Zeitung Heute : Beruf: Drehbuchautor: "Es sei denn, Steven Spielberg ist dein Onkel"

Regina Köthe

Sibylle Kurz ist eine begehrte Frau. Ihr Wissen vermarktet sie in der Schweiz, in Frankreich, Schweden, Schottland, Island und Kuba. Ihre Profession: Sie ist Pitching-Expertin. Seit 1995 veranstaltet sie Kommunikations- und Präsentationstrainings für Filmschaffende. Mit "Pitching" wird in der Filmbranche die Kontaktaufnahme zum Finanzier und die Präsentation der Idee bezeichnet. Denn eine gute Idee oder ein gutes Drehbuch machen noch keinen Film. Um das Projekt zu realisieren, sind Geld und ein Vertrieb erforderlich.

Sibylle Kurz hat das Mediengeschäft von der Pieke auf gelernt und verfügt über jahrelange Praxis. Zusätzlich hat sie eine Ausbildung als Kommunikationstrainierin absolviert. Bei einer eigenen Video-Vertriebsfirma war sie für den Filmeinkauf und die Ko-Finanzierung zuständig. Sie hat Skripts gelesen und angebotene Filmprojekte analysiert. "Ich wurde jahrelang gepitcht", erzählt sie, "und nicht nur gut." Häufig mangele es den Autoren an klaren Vorstellungen und Marktkenntnis. Zu Sibylle Kurz kommen junge Autoren und Produzenten und lassen sich darin schulen, wie sie ihr Proposal, Treatment oder Drehbuch professionell "pitchen", wenn sie es einer Produktionsfirma oder einem Sender anbieten. Eine sorgfältig durchdachte Verkaufsstrategie ist erforderlich, weil bei den Vertriebs- und Produktionsfirmen jährlich Hunderte von Proposals oder Skripts auf den Schreibtischen landen. "Keine einfache Aufgabe, aber erlernbar: Pitching ist Disziplin", sagt Sibylle Kurz. Sie bereitet auch die Kandidaten des "European Pitch Point" (EPP) auf ihre Präsentation vor.

Der EPP findet während der Berlinale statt und ist eine der großen Pitching-Veranstaltungen. "Das ist genau so, wie man es sich vorstellt", erzählt Gerhard J. Rekel, "man steht auf einer Bühne vor 100 Produzenten und Redakteuren und hat drei Minuten Zeit, seinen Stoff zu präsentieren." Der in Berlin lebende Drehbuchautor hat im vergangenen Jahr an dem Pitch teilgenommen. "Es ist wirklich eine große Show. Es gibt keine bessere Chance, sein Drehbuch zu vermarkten - es sei denn, Steven Spielberg ist dein Onkel", meint Gerhard J. Rekel. Seit sieben Jahren arbeitet er als Drehbuchautor. Für seine Komödie "Trauma" erhielt der Österreicher mehrere Preise. Bei der Drehbuchwerkstatt München professionalisierte er sich weiter und wurde bekannter. "Die Homepage der Drehbuchwerkstatt ist sehr gut. Dadurch kommen immer wieder Anfragen per E-Mail." Für die Krimi-Serie "Tatort" schrieb er die Folge "Hahnenkampf. Zurzeit arbeitet er an einer weiteren Folge und schreibt außerdem an einen Drehbuch für das ZDF.

Gerhard J. Rekel entspricht dem klassischen Bild des Drehbuchautors. Er sitzt die meiste Zeit allein an seinen Schreibtisch, entwirft Charaktere, sucht Handlungsstränge und schreibt Dialoge. "Man muss Spaß daran haben, Geschichten zu erzählen und selbstbestimmt zu arbeiten", meint er, "und man muss überzeugt sein, dass man den roten Faden finden wird".

Auch dieses Jahr haben sich 120 Kandidaten aus 27 Ländern mit einem Treatment, einer nach Szenen gegliederte ausführliche Filmerzählung, beim European Pitch Point beworben. Zwölf Autoren wurden ausgewählt und können ihre Idee nun während der diesjährigen Berlinale vor Produzenten präsentieren.

Seine Filmidee überzeugend und konsequent vorzustellen, bedarf einiger Vorbereitung, betont Sibylle Kurz. Was ist das Einzigartige an der Filmidee? Was soll er dem Publikum vermitteln? Wieso soll dieser Film realisiert werden? Ein präzises Kondensat, das die sechs klassischen W des Journalismus (wer, was, wann, wo, wie, warum) beantwortet, steht am Anfang. "Als Autor ist man oft in Details verliebt. Davon muss man sich trennen, um eine gute Präsentation zu machen", sagt Gerhard J. Rekel. Für die Filmbranche ist wichtig, wie der emotionale Effekt fürs Publikum aussehen soll. Kurz und knapp den "USP" (unique selling proposition) oder das Besondere des Projektes benennen zu können, ist oft ausschlaggebend. Auf diese Fragen wollen Entscheider Antworten haben, bevor sie sich ein Projekt genauer anschauen.

Und was macht der Produzent? "Ich beurteile Stoffe und prüfe Realisierungsmöglichkeiten", sagt Heino Deckert, Produzent von Dokumentarfilmen. Er erläutert: "Pitching ist nicht nur ein gut geführtes Gespräch, sondern auch das Geschriebene muss Qualität haben". Heiko Deckert hat Jura studiert und ist dann zur Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin gegangen. "Ich hatte nie vor, Produzent zu werden. Aber ich wusste bald, das ich nicht Regisseur werde". Nach einigen beruflichen Umwegen entstand Anfang der 90er Jahre die Idee, sich als Produzent selbstständig zu machen.

Deckert gründete mit Freunden die MA.JA.DE Filmproduktions GmbH ( www.d-net-sales.com ). "Ich mache vor allem internationale Koproduktionen im Dokumentarbereich", sagt der 41-Jährige, zum Beispiel "Tot im Eis", ein Film über den norwegischen Polarforscher Roald Amundsen, der erst kürzlich im Fernsehen zu sehen war. Es ist nicht immer leicht für Autoren und Produzenten, sich in die Kunst des Vermarktens einzuarbeiten. "Es ist wichtig, seine persönliche Haltung zum Projekt und zum Erfolg zu kennen", betont Sibylle Kurz.

Wer sich nicht "vermarkten" oder "verkaufen" will, der wird diese Haltung in einem Gespräch ungewollt mit transportieren. "Mein Pitching-Training sollen Hilfe zur Selbsthilfe sein."

Der Verband der deutschen Drehbuchautoren VDD informiert über Filmförderung, Weiterbildung und Seminare (Infos unter www.drehbuchautoren.de ). Eine "virtuelle Stoffbörse" und Infos über European Pitch Point unter www.pitchpoint.org .

Infos über die DrehbuchwerkStatt München unter www.drehbuchwerkstatt.de .

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