass sie irgendwann uns gehört. Auch als unbefristete Dauerleihgabe wäre sie mir recht. Mehr noch wünschte ich mir, die Gasag investiert weiterhin in ihre Sammlung und wir könnten in den nächsten zwanzig Jahren kontinuierlich mit Hilfe der Gasag Kunst erwerben. Dadurch hätten wir die Möglichkeit, unsere Sammlung jenseits der Künstlerförderung auszubauen.

Wie passt die Sammlung inhaltlich in ihren Kontext? Viele Arbeiten beziehen sich ausdrücklich auf den Auftraggeber, zeigen Motive, die mit Gas zusammenhängen. Andere können nicht aus dem Shell-Haus mitgenommen werden, da sie speziell für den Ort geschaffen wurden.

Letzteres schmerzt uns alle. Den Künstlern wurden durch das ortsspezifische Arbeiten Möglichkeiten eröffnet, die sie normalerweise nicht haben. Dies ist nun der Preis. Mich stört es nicht, wenn sich bestimmte Arbeiten auf Gas oder die Gasag beziehen. Das ist ein Stück Realität, auch Kunstgeschichtsrealität. Das balanciert sich aus, sobald die Arbeiten mit unserer Sammlung zusammenkommen. Die künstlerischen Ansätze bleiben doch gleich: Konzept, Verballhornungen, dadaistische Verdrehungen, konstruktivistische Analysen. Unser Kuratorenteam hat für die „Transfer“-Ausstellung immer Bruder und Schwester zu diesen Werken gefunden.

Schon Peter Klaus Schuster gab als Generaldirektor der Staatlichen Museen aus Not die Losung aus: „Wir sammeln Sammler“. Ist das also auch ihre Perspektive?

Nein, wir suchen eher Anknüpfungspunkte mit Sammlern, die sich in einzelne Positionen vernarrt haben. Solche Beziehungen haben wir in den vergangen Jahrzehnten immer gepflegt. Wobei es in der zeitgenössischen Kunst einen Vor- und einen Nachteil gibt. Der Sammler, der sich etwas Junges, Frisches kauft, will seine Anschaffung zunächst für sich haben und nicht gleich dem Museum schenken. Andererseits kann zeitgenössische Kunst so großformatig, kompliziert installativ oder provokant sein, dass sie im privaten Bereich kaum zu präsentieren ist. Da nehmen wir die Werke auch als Leihgabe, immer in der Hoffnung, sie eines Tages geschenkt zu bekommen. Natürlich nicht alles. Wenn sie wüssten, was wir schon abgelehnt haben. Schließlich sind wir kein Depot für aufzulösende Haushalte oder Kanzleien. Wo es passt, greifen wir zu, selbst wenn der Sammler die Leihgabe irgendwann wieder abzieht, weil er verkaufen muss und uns das Geld fehlt. Dann haben wir diese Position wenigstens vorübergehend gezeigt.

Das klingt nach Taktik. Können Sie überhaupt agieren oder nur reagieren?

Nein, systematisch sammeln können wir nicht. Es ist immer ein kleines Wunder, wenn wir etwas bekommen. Und einige solcher Wunder sind uns in der Vergangenheit gelungen. Wenn uns eine Position interessiert, dann besteht unsere Arbeit nicht allein darin, den Künstler alle zwei Jahre im Atelier zu besuchen. Wir halten den Kontakt zum Künstler und dessen Sammler. Dabei ergibt sich die Möglichkeit, etwas für den Künstler zu tun: eine Ausstellung zu machen, eine Rede zu schreiben oder ihm einen Kunstpreis zu besorgen. Je mehr wir uns auf diese Weise engagieren, verpflichtet sich auch der Künstler. Es gibt da ein schönes Beispiel. Ich habe mich in der Jury für Ronald de Bloeme als Gewinner des Kunstpreises von Vattenfall in Cottbus stark gemacht. Darüber hat er sich gefreut wie ein Schneekönig. Hinzu kam eine Publikation, eine Ausstellung, die wir aus Cottbus dann hierher übernommen haben. Beide Mal habe ich die Eröffnungsrede gehalten. Die Ausstellung wanderte mit unserem Katalog weiter nach Holland. In diesem Kielwasser hat auch sein Galerist wunderbar verkauft. Ich habe dann zu Ronald gesagt, dass wir gerne ein Bild von ihm kaufen würden, er aber zu teuer für uns wäre. Darauf hat er gleich gesagt: So viel braucht ihr nicht zu bezahlen. Auf diese Weise mussten wir nur einen symbolischen Preis zahlen. Oft helfen uns die Künstler. Wenn es nicht anders geht, kann man auch sie einspannen, um den Sammler zu beschwatzen, dieses oder jenes Werk zu schenken – gegen absetzbare Quittungen. Die Arbeit im Museum hat etwas Gärtnerisches. Das ist ein ständiges Rumwuseln, Unkraut zupfen, Kieselsteine umlegen und druntergucken, ob nicht doch eine Schmetterlingslarve darunter verborgen liegt. Bei der Kooperation mit der Gasag will ich nicht ausschließen, dass nun ein Sammler dieses oder jenes Künstlers plötzlich Werke bei uns sieht und sich überlegt: „Wenn die das schon haben ...“ Wir sagen dann im Zweifel: Wir können zwar nicht kaufen, aber nehmen gerne eine Schenkung.

