BERLINROMANNellja Veremej : Die Häuser, meine Felsen

Nicole Henneberg

Noch heute, meint Nellja Veremej, hört man am Rosa-Luxemburg-Platz, wie sich die tektonischen Platten Ost- und Westeuropa laut knirschend übereinanderschieben. Doch ist Berlin für sie nicht nur eine Grenzstadt, sondern auch eine Landschaft, die sie genießt. „Sie ist für mich das, was für die Romantiker Gebirge oder Wälder waren. Die Häuser sind meine Felsen, die Menschen eigenartige Bäume, die Straßen eigensinnige Flüsse“, sagt Lena, die Erzählerin ihres Debütromans „Berlin liegt im Osten“.

Als Nellja Veremej 1995 nach Berlin kam, hatte sie schon viel erlebt: Geboren wurde sie 1963 in Kema, einer Militärsiedlung bei Sverdlovsk. Ihr Vater, ein Pilot, kam bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben. Im Roman erzählt sie diese tragische Geschichte, ebenso den folgenden Umzug von Mutter und Tochter zu den Großeltern in den Kaukasus. Sie hat ihrer Hauptfigur Lena die Stationen ihres eigenen Lebens geliehen, einschließlich des Studiums in Leningrad und der amüsanten Geschichte der wilden, stolzen Großmutter, die ihren im Krieg verschollenen Mann vergötterte – bis der tatsächlich, und auch noch mit viel Geld, zurückkehrte: Von da an bekämpfte sie ihn wie einen Dämon. Dieses auf Deutsch geschriebene Buch erzählt zwei subtil ineinandergreifende Geschichten: Da ist die resolute Lena, die als Altenpflegerin jobbt und neben einer pubertierenden Tochter auch einen kindisch unrealistischen Ehemann bändigen muss. Und da ist der alte Berliner Ulf Seitz: kultiviert und korrekt, genau so, wie Russen sich den idealen Deutschen vorstellen. Er wird zur zweiten Erzählstimme – ein Kunstgriff, der ein Zwiegespräch eröffnet über russische Zwangsarbeiter, die Schuld der Sieger und die Arroganz der Besiegten. Nicole Henneberg

Babylon Mitte, Fr 9.8., 19.30 Uhr, 7 €

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