Zeitung Heute : Beruf: Journalist - Konflikte der Kriegsberichterstattung

Bora Cosic

Das Drama um Andrej Babitzkij, den Tschetschenien-Korrespondenten des amerikanischen Senders "Radio Liberty", hat ein vorläufiges Ende genommen. Seit Dienstag befindet er sich in Moskau, wo er auf einen Prozess wegen angeblicher Dokumentenfälschung wartet. Die Polizei hatte ihn in Dagestan mit gefälschtem Pass aufgegriffen, den ihm aber womöglich der russische Geheimdienst ausgehändigt hat - im Austausch gegen seinen echten. Anderthalb Monate wusste niemand, wo er sich befand und wer ihn entführt hatte. Zuweilen meldete sich eine Stimme am Telefon, die vorgab, die seine zu sein. Manchmal behauptete er, er sei in den Händen der einen Kriegspartei, manchmal in derjenigen der anderen.

Sein Beruf besteht darin, einige Erscheinungen des Lebens zu erklären und nachvollziehbar darzustellen. Nur seine eigene Lage konnte - und kann er vielleicht nie - erklären. Darin besteht das Paradoxon seines Berufs. Die Geschichte, der er beiwohnt, ist unerklärbar, und einige Taten der Menschen sind unbegreiflich. Warum wurde Grosny in einen Trümmerhaufen verwandelt? Die Stadt, die heute Vukovar aus meinem Land, Serbien, gleicht. Warum irren unzählige Frauen durch den Schlamm, außer sich, ihre Kinder auf dem Arm, während um sie herum die Häuser einstürzen? Warum töten Soldaten Zivilisten, um sich danach mit ihren Opfern fotografieren zu lassen? Das alles soll ein Reporter erklären - unmöglich. Er kann nur jenen Menschen mit Gewehr, der sein schon totes Opfer mit Füßen tritt, registrieren.

Das ist ein bekanntes Bild aus dem Krieg in Jugoslawien. Viele Male habe ich diese Aufnahme betrachtet, obwohl ich sie nicht logisch erklären kann. Ich sollte mich in den Kopf des jungen Mannes hineinversetzen, der ordentlich ausgerüstet ist, diese Person getötet hat und später die Leiche mit Füßen tritt, als wäre er auf dem Fußballplatz. Vielleicht ist der Mann stolz auf sein Tun, vielleicht meint er später, dass er es vergessen sollte. Und dann beginnt er, den Reporter zu jagen, der die Szene fotografiert hat. Denn der Mann, der sie dokumentiert, trägt das Bild auch in sich. Es handelt sich möglicherweise um eine noch drastischere Aufnahme. Wer weiß, wie lange er sie mit sich trägt.

Fotos können wir zerreißen, Negative vernichten, aber die Erinnerung bleibt. Deshalb wird sich der Mensch gefährlich, der sich erinnert. Zunächst weil er schlecht träumt. Dann aber, weil ihm jemand diese Erinnerung aus der Brust reißen will. So wie man ein Herz herausreißt. All das kennt man aus Michelangelo Antonionis Film "Beruf: Reporter". Nun wiederholt es sich in Babitzkijs Schicksal. Er hat viele hässliche Dinge gesehen, die meisten begangen von seinen russischen Volksgenossen. Wir wissen nicht, was er in seiner Erinnerung trägt.

Auch ich berichte über mein Leben, vielleicht wurde auch ich entführt. Diese Entführung fand statt während des Krieges in jenem südlichen Land. Ich war verschwunden, als hätte man mich in einem Sack in eine ganz andere Welt befördert. Und als ich meinen Sack verließ, sah ich, dass niemand ein Lösegeld für mich bezahlt hatte, sondern dass ich als etwas Überflüssiges auf der Straße zurückgelassen worden war. Ein guter Ausgang für jemanden, der gekidnappt war. So ist das Schicksal der Mehrzahl meiner Volksgenossen hier. Sie wurden von der Geschichte, die uns allen widerfuhr, entführt. Doch selbst in dieser Lage schreibe ich weiter - manchmal auf den Knien und in Eile. Um diejenigen, die es interessiert, zu informieren.

Die Stimme, mit der sich Babitzkij meldete, hätte, wie ich lange vermutete, auch das Produkt hochentwickelter Technik sein können, das Ergebnis einer Montage, die ebenfalls von der Geschichte produziert wird. So dass man die wahre Farbe seiner Stimme nur erahnen kann. Ich denke, dass auch meine Stimme in den Ohren von jemanden, der mich von früher kennt, so klingen muss. Also unterscheidet sich das, was ich heute in Form eines Berichts vom Ort meines jetzigen Daseins schreibe, von der gesamten Vergangenheit meines bisherigen Schreibens. Wenn ich mich heute melde, spreche ich aus der Position eines Subjekts, das entführt wurde. So bin ich gezwungen, mich zu äußern, wie mein Entführer - die Geschichte - es von mir verlangt.Aus dem Serbischen von Alida Bremer. Cosic, Jahrgang 1932, lebt als Schriftsteller in Berlin.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben