Zeitung Heute : Beruf: Empörer und Malocher

Ein Solider mit volksnahem Dialekt. Heute wählt die CDU Volker Kauder zum Generalsekretär

Robert Birnbaum

Es muss eine der besseren Szenen gewesen sein, als sie sich damals im Präsidium der baden-württembergischen CDU leicht betreten gefragt haben, wer denn nun die üble Botschaft überbringt. Damals, am 23. Oktober 2001, hatte die mächtige Südwest-CDU für sich beschlossen, dass Angela Merkel nicht Kanzlerkandidatin werden soll. Erwin Teufel würde es ihr sagen müssen, der Chef. Und Volker Kauder, klar, Teufels Generalsekretär. Aber Kauder schüttelte den Kopf. Er war schon bei Merkel gewesen. Ohne Auftrag. Nur als Volker Kauder. Sie sei noch zu frisch dabei, hatte er der CDU-Vorsitzenden gesagt, die CDU nach der Spendenaffäre noch zu durcheinander, und das Wahlkampfthema würde Wirtschaft heißen – kurz, damit sie Bescheid wisse: Er werde für Stoiber eintreten.

Politische Freundschaft geht oft seltsame Wege. Wenn Kauder damals einer prophezeit hätte, er würde vier Jahre später Merkels General werden – man soll keinen Scheiß erzählen, hätte er gesagt. Am Bodensee reden sie gern deftig. Dafür meinen sie, was sie sagen. Merkel hat sich jedenfalls gemerkt, dass da einer mit offenem Visier auf sie zugekommen war und dass das, genau betrachtet, eine sehr strenge Form von Loyalität darstellte. Auch darum hat sie ihn 2002 gefragt, ob er als Erster Parlamentarischer Geschäftsführer ihr Topmanager im Parlament werden wolle.

Seither hat Kauder – früher Berufswunsch: Zirkusdirektor – Strippen gezogen, angetrieben, von der Telefonrunde morgens um halb acht mit den Chefs der Länder-Staatskanzleien bis zur letzten Kungelrunde in der Nacht. Der 55-Jährige wirkt fast überall mit. Und wo er wirkt, fühlen sich andere schnell überflüssig. „Der malocht wie ein Bescheuerter“, sagt halb kopfschüttelnd, halb achtungsvoll einer, der oft mit ihm zu tun hat. Weshalb es nur Außenstehenden absurd vorkommt, dass ihm dieser Tage immer mal wieder Fraktionskollegen raten, er soll doch ruhig Fraktionsgeschäftsführer bleiben und zugleich CDU-Generalsekretär werden. Zutrauen würde er sich’s. Aber die Zeitungen würden natürlich sofort schreiben, dass sie bei der CDU jetzt schon so knapp mit Personal sind, dass es nicht mal mehr für alle Spitzenposten reicht – also keine gute Idee.

Merkels Idee, dass nach dem jähen Abgang Laurenz Meyers nun er ins Adenauer-Haus wechseln müsse, fand Kauder übrigens anfangs auch nicht berauschend. Der Mann weiß, was er kann, ahnt aber zugleich, was ihm nicht so liegt. Im Hintergrund gordische Knoten aufdröseln zum Beispiel kann er. Deshalb finden es alle nur logisch, dass er, wenn es denn 2006 klappen sollte, Merkels Kanzleramtsminister wird. Vor Kameras irgendetwas daherreden, zumal wenn er es selbst nicht richtig glaubt, passt ihm hingegen weniger. Da wippt er ungeduldig mit dem Fuß und kneift die Augen hinter der schmalrandigen Brille zusammen. Lügen würde er schon gleich gar nicht, an dem Punkt hört sein Parteisoldatentum auf. Wenn er wie jeden Dienstagmorgen in Sitzungswochen drei Dutzend Journalisten zum „Bodenseekreis“ eingeladen hat und in der Union mal wieder die Luft brennt, dann filibustert er lieber eine halbe Stunde zum Beispiel über die empörende Haushaltspolitik der Bundesregierung, als in Gefahr zu geraten, auf heikle Fragen mehr zu antworten, als gut wäre.

Empören kann er sich ganz gut, allein aus alter Übung. In Singen am Hegau-Gymnasium, in Freiburg als Jurastudent ist ihm der 68er-Zeitgeist schon gegen den Strich gegangen. Die Folge ist eine lupenreine Parteikarriere, ein solider Ruf als Wertkonservativer – den aber spätestens die Bekanntschaft mit dem wirklichen Leben als stellvertretender Landrat in Tuttlingen vor ideologisch verbiesterter Prinzipienreiterei bewahrt hat – sowie angelegentliches Lob aus der CSU. Wenn der Kauder ein paar Kilometer weiter östlich aufgewachsen wäre, sagen sie dort, wäre er heute einer der ihren. Als es im vorigen Jahr krachte zwischen den Schwestern, zählte Kauder zu den wenigen, dem die Bayern noch ernstlich zuhörten.

Das alles kann er gut brauchen im neuen Amt. Mit Heiner Geißler hat er darüber gesprochen. Der ist sein Vorbild – nicht der frühe giftige, sondern der späte Stratege. Allerdings, ein zweiter Geißler wird Kauder nicht, „kein Intellektueller“ sei er, sagt ein durchaus wohlwollender Parteifreund, kein geborener Programmatiker. Aber Programmdebatten sind ja auch nicht das, was die CDU in absehbarer Zukunft braucht. Die muss erst- mal sehen, dass ihr Stammpublikum sich von der Irritation erholt, die der Gesundheitsstreit hinterlassen hat. Und dann muss sie die zwei Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen halbwegs intakt überstehen.

Vielleicht liegt darin Kauders Chance: dass da künftig bei Christiansen in der Sonntagabendrunde oder im Adenauer-Haus vor der blauen Stellwand ein Solider mit volksnahem Dialekt das verkörpert, was den Westen, das Gutbürgerliche, die Tradition in der CDU ausmacht. Bei der SPD hatten sie auch einmal einen als General, der der Seele seiner Partei ähnlich nahe kam. Wenn er jetzt zu alledem noch ein Quantum Glück hat, könnte Volker Kauder also so etwas Ähnliches wie Angela Merkels Müntefering werden.

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