Berlins Schulen : Raus aus dem Ghetto!

Ein Kommentar von Susanne Vieth-Entus

So viel Bewegung war selten. Berlin versucht, Gemeinschaftsschulen für alle zu bauen, Hamburg zieht neben den Gymnasien die neuen Stadtteilschulen hoch, und Schleswig-Holstein überlässt es den Landkreisen selbst, sich für einen dieser beiden Wege zu entscheiden. Deutschland experimentiert. Was alle diese Ansätze verbindet, ist die Erkenntnis, dass die Isolierung der chancenlosesten Kinder in der Hauptschule eine menschlich schändliche, gesellschaftspolitisch fahrlässige und volkswirtschaftlich unsinnige Vorgehensweise ist.

Lange hat sich die Berliner CDU gegen diese Erkenntnis gewehrt. Dabei hätte sie es besser wissen müssen. Schließlich ist es seit 30 Jahren auch in Berlin so, dass die Gesamtschulen die jeweils besten Hauptschüler eines Jahrgangs abschöpfen. Schon vor 25 Jahren war die Hauptschule am Ende. Dass sie dennoch erhalten wurde, lag daran, dass die CDU das dreigliedrige Schulsystem retten wollte. Und die SPD machte mit, weil sie es den von ihr gehätschelten Gesamtschulen auf diese Weise ersparen konnte, auch noch die Allerschwächsten zu integrieren. Ideologisches Kalkül verblendete die Vertreter beider Volksparteien.

Es gibt schon lange keinen maßgeblichen Bildungswissenschaftler mehr, der sich für die Hauptschulen starkmacht. Vielmehr haben Deutschlands beste Forscher belegt, dass die Mehrheit der deutschen und fast alle Berliner Hauptschulen den Kindern mehr schaden als nützen. Dennoch hat die Berliner CDU unter ihrem damals neuen Spitzenkandidaten Friedbert Pflüger noch bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus im vergangenen Herbst für die Beibehaltung der Hauptschulen plädiert.

Dass sich jetzt eine Wende andeutet, kommt nicht ganz überraschend. Denn erstens rumort es schon seit langem in der CDU-Fraktion in Sachen „Hauptschule“, und zweitens passt es viel besser in Pflügers schwarz-grüne Koalitionsträume, wenn sich die Union von der Hauptschule verabschiedet. Schließlich haben die Grünen längst beschlossen, dass sie die Hauptschule nicht weiterführen wollen. Damit wäre eine wichtige Hürde für Schwarz-Grün weggeräumt.

Was aber bedeutet das für die aktuelle Bildungspolitik? Zu dieser Politik gehört, dass am Freitag das Interessenbekundungsverfahren für die Gemeinschaftsschule ausläuft. Ende der Woche wird sich abzeichnen, ob aus dem rot-roten Modellversuch eine Art Hamburger Stadtteilschule wird, die neben den Gymnasien existiert. Oder ob der Traum der Linkspartei wahr wird, doch ein paar „echte“ Gemeinschaftsschulen auf die Beine zu stellen, bei denen auch angesehene Gymnasien mitmachen.

Beides wäre ein Fortschritt: Konkurrenz durch starke Gemeinschaftsschulen täte den Gymnasien gut, die es sich viel zu bequem gemacht haben in ihrer Position als Bürgers Liebling. Und die es wegen großer Nachfrage immer noch nicht für nötig halten, schwächere Schüler zu unterstützen, und in Kauf nehmen, dass tausende Schüler Tag für Tag zum Nachhilfeunterricht laufen müssen.

Wenn aber kein Gymnasium bei den Gemeinschaftsschulen mitmachen will, dann fließen die 22 Millionen Euro, die Rot-Rot ausgeben will, eben in eine Art Stadtteilschule nach Hamburger Art. In eine Schule, in der Haupt- und Realschüler lernen, in eine Schule, die niemanden sitzen lässt und die ihre Besten zum Abitur führt. Was kann daran verkehrt sein?

Deutschlands Schulpolitik bewegt sich. Rot-Rot ist dabei, grün sowieso und jetzt auch die Berliner CDU. Endlich.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben