Zeitung Heute : Beruf und Bildung: Erst die Arbeit ...

Marion Hartig

Schon an den kleinen Dingen des Alltags zeigt sich oft die Notwendigkeit, dazulernen zu müssen. Die Software eines Computers bietet manchmal ungeahnte Möglichkeiten oder die Englischkenntnisse reichen nicht aus, um mit ausländischen Kunden Smalltalk zu halten. Einmal erworbenes Wissen bleibt allein schon aufgrund der technischen Entwicklung und der zunehmenden Informationsflut nicht lange aktuell. Heute Erlerntes kann morgen schon Schnee von gestern sein. Lebenslanges Weiterbilden ist angesagt, will man den Fortschritt nicht verpassen - und damit seinen Job riskieren.

Diesen Bedarf an Wissensvermittlung greifen zahlreiche öffentliche wie private Bildungsträger auf. Vom Webdesignkurs an der Volkshochschule über Controlling-Grundkurse der Industrie- und Handelskammer bis zur Sinologievorlesung an der Freien Universität reicht die Palette der Möglichkeiten, sich neben dem Beruf zu qualifizieren und seinen persönlichen Horizont zu erweitern. "Die Nachfrage ist besonders groß im Bereich der beruflichen Weiterbildung", weiß Peter Scholz, VHS-Referatsleiter der Senatsverwaltung. EDV-Kurse und Seminare zu Neuen Medien, das sind die Renner des Volkshochschul-Programms. Daneben entscheiden sich, berichtet Scholz, viele Weiterbildungswillige für Fremdsprachen. Englisch stehe dabei an erster Stelle.

Computerprogramme zu beherrschen und Kenntnisse in Controlling und E-Business zu haben, sind das zur Selbstverständlichkeit gewordene Job-Fundament, meint der Pressesprecher des weltweiten Dienstleisters DaimlerChrysler Services AG, Christian Schubert. Eine große Rolle spiele darüber hinaus die Vermittlung von interkulturellen Kenntnissen, denn nur mit dem Wissen um Kulturfragen könne man sich auf dem internationalen Markt behaupten. Wie verhält sich beispielsweise ein Japaner bei Vertragsverhandlungen oder worauf ist bei der Zusammenarbeit eines aus verschiedenen Ländern zusammengesetzten Mitarbeiterteams zu achten? Diesen Anforderungen müssen Mitarbeiter zunehmend gerecht werden. Auch die Kommunikationskompetenz kontinuierlich auszubauen, sei sinnvoll. Rhetorikseminare und Kurse für Führungspersonal stehen auf dem Programm der unternehmenseigenen Universität.

"Sich weiterzubilden ist eine absolute Notwendigkeit und unbedingte Voraussetzung für beruflichen Erfolg", meint Schubert. Fülle sich auch nicht mit jeder Qualifizierung unmittelbar das Portemonnaie, so erhöhe man mit dem Zuwachs an Wissen die Chance, spannendere Aufgaben zu bekommen. Er rät deshalb, sein eigener Personalentwickler zu werden und sich ein eigenes Profil zu schaffen. So lasse sich langfristig auch die Karriereleiter erklimmen.

Doch nicht nur das Bedürfnis nach berufsorientierter Weiterbildung steigt, so die Erfahrung der wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Referats für Weiterbildung der Freien Universität, Felicitas Wlodyga. Auch die persönliche Bildung gewinne zunehmend an Bedeutung. Wlodyga belegt ihre Einschätzung mit dem im Sommersemester 2000 gestarteten Projekt der Gasthörercards. Mit dem Erwerb dieser Karte, ist der Besitzer berechtigt an einer Auswahl von 200 Veranstaltungen aus allen Fachbereichen der Hochschule teilzunehmen. Schon im Vergleich zum vorherigen Semester habe sich die Anzahl der Hobbystudenten verdreifacht. Besonders gefragt seien Themenbereiche wie Geschichte, Kunst und Kultur, Ostasienstudien und Indologie. Die Hochschule wolle mit der Initiative aus dem wissenschaftlichen Elfenbeinturm heraustreten und dazu beitragen, die komplexer werdende Welt verständlicher zu machen.

Problemfaktor Zeit

Einziger Haken an der Bildungsofferte: die über den Tag verteilten Veranstaltungszeiten. Damit kommt das Angebot für viele, die im Berufsalltag stehen, nur bedingt in Frage. Viele Weiterbildungsinstitute richten ihre Maßnahmen aber gerade auf die zeitlichen Bedürfnisse von wissensdurstigen Berufstätigen aus. So bieten die Volkshochschulen neben dem gewöhnlichen Abendunterricht kurze, kompakte Kurse, die beispielsweise am Wochenende stattfinden. Ebenso die IHK: In mehrtägigen Seminaren werden Trainings für Führungskräfte und Softwareschulungen durchgeführt. Längerfristige Kurse liegen oft in den Abendstunden. Das ist aber auch ein Beleg dafür, dass es Weiterbildung nicht ohne - von Personalchefs geschätzte - Eigeninitiative gibt. Wer sich neben seinem Job qualifiziert, muss nicht nur Geld, sondern auch Zeit investieren.

Tipps zur Auswahl eines geeigneten Angebots im Dschungel der zahlreichen Bildungsträger gibt die Informations- und Beratungsstelle für Weiterbildung der Senatsverwaltung. Eine Übersicht über öffentliche und freie Bildungsträger der Stadt sind in einem über die Einrichtung erhältlichen Wegweiser zu finden. Auch die Recherche im Internet bringt Informationen für einen Leistungsvergleich. In der Berliner Weiterbildungsdatenbank beispielsweise lassen sich mit der Eingabe persönlicher Daten unter derzeit rund 2000 Titeln geeignete Kurse heraussuchen. Findet man hier nicht das Richtige, führen zahlreiche Links zu weiteren Beratungsinstitutionen.

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