Zeitung Heute : Berufsbildung: Ausländische Chefs werden Ausbilder

Helga Ballauf

Die Bankfiliale zählt viele italienische Familien zu ihren Kunden - da lag es nahe, Luisa als Auszubildende einzustellen. Sie hatte in ihrer Heimatstadt Turin ein Wirtschaftsgymnasium absolviert und danach ihr Deutsch auf Hochglanz poliert. Luisa - genau die Richtige, um bei Kreditgeschäften zu dolmetschen und am Schalter komplizierte banktechnische Begriffe zu übersetzen. Silvia dagegen arbeitet bei einem Global Player. Die angehende Industriekauffrau mit spanischen Wurzeln hat bereits während der Ausbildung längere Zeit in Madrid verbracht. Zwei Beispiele dafür, dass junge Leute ausländischer Herkunft in Deutschland durchaus anspruchsvolle Berufe lernen. Zwei Fälle, bei denen der Vorteil für die Firmen offensichtlich ist, wenn sie sich frühzeitig qualifizierte Mitarbeiter heranziehen, die in zwei Sprachen und Kulturen Zuhause sind. Doch Luisa und Silvia sind Ausnahmen.

Im Frühsommer 2000 schlug das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) Alarm: Immer mehr Jugendliche mit ausländischer Herkunft wollen eine betriebliche Berufsausbildung machen, aber immer weniger von ihnen bekommen eine Lehrstelle, kritisierte das BIBB. Die Folge: Jede / r dritte junge Ausländer / in in der Bundesrepublik zwischen 20 und 29 Jahren hat keinen anerkannten Berufsabschluss. Bei den Deutschen ist es jede / r Zwölfte. Eine Möglichkeit, gegen diesen Missstand anzugehen, besteht darin, von Ausländern geführte Firmen als Ausbildungsbetriebe zu gewinnen. Wer Lehrlinge qualifizieren will, wird erst einmal mit allerlei Anforderungen und mit einer Reihe deutscher Wortungetüme konfrontiert: Ausbildereignungsprüfung - anerkannter Ausbildungsberuf - Berufsgrundbildungsjahr-Anrechungsverordnung. Das klingt nach bürokratischem Aufwand und rechtlichen Fußangeln - einfach abschreckend für viele Firmenchefs.

Unternehmer ausländischer Herkunft in Deutschland bieten vor allem Dienstleistungen an - vom Gemüsehändler über den Gastwirt bis zum Internetspezialisten. Allein in Berlin geht man von rund 16 000 ausländischen Betrieben mit rund 45 000 Beschäftigten aus. Doch kaum einer der türkischen, griechischen, pakistanischen oder italienischen Chefs wagt den Sprung ins duale Ausbildungsgeschäft allein.

In vielen Städten haben sich deshalb Beratungsangebote etabliert. Bei der "Koordinierungsstelle - Ausbildung in ausländischen Unternehmen" (KAUSA) laufen die Fäden bundesweit zusammen. In Berlin bietet beispielsweise die SPI ServiceGesellschaft seit drei Jahren einen solchen Service an: Ausländische Firmeninhaber, die Azubis einstellen wollen, werden fachkundig informiert, geschult und bei den ersten Schritten ihres Engagements begleitet.

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