Zeitung Heute : Berufe mit Musik: Rein in den Service

Martina Holderer

Sie fertigen Orgeln, Blas-, Streich- oder Zupfinstrumente, sind oft eine Mischung aus Künstler und Handwerker und sie stehen im Ruf, vom Auf und Ab der Wirtschaft unbehelligt zu sein. Doch auch die Musikinstrumentenmacher müssen nach Nischen suchen, denn die Umsätze der Betriebe gehen zurück. Reparatur und Service sind jetzt gefragter als der Verkauf von Instrumenten.

Die wirtschaftliche Lage der rund 1000 Musikinstrumenten-Handwerksbetriebe in Deutschland ist ein Spiegelbild der gesamten Wirtschaft. "In unserer Branche ist eine gewisse Marktsättigung eingetreten, die Umsätze sind rückläufig", erklärt Johann Scholtz, Bundesinnungsmeister des Verbandes für das Musikinstrumentenhandwerk und zugleich Geigenbaumeister in Düsseldorf. Außerdem sind nach Ansicht von Johann Scholtz in den vergangenen Jahren viele Handwerker ausgebildet worden, "die jetzt in die Selbstständigkeit drängen." "Die Torte wird nicht größer und dadurch verkleinert sich das Stück, das sich jeder herausnehmen kann", kommentiert Scholtz das Überangebot an Nachwuchskräften.

Die Branche muss sich aber auch mit der Konkurrenz aus dem Ausland auseinandersetzen. Die Geigenbauer etwa leiden unter den Billiganbietern aus dem osteuropäischen und asiatischen Raum. Zu schaffen machen den Musikinstrumentenmachern die stark gekürzten öffentlichen Zuschüsse: Wenn Musikschulen, Theater oder Sinfonieorchester den Gürtel enger schnallen müssen, bedeutet das für die Musikinstrumentenbranche schwindende Umsätze. Ein Patentrezept, wie die Branche dies überstehen kann, hat Scholtz nicht: "Wir müssen da einfach durch und weiterhin gute Arbeit leisten."

Natürlich gibt es auch Firmen, bei denen sich die wirtschaftliche Talsohle weniger bemerkbar macht. So sind die Brüder Frank und Uwe Weschenfelder ( www.weschenfelder.de ) aus dem nordbadischen Forst bei Bruchsal Meister im Ausklügeln neuer Geschäftsideen. Bei ihnen dreht sich alles rund ums Klavier. Zu den Kunden der 1989 gegründeten Firma gehören nicht nur Klavierliebhaber, sondern auch Firmen aus der Möbelindustrie und Innenausbaubranche. Klavierbaumeister Uwe Weschenfelder ist für die Werkstatt, und Frank - Klavierbauer und -stimmer - für den Außendienst zuständig. Mittlerweile zählen rund 2000 Klavierbesitzer zu Franks Kunden. Im Umkreis von 150 Kilometer stimmt der 32-Jährige Klaviere oder überholt deren Mechanik. "Trotz der Rezession kann sich jeder Klavierbesitzer ein- bis zweimal im Jahr die Kosten für eine Stimmung des Instrumentes leisten".

Ganz anders eine technischen Generalüberholung, die beim Kunden ab 7500 Mark aufwärts zu Buche schlägt. "Mit Aufträgen in dieser Größenordnung ist es etwas ruhiger geworden", räumt Uwe Weschenfelder ein. Die Brüder führen jedoch nicht nur Reparatur- und Restaurationsarbeiten aus, sondern verkaufen auch gebrauchte Klaviere. Der Stolz von Frank Weschenfelder ist die Herstellung designorientierter Klaviere, Auftragsarbeiten, die ab 20 000 Mark zu haben sind. Sein Bruder Uwe entdeckte eine weitere Facette seines Handwerks. Beim Lackieren kam er auf die Idee, Bilder aus Klavierlack zu fertigen.

Bei Manfred E. Lutz liegt das Geigenbauhandwerk in der Familie. Schon der Vater war Geigenbaumeister und eröffnete Ende der 20er Jahre in Pforzheim eine eigene Werkstatt. Zusammen mit der Geigenbaumeisterin Charlotte Hepfer repariert er Streichinstrumente und Bögen, Ehefrau Dagmar ist für Verkauf und Büro zuständig. Das Gros des Umsatzes bestreitet Manfred E. Lutz mit dem Handel von Streichinstrumenten und dem Verkauf von Zubehör wie beispielsweise Bögen, Etuis, Saiten und Noten für Streicher. Auch an dem seit 1979 bestehenden Geschäft ist die Zeit nicht spurlos vorübergegangen. Für den Geigenbaumeister steht fest: Die goldenen Zeiten gehören der Vergangenheit an.

Der Hauptgrund für die prekäre Lage ist nach seiner Ansicht der "schwunghafte Handel von Musiklehrern mit gebrauchten Streichinstrumenten." Beim Erstellen von Wertgutachten für Geigen, die versichert werden sollen, stellt Lutz häufig fest, dass viel zu teuer gekauft wurden: "Eine beneidenswerte Gewinnspanne, die wir auch gerne hätten". Geigen in den Preisklassen zwischen 10 000 und 15 000 Mark sind früher relativ häufig verkauft worden, erinnert sich Lutz. Der Wert eines Instrumentes hängt vom Herkunftsland, Erbauer, Alter und Zustand ab. "Viele beurteilen den Wert eines Streichinstrumentes nach dem Klang; doch das ist reine Geschmacksache."

Geigenbaumeister Lutz setzt dem immer größer werdenden Wettbewerb ein familienfreundliches Serviceangebot entgegen: Für 25 Mark im Monat können Eltern ein Streichinstrument inklusive Bogen und Kasten für ihren Nachwuchs mieten. Dann ist es auch kein Beinbruch, wenn die Sprösslinge doch lieber vom Geigespielen auf Inlineskating umsatteln wollen.

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