Zeitung Heute : Berstende Spiellust

ECKART SCHWINGER

Christian Tetzlaff, Marc Albrecht und das Orchester der Deutschen OperECKART SCHWINGERAtemberaubende Stürme und Stille förderte er gleichermaßen zutage.Das eine bei Sibelius, das andere beim zugegebenen Bach, bei dem die Zeit still zu stehen schien und das Fallen der berühmten Stecknadel zu hören gewesen wäre.Da erwies es sich erneut: heftige geigerische Attacken, schroffe Zuspitzungen, Temporekorde sind nicht das alleinige Markenzeichen von Christian Tetzlaff.Neben der berstenden Spiellust, die er bereits bei seinem Duo-Abend mit Leif Ove Andsnes im kleinen Saal des Schauspielhauses an den Tag gelegt hatte, zog nunmehr in besonderem Maße auch sein hellhöriger, gertenschlanker, ganz und gar zeitnaher Klangstil in den Bann.Und zwar vor allem im langsamen Satz beim vielgespielten, nun freilich wie verjüngt klingenden Violinkonzert von Jean Sibelius, das Christian Tetzlaff mit dem Orchester der Deutchen Oper Berlin unter Marc Albrecht im großen Saal des Schauspielhauses musizierte. Gerade mit seiner hohen Empfindsamkeit konnte er das Interesse an dem bisweilen tatsächlich schon etwas abgespielt wirkenden Sibelius neu sensibilisieren, ohne dabei auch nur einen Anflug von billiger Sentimentalität ins Spiel zu bringen.Immer wieder strahlten die weitgezogenen Gesangslinien in schmerzender Helligkeit, obwohl der große, glockige Ton von Tetzlaff auch überraschend dunkle, also für Sibelius kennzeichnende Einfärbungen aufwies.Gleich zu Beginn des ersten Satzes ging er allerdings den Sibelius mit einer rigorosen Rasanz an, als handle es sich schon um den Endspurt.Da jagte er so atemlos dahin, daß das Ganze leicht aus den Fugen geriet.Aber das waren nur wenige Takte, bei denen man etwas um die Klarheit, die Intonation, die Noblesse bangte.Wie Christian Tetzlaff schließlich beim Finale das Rhythmische und Motorische auf explosive Weise zum Tragen brachte, aber es auch bei den effektvollen Ergüssen dieses Paradestückes der großen Geiger nicht an Saft, Gefühlskraft und tänzerischem Schmiß fehlen ließ, wird man so schnell nicht vergessen. Marc Albrecht und das in Bestform spielende Orchester der Deutschen Oper waren dem gefeierten jungen Weltklassegeiger hervorragende Musizierpartner.Und danach ließen sie es bei der Symphonie fantastique von Hector Berlioz schon gar nicht an schöner Detailschärfe im Kleinen wie an geradezu raumsprengender Intensität und brodelnder Bildkraft im Großen fehlen.Der nicht minder junge, vielgefragte Darmstädter Generalmusikdirektor hinterließ auch mit dem sinfonischen Bestseller von Berlioz gehörigen Eindruck.Dem opernnahen Werk bekam sein geradezu szenisches Musizieren ausgezeichnet.Insbesondere beim Gang zum Hochgericht und Traum einer Sabbatnacht traf er mit dramatischem Zugriff ins Schwarze.Schwelgerische Verzückung oder fatale Theatralik schenkte er sich glücklicherweise.Nur die Traumbilder im ersten Satz wirkten noch etwas zu beiläufig, wenig interessant.Alles andere ging mit formvoller musikalischer Intelligenz, gebändigter, betont moderner Ausdrucksintensität über die Bühne.Das Artistische und Atmosphärische einer solch raffinierten Partitur bringt Marc Albrecht mit hellwachem Klangempfinden und aufblitzendem technischen Schneid sehr delikat heraus.Eine Berlioz-Aufführung der geistvoll-genüßlichen Art.

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