Zeitung Heute : Bertelsmann: Von Gütersloh zum Time Square

Rainer Hank

Das Dogma ist tot." Thomas Middelhoff spricht den Satz gelassen aus. Es ist Sonntag, ein Abendessen im kleinen Kreis in Gütersloh. Tags darauf muss man die Abschaffung des Dogmas im Gestrüpp der Sätze erst suchen. Die Bertelsmann AG gibt eine Erklärung ab, wonach das Medienunternehmen die Mehrheit bei der TV-Holding RTL-Group übernehmen und den RTL-Miteigner Baron Albert Frère zum Tausch mit 25,1 Prozent an Bertelsmann beteiligen wird. Erst vier Absätze später findet sich das Dogma selbst, verpackt in ein Zitat von Middelhoff, aufgespießt an der Negation, sozusagen von hinten durch die Brust: "Auch bei einem möglichen Börsengang nach zirka drei Jahren wird die einzigartige Unternehmenskultur von Bertelsmann gewahrt bleiben."

Das Dogma fällt, und Vorstandschef Middelhoff benutzt die Sprache der Beschwörung. Die Tatsache, dass Bertelsmann kein börsennotiertes Unternehmen ist, war bis heute Eckpfeiler einer einzigartigen Unternehmenskultur. Ein ums andere Mal hatte Middelhoff erklärt, dass Europas größter Medienkonzern ein privat geführtes Unternehmen sei und immer bleiben werde. Das ist jetzt vorbei, auch wenn es bis zum IPO, dem Initial Public Offering der Bertelsmann-Aktie, noch eine Weile dauern wird.

Dogmen gibt es in der Kirche. Und der Vergleich von Bertelsmann mit einer Kirche ist gar nicht so abwegig. Die Reaktion der Bertelsmann-Gemeinde auf die Abschaffung ihres Glaubenssatzes fällt denn auch ambivalent aus. Da ist zunächst der Seufzer der Erleichterung. Endlich. Endlich kann sich Bertelsmann, wie die meisten großen Aktiengesellschaften, am Kapitalmarkt finanzieren. Das Unternehmen kann sich Spielgeld besorgen und im großen Monopoly für die Schlossalleen dieser Welt mitbieten. Middelhoff selbst hat in seltsam gespreiztem Pathos diesen Befreiungsschlag gefeiert. "Das ist ein strategisch und firmenhistorisch bedeutsamer Schritt." Doch auf den Hymnus folgt rasch Ernüchterung. Der Glanz der Besonderheit ist weg. Bertelsmann wird, über kurz oder lang, ein Unternehmen wie jedes andere. Genauer: ein Unternehmen wie Daimler oder BMW. Denn auch hinter BMW steckt, zum Beispiel, eine große, reiche Familie. Aber der Kurs der Aktie gehorcht eigenen Gesetzen und trägt wesentlich zum Ansehen des Konzerns in der Öffentlichkeit bei. Über das Image befinden die Finanzmärkte, nicht die Familie.

Middelhoff macht kein Hehl daraus, dass er selbst es war, der die Idee des Unternehmensumbaus gepuscht und durchgesetzt hat. Das sieht dem 47-jährigen Manager ähnlich. Schon vor zwei Jahren hat er seinen Führungskräften ins Stammbuch geschrieben, sie müssten agieren, "als ob" Bertelsmann an den Weltbörsen notiert sei. Aber die Philosophie des Als-ob reicht nicht mehr hin, seit AOL und Time Warner fusioniert haben. Medienunternehmen sind heute Content-Provider: Internet, Film, Musik und Literatur kommen zusammen. Das ist eine globale Welt, in der ein Unternehmen über Inhalte und Netze herrscht. Der Marktplatz dieser Welt ist Amerika. Durch den Börsengang wird Bertelsmann noch amerikanischer. Auch das passt zu Middelhoff, der sich vor Jahren schon als jemand beschrieb, der "vom Pass her Deutscher, von Natur aus aber Amerikaner" sei. In der Amerikanisierung ist Bertelsmann schon weit gekommen. Die Sprache ist Englisch, das transatlantische Hauptquartier liegt an der New Yorker 42. Straße, dem Weltzentrum der Unterhaltungswelt. Chef ist dort seit 1. Februar Joel Klein, jener frühere Leiter der Kartellbehörde im US-Justizministerium und Hauptankläger im Microsoft- Verfahren. Microsoft-Gründer Bill Gates hat Middelhoff übrigens zu dieser Entscheidung gratuliert.

Nicht einmal der ICE hält hier

Wie oft ist der Weg beschrieben worden von Gütersloh zum Times Square. Von Ostwestfalen an die Ostküste. Bertelsmann ist die deutsche Tellerwäscher-Geschichte. Der 150-jährige Aufstieg eines protestantischen Buchverlegers, der mit frommer Erbauungsliteratur sein Geld verdient, zum Mediengiganten, der mit der Internettauschbörse Napster eine strategische Allianz eingeht. Darauf sind die Deutschen irgendwie stolz. Tatsächlich könnte die Kluft kaum größer sein: John F. Kennedy heißt der größte Flughafen der Welt; in Gütersloh hält nicht einmal ein ICE. Wer freilich Reinhard und Liz Mohn in ihrer Gütersloher Villa besucht, wo sich das Tor vor dem weiß getünchten Gebäude lautlos und wie von selbst öffnet, der könnte sich für einen Moment zumindest in den Suburbs von New Jersey wähnen. Bei aller Ferne gibt es auch eine Ahnung von Nähe. Denn den westfälschen Bauernhof, auf den sich Mohn am späten Abend zurückzieht, bekommt der Besucher nie zu Gesicht.

