Zeitung Heute : Berufsbildung in der Krise

DANIEL WETZEL

Zu Beginn des neuen Berufsschuljahres gibt es in Berlin und Brandenburg mehr Jugendliche ohne Lehrstelle, als jemals zuvor.Die Wirtschaft kann mit den steigenden Schulabgängerzahlen nicht mithalten.VON DANIEL WETZELNach der Schule in die Leere? Zu Beginn des neuen Berufsschuljahres gibt es in Berlin und Brandenburg mehr Jugendliche ohne Lehrstelle, als jemals zuvor.Die Wirtschaft hat es aufgegeben, mit den steigenden Schulabgängerzahlen Schritt zu halten.Statt mehr, bietet sie in diesem Jahr deutlich weniger Ausbildungsplätze an.Die Berufsbildungspolitik muß ihre Niederlage eingestehen: Die Bundesregierung hatte die Forderungen der Wirtschaft erfüllt und die meisten Ausbildunghemmnisse abgebaut - doch sie ist damit keinen Schritt weitergekommen.Ohnmächtig kehrt Bonn nun zur Politik der Appelle zurück. Undank ist der Welten Lohn: Die Bundesregierung ist in den letzten Monaten sehr weit darin gegangen, den Betrieben das Ausbilden zu erleichtern.Der Berufsschuluntericht wurde effizienter gemacht, das Jugendarbeitsschutz-Gesetz gelockert, die Eignungsverordnung für Ausbilder entschärft.Zuvorkommende Betriebsräte genehmigten vielerorts die untertarifliche Bezahlung von Azubis.Vermögenssteuer, Gewerbekapitalsteuer und Kohlepfennig sind weggefallen: Auch die Steuerbelastung, stellt Bildungsminister Rüttgers fest, kann kein Alibi mehr sein.Doch die Wirtschaft dankt es schlecht: Das Handwerk schloß in diesem Jahr drei Prozent weniger Ausbildungsverträge ab.In Berlin, wo die Zahl der Schulabgänger um sechs Prozent gewachsen ist, bieten die Unternehmen vier Prozent weniger Lehrstellen an.Setzt sich der Trend so fort, dürfte die Zahl der unversorgten Jugendlichen in der Region in diesem Jahr um fast 40 Prozent anwachsen. Diese Jugendlichen werden nach einer nutzlosen Runde in der Warteschleife die Ausbildungskrise des nächsten Jahres weiter verschärfen.Das Problem ist zunächst demographischer Natur: Bis zum Jahr 2007 steigt die Zahl der Schulabgänger bundesweit jährlich um 15 000.Die Wirtschaft müßte also nicht weniger, sondern sehr viel mehr Lehrstellen schaffen.Dabei reichte es noch nicht einmal, wenn rechnerisch jedem Bewerber ein Ausbildungsplatz gegenüberstünde.Die in Artikel 12 des Grundgesetzes garantierte "Freiheit der Berufswahl" ist nur gewährleistet, wenn jeder Jugendliche unter mehreren Lehrstellen auswählen kann.Um dies zu erfüllen, darüber ist sich die Rechtsprechung einig, müßte das Lehrstellenangebot um gut 12 Prozent über der Nachfrage liegen.Die Wirtschaft, so das Bundesverfassungsgericht 1980 in einem Grundsatzurteil, könne die Verantwortung dafür nicht beim Staat abladen.Sie habe selbst "eine spezifische Verantwortung für ein ausreichendes Lehrstellenangebot." Doch die Wirtschaft ist dieser Verantwortung nicht gewachsen.Sicher, es gibt rühmliche Ausnahmen: Auch in Berlin und Brandenburg stellen viele Betriebe ihre Ausbildungsbereitschaft seit Jahren eindrucksvoll unter Beweis.Initiativen wie die des Verbandes der Metall- und Elektroindustrie und firmeninterne "Bündnisse für Lehrstellen" zeigen, was möglich ist.Doch unter dem Strich bleibt in der Lehrstellenbilanz ein ständig wachsendes Negativsaldo. Was ist zu tun? Die Politik darf die Wirtschaft nicht aus ihrer Verantwortung entlassen.Staatliche Berufsschulen sind kein Ersatz für das Duale Berufsbildungssystem: Es kann nicht sein, daß immer mehr Jugendliche ihre Ausbildung an jeder betrieblichen Praxis vorbei komplett im Klassenraum absolvieren.Eine von der Arbeitswelt abgekoppelte Ausbildung wird den späteren Anforderungen kaum gerecht.Das bislang erfolgreiche System der Dualen Berufsausbildung in Schule und Betrieb, darf nicht weiter ausgehöhlt werden. Briefaktionen von Politikern, Lehrstellen-Appelle und Betriebsbesuche sind zwar nicht nutzlos: Sie sorgen für moralischen Druck und verankern das Thema im Bewußtsein der Öffentlichkeit.Doch eine Trendwende in der Lehrstellenkrise ist so nicht zu erreichen.Soll sich die Krise nicht zum Bankrott ausweiten, muß man das Scheitern der bisherigen Politik als Chance begreifen, unvoreingenommen über neue Rezepte zu diskutieren.Steuerliche Erleichterungen für ausbildungswillige Unternehmen, sind eine Möglichkeit.Auch die Diskussion um die von SPD und DGB vorgeschlagene "Umlagefinanzierung" der Ausbildung könnte ohne die bislang übliche Polemik möglicherweise zu sinnvollen Kompromissen führen.Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewohnte Maßnahmen.

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