Zeitung Heute : Beruf und Bildung: Aus dem Bett direkt ins Netz

Cornelia Dörries

Bei Unterrichtsbeginn trägt Susanne S. manchmal noch ihren Schlafanzug. Doch dem Dozenten folgt sie aufmerksam und meldet sich bei Fragen oder in Diskussionen auch zu Wort - trotz ihrer ungekämmten Haare und dem angebissenen Nutellabrot in der Hand. Die Teilnehmerin an einer einjährigen Weiterbildung zum IT-Manager hat mit ihrem mitunter sehr lässigen Äußeren ebenso wenig Probleme wie ihre Kommilitonen oder Lehrer: Sämtliche Kurse, Workshops und Seminare finden in virtuellen Unterrichtsräumen statt, die man vom heimischen Rechner aus via Internet betreten kann. Das pünktliche Login ist wichtiger als der Dresscode.

Obwohl heute schier gar nichts mehr ohne Internet zu laufen scheint, setzt sich ausgerechnet die institutionalisierte und prüfbare Vermittlung von standardisiertem Wissen über das Datennetz nur langsam durch. Hängt es damit zusammen, dass der ernsthafte Bildungserwerb in unserer Vorstellung nach wie vor an trockene Lehrveranstaltungen und die physische Anwesenheit von Lernenden und Lehrenden gekoppelt ist? Wird das Internet doch eher mit Zerstreuung, Unterhaltung und Kommerz verbunden?

Stichwort Edutainment: Die Befürchtung, dass komplexe und schwer verständliche Sachverhalte durch Animation, Klangeffekte, bunte Grafiken und konzentrationsschwächende Hyperlinks in benutzerfreundliche und mundgerechte Häppchen für den auf der Oberfläche surfenden Nutzer zerlegt werden, ist schwer zu entkräften. Das bestätigt auch Thomas Reglin vom Projekt "CORNELIA: Computer-Netzwerk für Lerner - interaktiv und arbeitsplatznah", das 1994 in Zusammenarbeit mit dem Bildungswerk der bayerischen Wirtschaft e.V. und dem Bayerischen Wirtschaftsministerium als Lernnetzwerk hauptsächlich für die betriebliche Weiterbildung entwickelt wurde. Inzwischen haben schon mehrere Unternehmen im Freistaat die Bildungsangebote der CORNELIA-Online-Seminare genutzt.

Die Zweifel an der Qualität der Wissensvermittlung, mit denen die Verfechter in Sachen Telelearning zu kämpfen haben, lassen sich dabei nicht bestätigen. Der Online-Unterricht erweise sich stattdessen als Bildungsmöglichkeit, die sich wie kaum eine andere der individuellen Situation des Lernenden anpassen lasse, ist auf der Website des CORNELIA-Projekts nachzulesen. Mittels kombinierter Darstellungs- und Kommunikationsmöglichkeiten mit ihrer Vielfalt von Texten, Bildern und Tönen ließen sich hoch spezialisierte Lernangebote erstellen. Die schnelle, von Ort und Zeit weitgehend unabhängige Verfügbarkeit über Unterrichtsmaterial in Datenbanken oder Online-Bibliotheken und Textsammlungen gestatte zugleich eine neue Art von Flexibilität in der persönlichen Zeitplanung.

Sicher, das technisch Machbare stellt auch eine Versuchung dar, die entscheidenden Informationen und Inhalte hinter einem quietschbunten, multimedialen Monitor-Feuerwerk verschwinden zu lassen. Doch auch hier gelte: Less is more. Telelearning biete nämlich die Möglichkeit, aus der unübersehbaren Vielfalt der Informationen gezielt auszuwählen und Bildungs- und Kommunikationsangebote höchst individuell zu adressieren. Ein effizienter Online-Unterricht könne nicht darin bestehen, eine Vielzahl von Downloads bereitzustellen, Surftipps zu geben und erworbene Kenntnisse irgendwann mit einem Multiple-Choice-Test abzufragen, so die CORNELIA-Entwickler. Stattdessen müsse dass Lernen mit dem Computer die Potenziale des Internets für den Dialog zwischen allen Beteiligten nutzen. Eine gute Betreuung der Lernenden durch die Dozenten verlange persönliche Kommunikation auch ohne ständigen face-to-face-Kontakt. Das unterscheidet diese Art des Wissenserwerbs von den klassischen Bildungsangeboten auf CD-ROM oder in Online-Nachschlagewerken.

