Zeitung Heute : Beruf: Medienlektor: Lesen, was das Ausland schreibt

Claudia Schaumburg

Financial Times, Wall Street Journal, Wirtschaftswoche gehören zum morgendlichen Leseritual vieler Führungskräfte und Spezialisten. Was treibt die Konkurrenz, was gibt es über das Produkt "meines" Unternehmens zu sagen, was bewegt die Meinungsführer? Das Interesse wächst mit der internationalen Reichweite des Unternehmens. Dem Wunsch, alles zu wissen, sind jedoch Grenzen gesetzt. Wer blättert schon jeden Tag in fünfzig oder mehr Medien aus der ganzen Welt? Der Medienlektor.

Im Unternehmen selbst oder bei einem Dienstleister finden die fachkundigen Augen eines auf internationale Presse spezialisierten Medienlektors genau die Artikel, die seinen Abnehmer interessieren. Was das Ausland über deutsche Politik, die Börsendaten oder eine neue Automarke denkt, kann über Erfolg oder Misserfolg eines Projekts und gar eines ganzen Unternehmens entscheiden.

Der Verein "Finanzplatz" aus Frankfurt am Main, in dem sich Banken und Unternehmensfachleute aus dem gesamten Bundesgebiet zusammengeschlossen haben, beauftragten deshalb die Berliner Medienlektorin Julia Heiß und zwei Kolleginnen mit der Auswertung internationaler Tages- und Fachzeitungen. Die Berliner Lektorin wurde in der "Times" fündig. Sie fasste den Artikel "Britische Broker gegen die Fusionspläne mit der Deutschen Börse!" auf Deutsch zusammen. Der Auftrag an die Lektorin und ihre zwei Kollegen, lautete, Nachrichten aus Europa, den USA und Asien nach Stichworten wie beispielsweise "deutscher Aktienmarkt" oder "Finanzplatz Deutschland" zu durchkämmen. Die Banken- und Unternehmensfachleute bekommen auf diese Weise die Presseberichte aus aller Welt zu lesen. Sie können sehen, was der französische Journalist über die Deutsche Bank und ihre neuesten Geschäftszahlen denkt, was der Japaner analysiert.

Gezielt recherchiert wird auch bei der Schering AG. Hier rücken die fachlich-chemischen Kenntnisse der professionellen Leser in den Vordergrund. "Wir suchen zum Beispiel Meldungen über Nebenwirkungen von Medikamenten", berichtet der Leiter Information und Dokumentation, Matthias Gottwald. "85 Prozent unserer Geschäfte wickeln wir im Ausland ab, da ist ein breiter Blick nötig". Zwar liegen zunehmend auch Internetdienste für die Suche nach heißen Meldungen auf der Lauer. Gottwald hält die Expertise der Mitarbeiter aber für unerlässlich. Ihr Fachwissen erlaubt es ihnen, die Nachrichtenflut über die Chemiebranche zu gewichten, Suchergebnisse auf die Bedeutungswaage zu legen und zu sortieren, was der Konzern dringend erfahren muss oder aber weggelegt werden kann. Dazu brauchen die Lektoren fachliche Erfahrung.

"Es gibt kein System, das den Menschen ersetzt", beschwichtigt Gottwald die Befürchtung, dass die Technik den Informationsvermittler bald überflüssig macht. Informiert ein ausländisches Magazin oder eine Zeitung über ein neues Patent, recherchiert der Mitarbeiter der Schering-Informationsabteilung weiter. Hier bieten sich dann Firmen, die Informationen in Datenbanken sammeln, genauso an wie Internetdienste. Während der "Information Broker" Datenbanken inspiziert, ist der Medienlektor mehr ins unmittelbare Tagesgeschehen involviert. Er soll seine Rechercheergebnisse möglichst genau so aktuell wie der morgendliche Zeitungsbericht liefern. "Kernaussagen umkreisen und übersetzen können", beschreibt der Chef der Auslandsredaktion des Bundespresseamtes die verlangten Fähigkeiten seiner Zeitungslektoren. Große Zeitungen aus fünf Ländern werden täglich daraufhin abgeklopft, was der Informationspolitik der Regierung neue Nahrung geben könnte. Bundeskanzler, Regierungs- und Fraktionsspitzen wollen erfahren, was Corriere della Serra oder Le Monde schreiben.