"Knapp zwei Stunden hat es gedauert, Reinhard Mohn vom Börsengang zu überzeugen", erzählt Bertelsmann-Finanzchef Siegfried Luther. Selbst Middelhoff zeigte sich überrascht. Viele in der Branche hatten gewettet, über einen Börsengang dürfe erst nach Mohns Tod offen geredet werden. Überraschend, wohl gemerkt, ist Mohns Einwilligung. Nicht die Dauer der Entscheidung. So lange braucht Mohn für die wirklich wichtigen Weichenstellungen. Der Rauswurf von Mark Wössner, Middelhoffs Vorgänger und einst Kronprinz, aus der Bertelsmann-Stiftung dauerte nicht halb so lange, erzählt man sich.

Das ist das Soldatische an dem 80-jährigen Patron. Mohn war Offizier in Afrika. Disziplin ist für ihn die wichtigste Eigenschaft, um zu Entscheidungen zu kommen. Kein Zaudern ist erlaubt. Mohn wird eine ausgesprochene Lust am Entscheiden nachgesagt. Anders lässt sich wohl kaum aus einem pietistischen Verlag ein Medienunternehmen mit einem Umsatz von fast 35 Milliarden Mark, einem Vorsteuerergebnis von 3,6 Milliarden Mark und bald 80 000 Beschäftigten zimmern. Mohn ist der entscheidende Architekt: Der Aufbau des Clubgeschäfts, der Einstieg in den Zeitschriftenmarkt und der Ausbau der Musik- und Fernsehaktivitäten, das alles ist sein Werk.

Der Gründungsmythos der Nachkriegsgeschichte aber ist eine Fotografie. Jeder Mitarbeiter bei Bertelsmann kennt sie. Da steht der 26-jährige Reinhard Mohn im Jahr 1947 im abgerissenen Soldatenmantel im Freien. Vor seinen Mitarbeitern hält er eine Rede. Er schickt sie für Bertelsmann an die Front - aber nicht mit dem autoritären Gestus von Befehl und Gehorsam, sondern mit der Philosophie von Führung und Partnerschaft. Dieses partnerschaftliche Gefüge hatte immer schon eine eigene Form der Finanzierung. "Genuss-Scheine" heißt diese deutsche Spezialität: Das sind - wie Aktien - Anteile am Unternehmen ohne Stimmberechtigung, die Mohn an seine Mitarbeiter ausgegeben hat und die ihm über lange Jahre der Nachkriegszeit ein Wachstum aus eigener Kraft ermöglichten. Weitsichtig hat Mohn damit früh schon seine Mitarbeiter motiviert, längst bevor Mitarbeiteraktien Mode wurden. Das meint Middelhoff, wenn er heute wieder die einzigartige Unternehmenskultur von Bertelsmann beschwört.

Ein großer Brocken

Der Unternehmer Mohn hat sich inzwischen zum Stifter gewandelt. Er übertrug der 1977 gegründeten Stiftung im Jahr 1993 knapp 70 Prozent der Bertelsmann AG; die Familie ist mit 21 Prozent auf Dauer bedacht. 7,5 Prozent besitzt die "Zeit"-Stiftung. Das rührt von Zeiten her, als der Verleger Gerd Bucerius Mohn aus der Patsche geholfen hat. Aber bis heute gibt es außerhalb der Familie keine Personen, die an Bertelsmann beteiligt sind. Es gibt nur Institutionen, Stiftungen, an welche die Bertelsmann AG jährlich eine nicht geringe Dividende abführt, zum Segen der gemeinnützigen Dinge, mit welchen die Stiftung die Welt beglückt. Übrigens auch mit reichlich Macht: einem Jahresetat von 80 Millionen Mark. Die Stimmrechte über alle wichtigen Personalentscheidungen hat der Stifter sich übrigens bis ans Lebensende vorbehalten. Doch die Geschichte des pietistischen Familienunternehmens ist zu Ende, nicht erst seit Montag dieser Woche. "Früher konnte einer der Führer sein, das geht heute nicht mehr", hat Mohn gesagt.

In spätestens drei Jahren werden Fremde über das Unternehmen mitbestimmen, die Aktionäre, auch wenn die Stiftung die Mehrheit an der AG behalten wird. "Bertelsmann wird ein ganz schöner Brocken im Dax werden", sagte ein Aktienanalyst. Was das bedeutet? Bertelsmann muss sich dem Wettbewerb der Investoren aussetzen. Es wird von Fondsgesellschaften bewertet und von Analysten auf Herz und Nieren geprüft werden. Das verspricht, in der Theorie, Effizienzgewinne zum Vorteil aller RTL- und Napster-Kunden. Und wenn die Rendite zu gering oder das Geschäft zu diffus scheinen, dann schauen sich die Anleger nach Alternativen um, und die Aktie bricht ein. Wie in jedem ganz normalen Unternehmen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar