Zeitung Heute : Berlins Bahnanlagen Ziel von Anschlägen

Brandsätze am Hauptbahnhof nur durch Zufall gefunden / Chaos auf der Strecke nach Hamburg

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Berlin - Mit viel Glück ist Berlin am Montagnachmittag einem Chaos bei der Bahn entkommen. Am Hauptbahnhof konnte ein Anschlag auf Weichen- und Signalkabel fast in letzter Minute verhindert werden. Wären die Anlagen zerstört worden, hätte der Nord-Süd-Verkehr durch den Tunnel eingestellt werden müssen. Bereits seit dem Morgen war der Verkehr nach einem ähnlichen Anschlag bei Finkenkrug auf der Strecke Berlin-Hamburg unterbrochen worden. Nach Plan können die Züge dort voraussichtlich erst wieder am Mittwoch fahren. Wie sich ein Anschlag am Hauptbahnhof genau ausgewirkt hätte, ist unklar. Menschen wären aber nicht gefährdet gewesen, heißt es bei der Bahn.

Nach Informationen des Tagesspiegels hatte ein Mitarbeiter der Bahn, der auf der Fläche nördlich vom Hauptbahnhof arbeitete, in der Nähe eines Trafohäuschens rund 50 Meter vom Tunnel zum Hauptbahnhof entfernt die Brandsätze gesehen und die Bundespolizei alarmiert. Die Bahn führte das Entdecken auf zusätzliche Kontrollen zurück. Die Brandsätze konnten von Kriminaltechnikern kurz darauf entschärft werden. Nach Angaben einer Sprecherin der Bundespolizei ähnelten die Brandsätze denen, die auch am Morgen in Finkenkrug benutzt worden waren. Im Internet begründete eine Gruppe den Anschlag damit, dass die Bundeswehr seit zehn Jahren „Krieg in Afghanistan ohne Zustimmung der Bevölkerung“ führe. Dies sei der Anlass, die Bahn und die Telekommunikation zu sabotieren und die „Hauptstadt Berlin“ in den Pausenmodus zu zwingen.

Anschläge auf Kabelanlagen der Bahn mit erheblichen Auswirkungen auf den Zugverkehr hat es in letzter Zeit mehrfach in Berlin gegeben. Im November 2010 wurde nach einem Anschlag auch die Telefonverbindung zur Konzernspitze im Bahntower am Potsdamer Platz unterbrochen. Ende Mai hatte eine Attacke auf eine sogenannte Kabelbrücke am Ostkreuz den Fern-, Regional- und S-Bahn-Verkehr mehrere Tage stark behindert. Seither lässt die Bahn ihre empfindlichen Anlagen verstärkt überwachen.

Die Kabel liegen in der Regel gebündelt in Betonfertigteilen neben den Gleisen. Dort sind sie leicht zugänglich, weil nur so bei Schäden schnelle Reparaturen möglich seien, heißt es bei der Bahn.

Auch ohne das Zünden der Brandsätze war der Verkehr zwischen dem Hauptbahnhof und Gesundbrunnen rund eineinhalb Stunden unterbrochen. Fernzüge fuhren über die Ost-West-Strecke zum Hauptbahnhof; Regionalzüge wurden zu anderen Bahnhöfen umgeleitet.

Wegen des Anschlags bei Finkenkrug wurden – und werden – die Fernzüge über Stendal geführt, wodurch sich die Fahrzeiten teils um mehr als eine Stunde verlängern. Im Regionalverkehr mussten Fahrgäste in Busse umsteigen. Am Nachmittag brach auch noch das Auskunfts- und Buchungssystem der Bahn im Internet zusammen. Einen Zusammenhang mit den Anschlägen habe es nicht gegeben, sagte ein Sprecher am Abend.

Der stellvertretende Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, Patrick Döring (FDP), forderte die Bundesregierung auf, in den Ausschüssen die Sicherheitslage bei der Bahn zu erläutern.

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