Dass Telelearning in den nächsten Jahren stark zunehmen wird, versichert auch Friedrich Wilhelm Hesse, Professor am Institut für Wissensmedien an der Universität Tübingen. "Die Vorzüge sind ganz klar. Fernunterricht dieser Art ist integrativer, flexibler und selektiver." Durch die Aufhebung räumlicher Zwänge könne der Tele-Student schon während der Online-Vorlesung mit seinen Mitstudenten über E-mail- oder Chatfunktionen kommunizieren. Sein Kommilitone aus der Präsenzlehrveranstaltung müsse hingegen, will er nicht die Vorlesung stören, auf das spätere Seminar warten, um über die Inhalte zu diskutieren, die der Dozent dem vielköpfigen Auditorium in einem Monolog vermittelte. In virtuellen Unterrichtsräumen lassen sich, so der Professor, Rezeption und Diskussion des Lehrstoffs besser integrieren. Dem Studenten werde allerdings auch mehr abverlangt. Die Möglichkeit des unkomplizierten Hoppings zwischen Online-Seminaren auf einem virtuellen Campus lasse zwar keine Langeweile aufkommen, doch erfordere das individuelles Problembewusstsein sowie Selektions- und Konzentrationsfähigkeit in besonderem Maße. Die potenziell große Auswahl könne zur fatalen Beliebigkeit werden, wenn dem Tele-Studenten nicht klar sei, was wirklich wichtig ist.

Starke Motivation und Selbstdisziplin sind auch von den Bewerbern um die Online-Weiterbildung zum IT-Manager an der Berliner media design akademie gefragt. Fachberaterin Carol Peter betont, dass gerade die Zielorientierung bei den Teilnehmern der Online-Kurse sehr stark ausgeprägt sein muss. "Denn es erfordert eine gewisse Selbstbeherrschung, ein ganzes Jahr lang jeden Morgen pünktlich am heimischen Schreibtisch zu sitzen - und auch dort zu verharren, wenn der Lehrstoff nicht so spannend ist." Den berüchtigten Ablenkungen in den eigenen vier Wänden, angefangen beim Telefonklingeln über vernachlässigte Haushaltspflichten bis hin zur ungelesenen Zeitung müsse man trotzen können.

Die Nachfrage nach Online-Kursen steige parallel zur Verbreitung von vernetzten Rechnern im betrieblichen und privaten Alltag. Denn damit würden auch Menschen in strukturschwachen Gebieten erreicht, die aufgrund ihrer örtlichen und familiären Gebundenheit keine Gelegenheit hätten, eine qualifizierte Fortbildung in einer anderen Stadt aufzunehmen. Doch Telelearning wird die existierenden Bildungsmethoden nicht ablösen, sagt Professor Hesse aus Tübingen. Was dem Unterricht auf der Datenautobahn fehle - zum Beispiel der direkte Augenkontakt, die persönliche Begegnung und das dadurch entstehende Vertrauen zwischen Lehrern und Lernenden - werde auch in Zukunft ein entscheidender Faktor der erfolgreichen Vermittlung von Wissen bleiben. Der Unterricht via Modem und Monitor könnte sich damit wohl als wertvolle Ergänzung und Flexibilisierung vorhandener Strukturen etablieren - und sich damit auch einer größeren Nutzerschaft erschließen lassen.

Die altmodische zwischenmenschliche Interaktion ist allerdings mit keiner noch so ausgefeilten, hochaufgelösten und schnellen Bildübertragung zu ersetzen. Und auch die ganz normale, zähe Lektüre von Fachtexten bleibt keinem Online-Kollegiaten erspart. Denn Bildung lässt sich nicht runterladen.

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