Den derzeit fünf Mitarbeitern in der Auslandsredaktion des Bundespresseamtes wird politisches Gespür abverlangt: Was interessiert die Bundesregierung? Sie müssen selbst entscheiden, bekommen aber auch konkrete Aufträge auf den Tisch. In diesen Fällen müssen sie nach Stichworten in Presseberichten über bestimmte Aktivitäten der Regierung suchen. Die betreffenden Meldungen sollen sie dann auszugsweise, knapp und präzise übersetzen, damit sie in einen morgentlichen Pressespiegel aufgenommen werden. "Den Zeitungsjargon zu lernen, ist wichtig, das ist etwas anderes als das reine Übersetzen", berichtet Diplomübersetzer Ludwig Danzer.

In der Britischen Botschaft schlagen zwei Lektoren bereits morgens um 4 Uhr die erste Zeitung auf. Andere Botschaften und auch Berlin-Korrespondenten von Zeitungen - wie dem Guardian oder dem International Herald Tribune - haben es eilig und wollen bis 9 Uhr 15 beliefert sein. Im "Guide to German Press" steht dann alles über deutsche Politik, Europapolitik und Großbritannien in den wichtigsten deutschen Zeitungen.

Der britische "Guide" hat bereits eine lange Tradition. Schon vor 40 Jahren tippten Lektoren ihre Rechercheergebnisse mühselig in die Schreibmaschinen. Dank moderner Textverabeitung am Bildschirm geht das heute wesentlich schneller. Dennoch: "Das ist harte Arbeit", sagt Martin Harvey, britischer Lektor mit Germanistikstudium.

Auch Autohersteller sind auf die europäische Presse neugierig. So zum Beispiel der amerikanische Kfz-Bauer Ford: Die Geschäfte in Europa sollen besser laufen. Eine ganze Gruppe von Lektoren werten von Berlin aus über 60 europäische Tages- und Wochenzeitungen, Fachzeitschriften sowie die Online-Ausgaben im Internet aus. Neben "Ford" stehen auf der Liste der "Suchbegriffe" für die Lektoren dort noch die Namen aller anderen Autoproduzenten: Wettbewerbsbeobachtung. Ob der Redakteur der spanischen Autozeitschrift das neue Modell technisch gut findet, kann über das Image des Wagens und des ganzen Konzerns entscheiden: Kümmert die Journalisten in Deutschland, Italien oder Schweden überhaupt der Autohersteller, was gerät in die Schlagzeilen? Auf dem Schreibtisch von Vorstandschef Jacques Nasser in den USA liegen diese News dann jeden Morgen zusammengefasst und ins Englische übersetzt.

Als Mediendienstleister arbeitet die Berliner Firma "Ausschnitt Medienbeobachtung" nicht nur zum Thema "Autos", der Lektor muss sich oft noch die Namen aus ganz anderen Branchen merken. Auf eine Suchmaschine der Online-Zeitung kann er sich nicht immer verlassen. "Auch einen Artikel über Benzinpreise kann der Auftraggeber für höchst wichtig halten, selbst wenn dort kein Name der Branche genannt ist", berichtet Mitarbeiter Stephan Eifert.

"Eine besondere sprachliche Kompetenz" ist neben der "Konzentrationsfähigkeit" für die rund 20 Mitarbeiter des "International Press Monitoring" entscheidend. Auch Nachtarbeit dürfen die in Projekten angestellten Lektoren der "Ausschnitt Medienbeobachtung" nicht scheuen: Damit die gerade gedruckten Artikel schnell an Ort und Stelle landen, recherchieren sie die ganze Nacht, um dann frühmorgens um 6 Uhr ihre Arbeit abzuschließen.

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