Zeitung Heute : Berufsbild einer Spürnase: Keine schmuddeligen Schlafzimmer-Schnüffler

Walter Schmidt

Den Mantelkragen hochgeschlagen, ein Guckloch in der Zeitung, dahinter ein Mann, der auffällig unauffällig liest - das ist eines der Klischees über Detektive. Ein anderes steuern fesche Fernseh-Ermittler vom Schlage eines Rockford oder Matula bei, die Reifen quietschen lassen oder Pistolen ziehen. Und über allem wabert Sherlock Holmes, der Gott der Spürnasen, mit schmauchender Pfeife und Adlerblick. Doch für Bodo Scholl, bis vor kurzem Präsident des Bundesverbandes Deutscher Detektive (BDD), ist ein anderes Vorurteil schlimmer: "Wir haben immer noch das Image der schmuddeligen Schlafzimmer-Schnüffler."

Dass die nun schon 23 Jahre alte Reform des Scheidungsrechts eine Wendemarke im Berufsbild war, habe die Öffentlichkeit kaum mitbekommen. Doch seit 1977 klären Gerichte bei Scheidungen nicht mehr die Schuldfrage, was Detektiven viele Aufträge geraubt hat. "Wir sind seither sehr bemüht, das Image als Privatdetektiv, der unterm Bett schnüffelt, abzulegen", sagt Scholl. Tatsächlich kommen noch rund 20 Prozent der Ermittlungsaufträge von Privatleuten, der große Batzen aber von der Wirtschaft.

Von dieser Entwicklung profitieren Detektiv-Büros wie Andreas Heims Berliner Wirtschaftsdienst. Als Detektiv des 21. Jahrhunderts setzt Heim notfalls auch GPS-Satellitensender ein, um Spesenrittern und anderen Angestellten auf Abwegen das Handwerk zu legen. "Wir sehen den Trend, dass sich Außendienst-Mitarbeiter, aber auch Führungskräfte bei Dienstreisen nicht mehr so ganz im Sinne des Arbeitgebers bewegen", sagt Heim süffisant.

Wenn die Unternehmen feststellen, dass der Mitarbeiter weniger Umsatz macht als zuvor und interne Nachforschungen erfolglos bleiben, rufen sie den Spezialisten. "Etwa zehnmal im Jahr" bringen Heims Detektive dann einen Sender unter dem Dienstwagen des Verdächtigten an und überwachen dessen Fahrten auf dem Monitor. Die Firmen sparen so viel Geld. Obwohl: Erst einmal müssen die Auftraggeber tief in den Geldbeutel greifen. "Wenn man mit drei Leuten in zwei Autos observiert, kommt leicht ein vierstelliger Betrag beisammen", sagt Heim.

Der Diebstahl von Büromaterial, der Missbrauch von Firmenrabatten und der Klau von Kundenkarteien verschafft Detektiven heute ebenso üppig Arbeit wie gefälschte Bewerbungsunterlagen, Computerkriminalität und die Wirtschaftsspionage großen Stils. Nach Schätzungen der Hermes Kreditversicherungs AG belaufen sich die volkswirtschaftlichen Schäden durch Wirtschaftsdelikte auf einem niedrigen zweistelligen Milliardenbetrag mit schwer bestimmbarer Dunkelziffer. Die Gewerkschaft der Polizei geht sogar von 130 bis 150 Milliarden Mark an Schäden aus.

Daneben muten manche Fälle aus dem zwischenmenschlichen Bereich eher skurril an. Da beauftragen erboste Menschen einen Ermittler, weil "seit zwei Wochen immer wieder Hundekot in der Einfahrt" liegt, wie Manfred Lotze von der Düsseldorfer Detektei Kocks berichtet. Oder Detektive überführen mit der Video-Kamera einen Mann, der seinem Nachbarn ständig auf den Griff des Garagentors onaniert, um ihn zu drangsalieren. "Keine Ahnung, warum Leute so etwas tun", seufzt Lotze. Kaum zu glauben, aber er hatte diesen Fall tatsächlich.

Die Ermittler der 1000 bis 1100 deutschen Detekteien dürfen nur dann loslegen, wenn der Auftraggeber ein berechtigtes Interesse am Ergebnis der Recherche hat. Das ist nicht der Fall, "wenn einer die hübsche Blondine im Nachbarhaus mal unter die Lupe nehmen lassen will, um herauszufinden, ob sie noch zu haben ist", sagt Lotze. Doch nach Ansicht seines Kollegen Scholl ist das berechtigte Interesse "gummiartig" auslegbar. "Wenn ein Vater uns seine 16-jährige vermisste Tochter suchen lässt, dann liegt ein berechtigtes Interesse vor." Bei einer 22-Jährigen würde Scholl zögern. "Wenn wir nämlich nachforschen, stellen wir womöglich fest, dass die Tochter nicht - wie behauptet - in die Fänge eines Zuhälters geraten, sondern abgehauen ist, weil sie der Vater sexuell belästigt."

Dedektive brauchen also eine gute Menschenkenntnis. Das darüber hinausgehende fachliche Rüstzeug für den Beruf des professionellen Ermittlers können sich Ex-Soldaten oder -Polizisten, aber auch andere Interessenten, in Kursen und über eine Art Fernstudium bei der Zentralstelle für die Ausbildung im Detektivgewerbe (ZAD) aneignen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben