Zeitung Heute : Bertelsmann will Spitzenposition im E-Commerce

KURT SAGATZ

Wer "A" sagt, muß bekanntlich auch "B" sagen.Diese Erkenntnis gilt offensichtlich auch für den Mediengiganten Bertelsmann, der im Bereich der neuen Medien bislang besonders mit dem Joint-venture mit America Online (AOL) auf sich aufmerksam gemacht hat, und nun gestern mit Bertelsmann Online (BOL) den nächsten Schritt unternommen hat."Wir haben frühzeitig die Bedeutung des Internets erkannt und sind in fast allen Teilen der Multimedia-Wertschöpfungskette vertreten", erklärte Bertelsmann-Vorstand Klaus Eierhoff am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Berlin zum Start des neuen Dienstes, mit dem der Gütersloher Konzern den Grundstein zur europäischen Marktführerschaft im Bereich E-Commerce legen will.

Anfangs wird Bertelsmann über die Internet-Plattform unter den Adressen www.bol.de und www.bol.fr mit Angeboten für Deutschland und Frankreich vertreten sein.Im Frühjahr soll der Dienst auf Großbritannien und die Niederlande ausgedehnt werden, und im zweiten Halbjahr ist die Einführung in Spanien vorgesehen, wie der für das internationale BOL-Geschäft zuständige Manager Heinz Wermelinger ergänzte.Weitere Schritte sollen darin bestehen, in anderen Ländern mit deutscher, englischer, französischer und spanischer Sprache spezielle Angebote hinzuzufügen.Die USA werden jedoch ausgespart.Dort hat sich Bertelsmann im letzten Jahr für rund 250 Millionen Dollar in den Dienst www.barnesandnoble.com eingekauft und zugesagt, das Angebot mit weiteren 100 Millionen Dollar zu pushen, wie es Eierhoff ausdrückte.Eine ähnliche Summe in DM (also rund eine halbe Milliarde DM) soll nun auch in den Aufbau der europäischen BOL-Aktivitäten fließen.Wann sich dieses Investment auszahlen wird, wollte der Bertelsmann-Vorstand allerdings mit Blick auf den Hauptkonkurrenten im Online-Buchverkauf - amazon.com und amazon.de - nicht sagen.

Das Angebot der Bücher, die über den deutschen Teil von BOL verfügbar sein werden, wird sich anfangs auf 500 000 Titel belaufen.Später sollen auch andere Medien wie Musik und Videos hinzugenommen werden.Auch das Herunterladen von elektronischen Büchern für die Rocket eBooks ist angedacht.Ziel der Website sei es dabei, so der BOL-Deutschland-Geschäftsführer Thomas Schnieders, den Besuchern einen Service mit hohem Nutzwert zu bieten, der die schnelle, aktuelle und umfassende Suche nach Titeln bietet.Daneben sollen interessante Autoren durch Portraits und Interviews vorgestellt werden.Auch eine Personalisierung der Seite ist möglich.Registrierte Nutzer sollen mit Tips versorgt werden und eine zusätzlicher Express-Bestellservice wird den Buchkauf vereinfachen.Die Lieferung soll innerhalb von zwei bis drei Tagen erfolgen, wobei BOL die Logistik des bereits bestehenden Buchversandes und von ausgewählten Grossisten mitnutzen wird.Partnerschaften bietet BOL zudem anderen Verlagshäusern, aber auch dem stationären Buchhandel an.Zur Werbestrategie von Bertelsmann Online gehören eine Reihe von Kooperationen mit anderen Online-Aktivitäten des Konzerns, um für die "digitale Laufkundschaft" zu sorgen.So werden die beiden Online-Dienste AOL und CompuServe sowie Focus online exklusive Buchpartner von BOL.Dort sollen entsprechende Banner und Verlinkungen geschaltet werden.Auch die Suchmaschine Lycos, an der Bertelsmann beteiligt ist, wird in die Strategie eingebunden.Wer dort künftig eine Suchanfrage startet, erhält zugleich den Hinweis, daß auf dem gleichen Wege auch nach Büchern zu diesem Thema gesucht werden kann - natürlich bei BOL.Wie weit auch noch auf anderen interessanten Internet-Seiten für den Buchdienst geworben wird, hänge vor allem von der Besucherstruktur dieser Seiten und natürlich vom Preis ab.

Der Bertelsmann-Schritt in Richtung E-Commerce kommt nicht von ungefähr.Im letzten Jahr wurden über das Netz in Europa Bücher, Musik, Reisen und Software im Wert von über 2,5 Mrd.DM verkauft.Neue, einfacher zu bedienende Geräte wie Screenphones, interaktive Fernseher, aber auch moderne Computer sorgen für größere Akzeptanz bei den Verbrauchern, hofft nicht nur Bertelsmann.Bereits in drei Jahren werde der Online-Buchverkauf die Milliarden-DM-Marke überspringen, so die Einschätzung von Eierhoff."E-Commerce ist für uns eines der entscheidenden Zukunftsgeschäfte", so der Bertelsmann-Vorstand.Von besonderer Bedeutung sei dabei der deutsche Markt.Von den rund zehn Millionen Internet-Anschlüssen würden hierzulande circa sieben Millionen Netzzugänge regelmäßig genutzt und jeder vierte Onliner hat bereits einmal etwas über das Netz gekauft.So sei insgesamt festzustellen, daß speziell im E-Commerce der Vorsprung der Amerikaner kleiner werde.

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