Das klingt nach Glück und Fleiß, kaum nach strategischem Sammeln. Wie können Sie da Ihre Sammlung arrondieren?

Ein Bild aus einem Geldtopf zu kaufen, der zur Verfügung steht, ist relativ einfach und nicht besonders spannend. Wenn man aber um ein Kunstwerk kämpfen muss, dann hat man eine andere Beziehung, eine Verpflichtung. Ich habe zwölf Jahre dazu gebraucht, meinem Freund Emilio Vedova das Absurde Berliner Tagebuch abzuschwatzen – und das mit viel Arbeit bezahlt: mit Texten, Reden, Besuchen in seinem Atelier in Venedig. Und dazwischen kam das Neubauprojekt für die Berlinische Galerie in den Katakomben des Kreuzberges. In der Sekunde, als diese Planung gescheitert und zweieinhalb Jahre Arbeit zunichte waren, unterschrieb Vedova den Schenkungsvertrag. Was meinen Sie, was das bedeutet hat? In dem Moment, in dem uns die Luft ausging, alles kaputt war, es keine Perspektive mehr gab, da setzte ein Künstler wie Vedova Vertrauen in uns, das wir selbst nicht mehr besaßen. Das hat uns Luft unter die Flügel gegeben, aber bedeutete auch eine Verpflichtung. Ich hätte danach nicht sagen können: Gut, gehe ich eben weg; sollen die Berliner ihren Scheiß alleine machen. Das wäre Verrat gewesen. Heute hat Vedovas Werk seinen festen Platz in der Berlinischen Galerie.

Womöglich hat gerade dieser kämpferische Geist der Gasag gefallen.

Meine Theorie ist, dass die Gasag sich bei uns wohl fühlt, weil wir als Museum in allen Bereichen unternehmerisches Denken an den Tag legen. Unternehmen sind leichter verführbar, wenn sie ihre eigene Haltung wiedererkennen. Wenn ein Unternehmen feststellt, aha, die ticken ähnlich, dann bewegt sich etwas. Das geht auch über die Sammlung hinaus. Die Gasag hat lange ein Schulprojekt gefördert, steht aber kurz davor, es einzustellen. Ich habe darauf verwiesen, dass auch wir uns um Kinder kümmern – im Atelier Bunter Jakob. Nur fehlt Geld, obwohl wir uns mitten in Hartz-IV-Empfänger-Land befinden mit Kindern, die wir auf den Spielplätzen abholen, damit sie nicht anderswo landen. Die Gasag hat zur Unterstützung unserer Arbeit einige tausend Euro gegeben. Das ist mehr wert als irgendeine dicke Summe. Das unternehmerische Denken, das Agieren auf verschiedenen Ebenen macht dem Unternehmen in Zusammenarbeit mit einem Museum Spaß – nicht das Geld-Abliefern.

Das Gespräch führte Nicola Kuhn.

Jörn Merkert (63) ist seit 1987 Direktor der Berlinischen Galerie. Zuvor arbeitete als Leiter der Ausstellungsabteilung an der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf.

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