Zeitung Heute : Beruf und Bildung: Der Markt von morgen

Harald Olkus

Informationstechnologien und Neue Medien sind immer noch die aussichtsreichsten Bereiche für Weiterbildungen und Umschulungen. Ein Großteil der vom Arbeitsamt geförderten Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen konzentriert sich auf diese Wirtschaftszweige. Die Chancen, schon nach kurzer Zeit einen Job zu finden, sind hier am größten. "Die Eingliederungsquote bei Berufen in diesem Bereich liegt bei 90 Prozent", sagt Klaus Pohl, Pressesprecher des Landesarbeitsamtes. Datenverarbeitungskaufleute, Systemanalytiker, Anwendungsprogrammierer und Informationselektroniker werden am stärksten von Unternehmen nachgefragt, aber auch Multimedia- und Webdesigner sowie Online-Redakteure haben gute Einstiegschancen.

Um eine Stellung fürs Leben handelt es sich bei diesen Jobs freilich in den seltensten Fällen. "Denn die Fluktuation ist hoch", sagt Pohl. Die Anstellungen würden oft nur ein halbes Jahr dauern, aber Anschlussprojekte seien relativ schnell zu finden. "Kurzfristige Arbeitsverhältnisse und Projektverträge sind der neue Trend in der Wirtschaft, und der lässt sich besonders im IT- und Medienbereich feststellen."

Nach Ansicht des Pressesprechers bleibt der Arbeitsplätze-Boom am Neuen Markt aber ungebrochen. Und da bislang nur wenige Greencards ausgegeben wurden - in Berlin waren es im vergangenen Jahr 141 - werde die Nachfrage wohl auch in den kommenden zwei bis drei Jahren anhalten. Allzu lange sollte die Weiterbildung oder Qualifizierung dennoch nicht dauern. Nach einer Erhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung seien die Stellensuchenden umso leichter zu vermitteln, je kürzer die Kurse dauerten.

Eine umfassende Ausbildung sei im IT-Bereich ohnehin schwer zu konzipieren, sagt Georg Klein von der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK). Bei einem Industriemeister könnten in einer dreijährigen Ausbildung Wissen und Fertigkeiten vermittelt werden, die jahrelang Bestand haben. "Aber in IT-Berufen ändern sich die fachlichen Inhalte viel zu schnell."

Eine Stellenmarktanalyse des Weiterbildungsträgers CDI Deutsche Private Akademie für Wirtschaft GmbH sieht über die IT-Kernberufe und den Multimedia-Bereich hinaus einen "enormen Fachkräftebedarf und zahlreiche neue Berufsbilder" im E-Business und E-Commerce. Vor allem Berater hätten sehr gute Berufschancen. Da in rund der Hälfte der ausgewerteten Stellenanzeigen keine Ausbildung oder Berufserfahrung gefordert wurden, sei diese Branche zudem "für Quereinsteiger bestens geeignet".

Ebenfalls gefragt sind zurzeit Kaufleute. Durch den Umzug zahlreicher Verbände und Interessensvertretungen nach Berlin als Folge des Regierungsumzugs würden viele Bürokauffrauen gesucht, sagt Arbeitsamts-Sprecher Klaus Pohl. Stark nachgefragt sind vor allem Fremdsprachenkenntnisse. Deren Aneignung wird vom Arbeitsamt allerdings nicht gefördert. Gleichzeitig seien Industrie und Handel derzeit sehr zurückhaltend mit Neueinstellungen. Neben vielen offenen Stellen gibt es deshalb auch viele arbeitslose Bürokauffrauen.

Georg Klein von der IHK sieht auch einen Bedarf für Kaufleute in den privatisierten Krankenhäusern, die jetzt als Unternehmen tätig sind und deshalb kaufmännisches Know-how brauchen. Die Stellenmarktanalyse der CDI wiederum registrierte 73 Prozent der kaufmännischen Stellenangebote bei Dienstleistungsfirmen. Eine kaufmännische Ausbildung wird hier allerdings häufiger erwünscht als ein Studium.

Nach Ansicht von Arbeitsamts-Sprecher Pohl sind die Berufschancen von Akademikern immer noch gut: "Je höher qualifiziert die Stellensuchenden sind, desto weniger schalten sie das Arbeitsamt ein." Bei der IHK hat man allerdings die Erfahrung gemacht, dass die Unternehmen sich zunehmend nach Praktikern umsehen, die problemorientiert arbeiten können. Hochspezialisierte Theoretiker seien hingegen weniger gefragt.

Gute Vermittlungsschancen attestiert Pohl auch den Pflegeberufen. Besonders bei den Altenpflegern werde die Nachfrage durch die demographische Entwicklung auch langfristig steigen. Allerdings handele es sich um einen körperlich schweren Beruf mit ungünstigen Arbeitszeiten und schlechter Bezahlung.

Telefon-Agenten weniger gefragt

Die im vergangenen Jahr noch boomende Call Center-Branche ist in diesem Jahr bereits weniger attraktiv. Hier sei anfangs viel mit geringfügig Beschäftigten gearbeitet worden. Durch Qualifizierungsmaßnahmen des Arbeitsamtes und Lohnkostenzuschüsse würden jetzt mehr Vollzeitkräfte beschäftigt. Zumindest in Berlin scheint der Bedarf allerdings weitgehend gedeckt zu sein.

Die schnell wachsenden und oft als Zukunftstechnologien gewerteten Branchen Biotechnologie und Medizintechnik spielen in der Weiterbildungsbranche kaum eine Rolle. Die Aus- und Weiterbildung erfolgt hier entweder an den Universitäten oder durch als Mitarbeiterschulungen konzipierte Kurse von Herstellerfirmen der Laborgeräte. "Eine Weiterbildung von außen ist hier bislang wenig sinnvoll", sagt Georg Klein.

Den Arbeitsmarkt von morgen wissen die Fachleute kaum zu beschreiben, den Arbeitnehmer von morgen dagegen schon: Für Klaus Pohl zählt künftig mehr das Allgemeinwissen als das spezielle Wissen. Gleichzeitig müsse der Arbeitnehmer immer wieder neu dazulernen. Vorübergehende Fristen der Arbeitslosigkeit sollten zur Qualifizierung genutzt werden, denn eine beständige Weiterbildung gebe den nötigen Rückhalt, um im Berufsleben zu bestehen.

Für Georg Klein stehen Flexibilität und Qualität an erster Stelle. Lebenslanges berufsbegleitendes Lernen und regelmäßige aber kurzfristige Weiterbildungen könnten das gewährleisten. Vor allem müssten sich die Unternehmen künftig mehr um ihre älteren Mitarbeiter kümmern. Denn gerade ihre Erfahrung sei notwendig, um die gesetzten Qualitätsstandards auch in Zukunft beibehalten zu können.

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